Herr Cajochen*, Ziel Ihres interdisziplinären Forschungsprojekts ist es, herauszufinden, welche Auswirkungen Lärm auf die Gesundheit und den Schlaf hat. Welches sind die überraschendsten Erkenntnisse?

Christian Cajochen: Dass unser Epidemiologen-Team gesundheitsrelevante Auswirkungen von Lärm schon bei relativ tiefen Schalldruckpegeln nachweisen konnten.

Alle kennen das Gefühl. Man will einschlafen, aber irgendwo summt noch eine Mücke oder ein Wasserhahn tropft. Warum verunmöglicht dieser verhältnismässig kleine Lärm das Einschlafen, während wir problemlos am Strand einschlafen können, wenn die Wellen branden?

Lärm ist nicht gleich Lärm. Manche Menschen hassen Fluglärm, es gibt aber auch Leute, die sich am morgendlichen Airbus A 380 erfreuen, weil sie Aviatikfans sind. Was ich damit sagen will, ist, wie Leute mit Lärm umgehen, hängt stark vom Individuum, dem Setting und von der Lärmquelle ab.

Wie gross sind die Unterschiede bei der Lärmresistenz?

Das ist eine sehr schwierige Frage und hängt davon ab, wie man Lärmresistenz definiert. Falls man damit meint, dass gewisse Leute den Lärm gar nicht hören wollen oder meinen, sich daran zu gewöhnen, während andere sich über jeden Pieps aufregen, sind die Unterschiede gross. Das ist altersabhängig und sehr wahrscheinlich auch noch kulturbedingt. Falls man damit meint, ob jemand gesundheitlich weniger unter Lärm leidet als andere, gibt es dazu keine wissenschaftliche Grundlage oder einen biologischen Indikator.

Kann man sich an Lärm gewöhnen? Ich wohne an einer stark befahrenen Strasse und habe das Gefühl, dass ich den Lärm nicht mehr höre – oder verdränge ich den einfach?

Wahrscheinlich ist beides der Fall. Es stimmt, dass man im Schlaflabor die Auswirkungen von üblichen Umweltlärmquellen auf den objektiv gemessenen Schlaf mittels Hirnstrombild relativ schwer nachweisen kann. In unserer Studie haben gesunde junge Erwachsene trotz 80 vorbeifahrenden Zügen pro Nacht eine Schlafeffizienz von 95 Prozent erreicht. Das heisst, dass sie nach dem Lichterlöschen praktisch immer geschlafen haben. Es scheint, dass unser Gehirn gewisse Schutzmechanismen gegen den Lärm in der Nacht mobilisiert.

Damit muss man sich doch um die Gesundheit keine Gedanken machen.

Das ist nicht unbedingt richtig. Interessanterweise scheint unser autonomes Nervensystem wie die Herzraten-Variabilität oder der Blutdruck nicht so anpassungsfähig auf Lärm im Schlaf zu sein. Mit anderen Worten, obwohl einen der Lärm nicht aufweckt, schlägt das Herz etwa bei jeder Zugsdurchfahrt schneller und der Blutdruck steigt. Die relativ kleinen, aber konstanten Nadelstiche während einer Lärmnacht könnten mit der Zeit zu negativen Langzeitwirkungen führen, wie sie unsere Epidemiologen nachgewiesen haben.

Gewisse Leute scheinen die Ohren in der Nacht verschliessen zu können. Sie wachen selbst bei einem Riesenlärm nicht auf. Woran liegt das?

Die individuellen Unterschiede sind riesig. Manche Jugendliche brauchen Schalldruckpegel eines startenden Flugzeugs, um ein Auge zu öffnen, während die junge Mutter bei jedem Gewimmer ihres kleinen Babys aufwacht. Das zeigt, wie komplex die Lärmwirkung auf den schlafenden Menschen ist. Es gibt noch viele Lärmrätsel zu entschlüsseln.

Was ist schlimmer: Konstanter Lärm wie etwa an einer Hauptstrasse oder der Lärm, der von den Fluglärmgegnern moniert wird: Jede Minute einmal ein Riesenkrach?

Das wollten wir in unserer Studie genauer untersuchen. Wir haben Hinweise, dass die Intermittenz des Lärms eine Rolle spielt – also wie stark die Lärmspitzen aus dem Hintergrundlärm rausstechen. Höhere Intermittenz ist generell schlimmer, aber die Intervall-Längen oder die Pausen zwischen den Spitzen scheinen auch eine Rolle zu spielen. Jede Minute einmal ein Riesenkrach ist hoch-intermittent. Das stört den Schlaf sicherlich und ist auch über den gesetzlich vorgeschriebenen Nacht-Grenzwerten der Schweiz.

Welches sind die üblichsten gesundheitlichen Auswirkungen zu hoher Lärmbelastung?

Schlafstörungen und die damit verbundenen Stressreaktionen des Körpers. Wenn jemand über längere Zeit nicht erholsam schläft, hat er über kurz oder lang Gesundheitsbeschwerden. Bei manchen manifestiert sich das schleichend und gar nicht so bewusst.

Man hört auch, dass eine Lärmbelästigung psychische Folgen haben kann. Wie äussert sich diese?

Ich denke nicht, dass eine Lärmbelästigung direkt und akut eine psychische Störung auslösen kann, ausser vielleicht Dauerlärm, wie er bei Foltermethoden verwendet wird. Lärm hat aber das Potenzial, via Schlafstörungen zu psychischen Problemen zu führen. Es ist bekannt, dass zum Beispiel eine Depression bei über 90 Prozent der Betroffenen mit einer Schlafstörung beginnt.

*Christian Cajochen ist Leiter des Zentrums für Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK). Er und sein Forscherteam suchen immer noch Freiwillige, die an der Umfrage «Umweltfaktoren und Schlafqualität» mitmachen. http://chronobiology.ch/schlaffaktoren.