Haben die zwei Besatzungsmitglieder vergessen, die Führerkabine herunterzufahren? Oder war ein technischer Fehler schuld daran, dass die Kabine noch oben war, als die «Viking Freya» unter der Brücke durchfahren wollte? «Wir wissen noch nicht, ob menschliches oder technisches Versagen oder eine Kombination der beiden die Ursache für den Unfall ist», sagt Michael Petzold, Mediensprecher der zuständigen Polizei Mittelfranken.

Fakt ist aber, dass die Reling auf dem Deck des Schiffs korrekt heruntergefahren worden sei, als es unter der Brücke durchgefahren sei, wie Petzold sagt. Auch sei es bei den beiden Brücken noch nie zu einem Unfall gekommen, obwohl sie «mehrmals täglich von ähnlich grossen Schiffen befahren werden». Die Brücke sei in der Unfallnacht normal in Betrieb gewesen und habe weder Schäden noch Mängel aufgewiesen.

Viking will nicht kommentieren

Das Flusskreuzfahrtschiff war unterwegs von Erlangen nach Budapest, als es nach nur 30 Minuten Fahrt zur Kollision mit der Brücke kam. Für zwei Besatzungsmitglieder, die sich zum Unfallzeitpunkt in der Führerkabine aufgehalten hatten, kam jede Hilfe zu spät, sie starben eingeklemmt zwischen den Trümmern der Kabine.

Das verunglückte Schiff gehört zur Flotte der Viking River Cruises, einem Unternehmen mit Hauptsitz in Basel. Weil es sich um eine laufende Untersuchung handelt, will Viking River Cruises keine Stellung nehmen: «Über die Unfallursache wollen wir weder spekulieren noch Details kommentieren», sagt Mediensprecher Ian Jeffries. Angestellte des Unternehmens seien seit dem Unfall vor Ort und würden die ermittelnden Behörden unterstützen. Ihre Gedanken seien bei den Familien und Angehörigen der zwei tödlich verunfallten Besatzungsmitglieder.

Die Crew der «Freya» fuhr die Strecke in der Nacht auf Sonntag nicht zum ersten Mal. «Am 9. September ist das Schiff aus Budapest kommend in Erlangen angekommen», sagt Petzold. «Die Crew ist also schon einmal unter den beiden Brücken durchgefahren, wenn auch in der Gegenrichtung.»

Schon eine Brücke passiert

Dass die Technik an Bord kurz vor dem Unglück noch funktionierte, zeigt sich auch daran, dass die «Freya» auf ihrer kurzen Fahrt vom Hafen Erlangen in Richtung Budapest bereits unter einer anderen Brücke durchgefahren war, wie Guido Zander von der Wasserstrassen- und Schifffahrtsverwaltung WSV des Bundes sagt. «Diese ist nur minim höher als die anderen beiden. Das Schiff wäre also auch mit dieser ersten Brücke kollidiert, wenn die Führerkabine oben gewesen wäre.»

Gab es noch Funkkontakt?

Die WSV betreibt und unterhält die Bundeswasserstrassen und die dazugehörigen Anlagen in Deutschland. So auch die Schleuse, welche die «Freya» ungefähr einen Kilometer nach den beiden Brücken passiert hätte. Gemäss Zander werden die ermittelnden Behörden den Funkverkehr der Besatzung mit den Mitarbeitenden der Schleuse auswerten. «Jedes Schiff, das passieren will, muss sich via Funk anmelden», sagt Zander. Es sei davon auszugehen, dass sich die Besatzung der «Freya» vor dem Unfall bereits gemeldet hat. Ob das Schiff sein Tempo auf der Höhe der Brücke bereits gedrosselt hatte, um die Schleuse zu passieren, dazu kann Zander zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts sagen.

Noch ein Basler Schiff

Der tödliche Unfall in Erlangen ist nicht das einzige Schiffsunglück unter Schweizer Flagge in jüngster Zeit. Nur kurz später ereignete sich auf dem Main-Donau-Kanal südöstlich von Bratislava ein weiterer Unfall: Ein Schiff der Basler Reederei Scylla krachte in einen Uferdamm. Die Mediensprecherin des Unternehmens bestätigte den Vorfall gegenüber der bz. Ob der Kapitän des Schiffs tatsächlich betrunken war, wie einige Medien berichteten, sei Teil der laufenden Ermittlungen. Von den rund 150 Passagieren und 50 Besatzungsmitgliedern an Bord wurde bei dem Unfall niemand verletzt.

Jede Brücke birgt Gefahren

Die Schifffahrt ist auch in Basel ein Thema. Jeden Tag sind grosse und kleine Schiffe auf dem Rhein unterwegs – und auch sie müssen ohne Zwischenfälle unter Brücken durchfahren. «Jede Brücke birgt ihre Gefahren», sagt Simon Oberbeck von den Schweizerischen Rheinhäfen. Grundsätzlich müsse ein Schiffsführer Strömungsverhältnisse und den Wasserstand beachten. Bei einigen Brücken muss der Kapitän wie in Erlangen das Steuerhaus tiefer legen, damit das Schiff unten durch passt. Der Schiffsführer wisse jedoch genau, wo das erforderlich sei.

Besondere Aufmerksamkeit sei zwischen der Wettsteinbrücke und der Mittleren Rheinbrücke gefragt. «Einerseits wegen des tiefen Brückenbogens, andererseits wegen des engen Radius des Rheins», sagt Oberbeck. Schiffsführer, die kein Patent haben, benötigen auf dieser Strecke einen Lotsen.