Culturescapes

Schillernder Universalkünstler: Wer war Tadeusz Kantor?

Tadeusz Kantor (links) während der Aufführung seines Stücks «Où sont les neiges d’antan». (Archivbild)

Tadeusz Kantor (links) während der Aufführung seines Stücks «Où sont les neiges d’antan». (Archivbild)

Das Festival Culturescapes und das Museum Tinguely zeigen eine Hommage an den polnischen Theaterkünstler Tadeusz Kantor.

Es geht Schlag auf Schlag. Nach der Eröffnung am Samstag im Theater Basel präsentiert das Festival Culturescapes einen weiteren Programmpunkt. Das Museum Tinguely wirft ab heute ein Schlaglicht auf Tadeusz Kantor (1915-1990). Der polnische Theaterregisseur ist eine zentrale Figur in der Kunstszene seines Landes und hat das Theater der Nachkriegsjahre weltweit beeinflusst.

Kantor gründete sein Theater in den Vierzigerjahren in Krakau, noch unter deutscher Besatzung. Die Arbeit im Untergrund begleitete ihn aber noch jahrzehntelang. Selbst als er in den Siebzigerjahren im Westen als schillernde Figur der Theater-Avantgarde wahrgenommen wurde, blieben ihm Gastspiele im Ostblock verwehrt. Ein eigenes Theater hatte er nie, sondern entwarf seine Stücke für Off-Spaces.

Die dunkle Feier des Absurden

Es sind ebendiese politischen Widerstände und die Armut, die Kantors Werk geprägt haben. Ästhetisch ist es eine Arte Povera, ein «Armes Theater». Diesen Begriff prägte ein Landsmann Kantors, der legendäre Regisseur und Theatertheoretiker Jerzy Grotowski. Mit ihm teilte Kantor die Auffassung, dass Theater nicht naturalistisch und nicht psychologisch sein dürfe. Damit stellten beide Künstler ihr Schaffen gegen den Einfluss der russischen Schule und schufen etwas Neues: Ein Theater, das keine Geschichte im herkömmlichen Sinn erzählt, sondern eine dunkle Feier des Absurden und Fantastischen ist.

Das machte international Schule und beeinflusste westliche Theaterkünstler wie Peter Brook oder Robert Wilson nachhaltig – und die polnische Szene bis heute. Dass Kantors Werk auch Einfluss auf die bildende Kunst hatte, dafür steht sein Auftritt 1987 an der Documenta 8 in Kassel.

Gebrauchte Gegenstände aus der Wirklichkeit in den Kunstraum

Nun ist ausgestelltes Theater kein einfaches Unterfangen. Im Falle von Kantor gibt es aber durchaus Zugänge, zumal der Regisseur für seine Inszenierungen Objekte schuf, die auch skulptural funktionieren. Im Museum Tinguely ist das seine «Trompete für das letzte Gericht». Sie steht sinnigerweise im Vorraum zu Jean Tinguelys «Mengele-Totentanz». Wie Tinguely teilte Kantor die Vorliebe für gebrauchte Gegenstände, die er aus der Wirklichkeit in den Kunstraum holte.

Die apokalyptische Trompete bildet das Zentrum einer Assamblage aus Kostümen und Requisiten für «Où sont les neiges d’antan», eine halbstündige Performance, betitelt nach einem Gedicht Francois Villons, uraufgeführt Ende der Siebzigerjahre in Rom. Die Performance selbst ist auf einer Leinwand zu sehen, dazu Fotos der Aufführung und Szenen-Skizzen. Während die Requisitenansammlung mehr Dokumentation denn künstlerische Installation ist, lässt der Film Kantors Theater nochmals auferstehen.

Entlang eines Seils, das zu einem sitzenden Frauenskelett führt, tritt sein Figurenreigen in Aktion: Gestalten in weissen Papieranzügen bewegen sich darin wie von einer stotternden Maschine gesteuert. Sie versuchen, mithilfe eines Rabbis das apokalyptische Feuer zu löschen. Eine tote Braut wird präsentiert, während zwei rotgewandete Kardinäle Tango tanzen. Kantor selbst steht oder sitzt rauchend auf der Bühne und dirigiert seine Darsteller wie Puppen. Ein eigenartiges Ritual des Absurden und grotesker Totentanz zugleich.

Zu Besuch im virtuellen Theater

Ergänzend zur Ausstellung im Obergeschoss zeigt das Museum im Parterre eine Installation. Inspiriert von Kantors «Theater des Todes» haben Auriea Harvey und Michaël Samyn die Virtual-Reality-Animation «Cricoterie» entworfen. Mittels VR-Brille entführt diese den Besucher in ein imaginäres Theater, das von Requisiten, Rabenvögeln und einem schwebenden Kardinal bevölkert ist.

Die Hyper-Illusion dieses Kabinettstücks steht auf den ersten Blick in einem krassen Gegensatz zu Kantors «Armem Theater», das die lebendige Kreatur und beseelte Gegenstände ins Zentrum gerückt hat. Aber die Installation lässt auch andere Lesearten zu: Vielleicht sind unsere Seelen ja dabei, sich in den virtuellen Raum auszubreiten, wo wir alle wie einst Kantor Requisiten und Schauspieler mit einem Fingerschnippen dirigieren können.

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