Wenn Regentropfen fallen, Sonnenstrahlen durch die Wolken brechen oder eine Hochzeit ansteht. Dann kommt er zum Einsatz: der Schirm. Über 4000 Jahre alt ist die Geschichte des farbigen Gebrauchgegenstandes, rund 400 historische Stücke werden ab morgen in der Ausstellung «Schirme – Vom Alltagsobjekt zum Kunstgegenstand» im Spielzeug Welten Museum gezeigt. Schirmmacher Michel Heurtault bringt seine riesige Sammlung nach Basel.

Der Maître d’Art stellt in seinem Pariser Atelier aussergewöhnliche Einzelstücke her. Alles Handarbeit: das Zusammenfügen des Gestells, das Zuschneiden der einzelnen Teile und das Vernähen des Stoffdaches. Aber er stellt sie nicht nur her, er restauriert die Schirme aus allen Epochen auch.

Auf diesem Schirm (um 1930) ist eine Frauenbüste auf der Schirmspitze montiert.

Auf diesem Schirm (um 1930) ist eine Frauenbüste auf der Schirmspitze montiert.

Kaufte die Dame im 18.  Jahrhundert einen Regen- oder auch Sonnenschirm, wählte sie zuerst das Material und die Verzierung des Griffs aus. Ein paar Beispiele aus Heurtaults Fundus: In den Vitrinen steht ein Sonnenschirm mit einem grossen Griff in Form eines Raubvogels, ein anderer ist verziert mit einem Bergkristall und ein weiterer aus Porzellan. Die Griffe wurden auch funktional ausgesucht. Musste die Dame sich in der Kutsche nachschminken, öffnete sie den Griff und fand dort den erwünschten Puder, den Lippenstift und auch einen Spiegel. Um nicht zu spät zu kommen, setzte der Schirmemacher auf Wunsch einfach eine Uhr oben auf. Und damit die Dame keine Angst vor wilden Hunden haben musste – auf den Pariser Strassen damals keine Seltenheit –, wurden die Stiele gar als Waffen, beispielsweise Degen gebaut.

Mehrere Kunsthandwerker

Um den Schirm damals zu fertigen, arbeiteten mehrere Kunsthandwerker daran. Ein Schnitzer arbeitete eine Figur aus dem Elfenbein, sollten Steine den Griff zieren, kümmerte sich ein Goldschmied darum. Der Schirmmacher sorgte schliesslich für das Schutzdach: flach, halbrund, spitz, dreieckig oder glockenförmig.

Die Frauen achteten stets darauf, dass der Stoff des Schirms – Material sowie Farbe –, zu ihren Kleidern passten. Deren Töchter waren in den selben Farben wie sie selber eingekleidet – so auch die Puppen der Kleinen mit ihren Schirmen. Zudem übermittelten die Schirme einen Kodex. Witwen durften nur mit schwarzen Schirmen ihr Haus verlassen. Trauerten sie über ein Jahr um ihren Mann, durfte die Innenseite des Schirms weiss sein und das Schutzdach gar mit Spitzen verziert werden.

Jeder Kundenwunsch wird erfüllt

Die Stiele von Heurtaults eigenen Kreationen sind alle historisch. Berits im Alter von 20 Jahren begann der Künstler mit dem Aufbau seiner Sammlung. Einige findet er heute bei Geschäftsauflösungen oder sogar im Müll. Je nach Zustand des Accessoires investiert er bis zu 300 Stunden Arbeit, bis der Schirm wieder original aussieht. Wer bei ihm einen Schirm in Auftrag geben möchte, wird zuerst genau unter die Lupe genommen, dann macht Heurtault einen Vorschlag zum Stil des Schirms und wartet auf das Ja des Kunden.

Kunden gibt es genug –, zu ihm gelangen auch Bestellungen aus der Schweiz. In Europa wird heute nur noch nach Regenschirmen gefragt, in Asien jedoch sind Sonnenschirme immer noch hoch im Kurs. Heurtault ist einer der letzten, der sich auf das Schirmemachen noch versteht. Er wird deshalb angefragt, wenn Schirme für historische Filme benötigt werden. Originale gibt er keine ab, er baut sie jedoch eins zu eins nach.

Sein grosser Wunsch

Schirme herstellen ist Heurtaults Passion. Er hat deswegen einen grossen Wunsch: Der Schirmemacher möchte, dass die Frauen heute den Schirm wieder wertschätzen, wie sie ihre Handtasche lieben. Denn so kreativ und detailbehaftet die Schirme auch sind: Heurtaults Werke sind für den Gebrauch da und nicht für die Vitrine.

Ausstellung ab heute Samstag, Spielzeug Welten Museum, Steinenvorstadt 1, Basel.