Im Moment machen sie eine Art Winterschlaf. Eingegraben im Boden, damit der Frost den Häuschen und schleimigen Körpern keinen Schaden zufügen kann. Im Frühling 2018 werden die Quendelschnecken und elf andere seltenen Schneckenarten wohl nicht mehr an der Böschung des Dorenbach-Viadukts aus dem Winterschlaf erwachen, sondern über dem neuen Tunnel der A22 in Füllinsdorf und Liestal.

Der Grund für den bevorstehenden Schnecken-Umzug ist der Margarethenstich, die neue Tramverbindung an der Kantonsgrenze zwischen Basel und Binningen. Der Basler Grosse Rat hat dem Baukredit schon vor zwei Jahren zugestimmt. Diese Woche hat die Baselbieter Bau- und Planungskommission den Bau des 300 Meter langen Tramteilstücks gutgeheissen (bz vom 1. Februar). Am Donnerstag entscheidet der Landrat. Insgesamt kostet der Margarethenstich 21 Millionen Franken. 116 000 Franken fallen für die Umsiedlung der Schnecken an.

Ein Bruchteil der Gesamtkosten

«Die spinnen doch. So viel Geld für Schnecken. Ist das wirklich nötig?», ärgerten sich die Mitglieder der Kommission. Der teure Umzug der Schnecken habe viel zu reden gegeben, sagt Hannes Schweizer, der Präsident der BPK. Schliesslich mussten die Politiker aber einsehen, dass sie gegen die Schnecken chancenlos sind. Die Quendelschnecke zum Beispiel ist kantonal und national auf der Roten Liste der gefährdeten Arten (siehe Box rechts). Deshalb darf ihr Lebensraum nicht einfach zerstört und überbaut werden. «Wir mussten diese Kröte beziehungsweise Schnecke schlucken», sagt Schweizer.

Man müsse solche Umsiedlungskosten immer in Relation zu den Gesamtkosten sehen, sagt Roland Schuler: «Bei der Tramlinie durch den Margarethenstich zum Beispiel reden wir von etwa 0,5 Prozent des Gesamtbudgets.» Der Mediensprecher von Pro Natura betont, dass rücksichtsloses Bauen auf Kosten der Natur schon lange nicht mehr zeitgemäss sei: «Wir haben schon sehr viel Natur kaputtgemacht in den letzten Jahrzehnten.»

Umzug mitsamt Boden

Die Schnecken haben ziemlich hohe Ansprüche an ihre Umgebung und können sich an andere Lebensräume nicht oder nur schlecht anpassen. Das ist auch ein Grund, weshalb sie so selten sind. Beim Dorenbach-Viadukt bewohnen sie eine Magerwiese, die gegen Süden gerichtet und entsprechend nährstoffarm und trocken ist. Diese Bedingungen brauchen sie auch am neuen Ort über dem Tunnel der A22. Die Umsiedlung wird deshalb ziemlich aufwendig. «Die Schnecken werden mitsamt Boden ausgehoben und umgesiedelt, während sie den Winterschlaf machen», sagt Daniel Hofer, Mediensprecher des Basler Bau- und Verkehrsdepartements. Weil der Boden sehr trocken sei und leicht auseinanderbreche, werde die Umsiedlung eine schwierige Angelegenheit. «In der Planung war vorgesehen, dass diese Arbeiten von Hand ausgeführt werden», sagt Hofer.

In einem Vorprojekt hat der Kanton zusammen mit einem Weichtierexperten bereits eine Probeumsiedlung durchgeführt. «Die Schnecken haben es überlebt und die Population blieb stabil», sagt Hofer. Dieser Erfolg habe es ermöglicht, das ganze Tramprojekt näher an das Dorenbach-Viadukt zu schieben und damit den Margarethenhügel zu schonen. Der Hügel mit der Kirche ist ein Ortsbild von nationaler Bedeutung, deshalb macht das Bundesamt für Kultur Auflagen zur Gestaltung.

Umsiedlung ist nie die Ideallösung

Für die betroffenen Tiere sei eine Umsiedlung immer mit einem Risiko verbunden, sagt Schuler: «Es ist aus Sicht des Naturschutzes immer die zweitbeste Lösung.» Im Idealfall würde man einen anderen Baustandort suchen und den Tieren und Pflanzen ihre letzten intakten und geschützten Lebensräume lassen.

Die seltenen Schnecken vom Dorenbach-Viadukt sind nicht die ersten Tiere, die wegen hoher Umzugskosten Schlagzeilen machen. Vor drei Jahren mussten 250 Kreuzkröten aus der Zurlindengrube in Pratteln umziehen, weil sie das Neubauprojekt Salina Raurica blockierten. 2,7 Millionen Franken kostete ihre Umsiedlung in eine Kiesgrube in Muttenz.