Gerichtspräsident Dominik Kiener wartete am Donnerstagmorgen im Strafgericht vergeblich auf den 52-jährigen Angeklagten: Er kam nicht. Ein Urteil kann zwar auch in Abwesenheit des Beschuldigten gefällt werden, doch die Schweizerische Strafprozessordnung verlangt dazu zwingend einen zweiten erfolglosen Vorladungsversuch zu einem späteren Verhandlungstermin.

So klingelte schliesslich die Polizei beim Angeklagten, um ihn auf Anordnung des Gerichtes zur Verhandlung zu bringen: Er schien zu Hause zu sein, wollte aber die Türe nicht öffnen und liess sich auch nicht davon überzeugen, zur Verhandlung zu kommen. Die Polizei verzichtete darauf, die Wohnung mit Gewalt zu betreten.

Seit 15 Jahren arbeitslos

Allerdings wurde nun der Sozialdienst eingeschaltet: Wie Kiener bestätigte, geht man bei dem Mann von einer Verwahrlosung aus. Bekannt ist bislang einzig, dass der 52-Jährige vor 15 Jahren seine Stelle verlor, danach zu seiner Mutter zog und auch von ihr betreut wurde: Sie kochte für ihn und kümmerte sich um seine Wäsche.

Die Justiz wurde erst im November 2013 auf den Mann aufmerksam: Seine damals 80-jährige Mutter erlitt einen Schlaganfall und lag tagelang in ihrer Wohnung auf dem Fussboden. Das Institut für Rechtsmedizin diagnostizierte später einen ischämischen Hirnschlag sowie als Folgen des langen Liegens ein massives Liegetrauma mit schwerer Dehydratation, Unterkühlung und Nierenversagen, die Frau starb vier Wochen später im Spital.

Mutter drei Tage liegengelassen?

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, drei Tage lang bei der Mutter in der Wohnung gewesen zu sein und nicht reagiert zu haben. Ein Besuch der Tochter führte schliesslich zur Alarmierung der Sanität, allerdings erst, nachdem sie ihre Mutter neun Tage lang telefonisch nicht erreicht hatte.

Bei der Einlieferung ins Spital lag die 80-jährige Frau bereits im Koma. Das Gutachten betont, eine frühere Alarmierung hätte die Überlebenschancen der Frau erhöht. Man könne aber nicht mit Sicherheit sagen, dass sie den Schlaganfall dann überlebt hätte.

Bedingte Haftstrafe gefordert

Angeklagt ist der 52-Jährige wegen Unterlassung der Nothilfe, die Staatsanwaltschaft verlangt eine bedingte Freiheitsstrafe von 12 Monaten. Der Fall wird nun voraussichtlich im Mai verhandelt, dann wird auch das Urteil fallen. Ob der Mann überhaupt verhandlungsfähig ist, ist noch unklar. Möglicherweise wird ihm auch noch ein Pflichtverteidiger zugeteilt.

Um finanzielle Motive geht es in dem Fall definitiv nicht: Wie auch die Schwester hat er die Erbschaft ausgeschlagen. Allerdings bezog er nach dem Tod der Mutter noch 2000 Franken von deren Konto, was ihm eine zusätzliche Anklage wegen unrechtmässiger Aneignung eingebracht hat.