Ich hoffe nicht, dass der liebe Gott oder sonst jemand Statistik führt und mir dereinst meine ganz persönliche Lebensendabrechnung präsentiert. In pingeliger Akribie, so meine Befürchtung, wird irgendwo registriert, wie ich mein halbes Leben verschwende – ja, zu weiten Teilen bereits verschwendet habe.

Tausende Stunden gingen schon flöten mit sinnentleerten amerikanischen Fernsehserien, überflüssigen Small-Talks mit Nachbarn und unnötigen Partynächten bis morgens um fünf – wo doch die Luft schon um halb zwei draussen gewesen war.

Ich will kein Mitleid, es geht allen ähnlich. Gerade in der Jugend verschwenden wir unsere kostbare Lebenszeit. Die meisten bekommen das Problem als Erwachsene in den Griff. Sie machen eine KV-Lehre und wählen einen Job, der ein getaktetes Leben ermöglicht. Um 08.00 bis 12.00 und von 13.00 bis 17.00 Uhr arbeiten sie ihre Dokumentenbeigen ab. Sie gehen abends mit der Gewissheit nach Hause, vorwärtsgekommen zu sein.

Drei Stunden warten

Bei uns Journalisten hilft das Erwachsenwerden nichts. Wöchentlich schmeissen wir die Stunden aus dem Fenster, als hätten wir mehrere Leben. Wir führen erkenntnislose Telefonate und lesen 100-seitige Dokumente, in denen nichts drinsteht, was die Zeitungsleser interessieren könnte. Und wenns schlimm kommt wie diese Woche, stehen wir auch mal stundenlang wie bestellt und nicht abgeholt vor einer Telefonkabine.

Die Geschichte war eigentlich schon geschrieben. Nach der Schlagzeile «Die meisten Telefonkabinen in Stadt und vor allem Land werden verschwinden» wollte ich wissen: Wer geht heute überhaupt noch in so eine Zelle, um zu telefonieren? Immerhin rentierten ja 15 Prozent aller Telefonkabinen.

Es sollten alte Menschen zu Wort kommen, die mit der Handytechnik nicht umgehen können. Senegalesen, die in die Heimat telefonieren. Und Drogendealer, die die Anonymität suchen. Das wird gut, dachte ich. Nur mal eine halbe Stunde vor die legendäre Telefonkabine am Barfüsserplatz stehen, schon habe ich die Infos im Sack. So hatte ich mir das ausgemalt. Drei Stunden wurden es letztlich. Hunderte Omas, Afrikaner und Drogendealer zogen an der Telefonkabine vorbei, doch es wollte und wollte niemand rein.

Keine einzige Münze, keine einzige Taxkarte wurde in einen der vier Schlitze gesteckt. Mit Block und Stift in der Hand mass ich die gleichen zwei Quadratmeter ab, um auf meine Gesprächspartner zu warten –was für ein jämmerliches Bild! Die Gäste in den angrenzenden Restaurants mussten irgendwann glauben, ich sei ein Irrer. Und so beschloss ich, ehe die Polizei noch aufkreuzen und mich mitnehmen sollte, den unbeschriebenen Block in den Rucksack zu stecken und unverrichteter Dinge auf die Redaktion zurückzukehren.

Ich versuchte, mich an den grossen Weisheiten über den Sinn des Scheiterns aufzurichten. In meinem Kopf klang es so: «Durch Demütigungen habe ich mehr gelernt als durch alle Siege.» Oder: «Hinfallen ist keine Schande. Nur Liegenbleiben ist verachtenswert.»

Doch irgendwann durchkreuzte mein Gehirn eine andere, viel treffendere Weisheit, die einst der grosse Basler Jazzmusiker und brillante Kolumnist David Klein von sich gegeben hatte. «Leif Simonsen», schrieb er in seinem lesenswerten Blog, sei ein «journalistischer Hinterbänkler» und ein «schmächtiges Häufchen Journaille». Irgendwie, dachte ich, hatte er recht gehabt.