Was ein Gartenzwerg ist, weiss Raschad Scharaf nicht. Und auch wenn der 51-jährige Kurde mit Interesse den Ausführungen lauscht, so richtig will sich ihm der Sinn nicht erschliessen. Wie soll man auch einem Menschen, dessen Leben in den vergangenen Jahren von politischer Verfolgung, Ungewissheit über die eigene Zukunft und Angst um Freunde und Familie geprägt war, erklären, warum ihm zum vollendeten Gartenglück noch eine kleine Ton-Figur mit roter Zipfelmütze fehlt? Wie diskutiert man zwischen Gurkensetzlingen und Gartenstuhl über politische Unterdrückung, den Schrecken der Terrororganisation IS und Flüchtlingsrouten nach Europa?

Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Garten von Raschad Scharaf und seiner Ehefrau Gulschin Ibrahim kaum von den anderen Parzellen auf dem Areal Milchsuppe im Niemandsland zwischen Psychiatrie und französischer Grenze. Das kleine Holzhäuschen mit Cheminée ist ordentlich aufgeräumt, der Rasen gestutzt, in den akurat angelegten Rabatten zeigen sich zaghaft die ersten grünen Spitzen. Obwohl sich der Frühling erst dieser Tage nur langsam manifestiert, ist das kurdische Ehepaar bereits fleissig am Gärtnern. Praktisch täglich sind sie in ihrem zweiten Zuhause anzutreffen, oftmals vom frühen Morgen an, bis Scharaf am Abend zur Arbeit aufbricht. Der Garten bietet ihnen ein kleines Stückchen Heimat im Fremden.

2009 ist das Ehepaar mit ihren beiden Töchtern, damals 12 und 14 Jahre alt, erstmals in Basel angekommen. Nach neunmonatiger Flucht kamen sie für ein halbes Jahr im Asylheim unter. Über die Reise in die Schweiz sprechen möchten die beiden nicht: «Das ist eine traurige Geschichte», sagt Scharaf nur. «Uns war damals nicht wichtig, wo wir hinkamen. Hauptsache weg», erinnert sich Ibrahim. Das Ehepaar stammt aus dem östlichen Syrien – sie sprechen lieber von Kurdistan. Scharaf engagierte sich politisch und kulturell für die Rechte der kurdischen Bevölkerung und bekam Probleme. Ein Buch von ihm landete auf dem Index. 1998 flüchtete die Familie erstmals – in die Anonymität der syrischen Hauptstadt Damaskus.

Schnecken statt Ziegen

Scharaf – gelernter Automechaniker – schlägt sich mit verschiedenen Jobs durchs Leben: Elektriker, Chauffeur, Gärtner, Lehrer. Vor zehn Jahren spitzte sich auch in Damaskus die Lage zu. Kurz vor dem Arabischen Frühling um dem anschliessenden Ausbruch des bis heute andauernden syrischen Bürgerkrieges flüchtete die Familie in eine ungewisse Zukunft. Mittlerweile ist die Familie in der Schweiz heimisch geworden. Beide Töchter besuchten hier die Schule, machten eine Ausbildung. Alle vier haben den Ausweis B, sind also als Flüchtlinge anerkannt. Scharaf hat eine Arbeit gefunden und engagiert sich wieder politisch und kulturell. Und vor einem Monat wurde das Ehepaar erstmals Grosseltern.

«Wir haben hier viele Sachen gelernt», sagt Scharaf. «Die Menschen gehen sehr respektvoll miteinander um. Ich arbeite hier mit Türken und Arabern zusammen, alles kein Problem. Bei uns zu Hause bekriegen sich diese Gruppen seit langem.» An einige Sachen hat sich das Ehepaar aber auch nach einem Jahrzehnt in der Schweiz noch nicht gewöhnt: «Es gibt Unterschiede in der Kultur. In Syrien klopft man einfach an und schaut rein. Hier braucht man für alles einen Termin», sagt Scharaf. In seiner Heimat habe er kaum Post bekommen, «hier kriege ich jeden Tag Briefe, weil irgendjemand irgendetwas von uns will.»

Auch botanisch gibt es ein paar Nuancen. In Syrien war der Familiengarten derart gross, dass Scharaf einen Mähdrescher brauchte. In Basel teilt das Ehepaar den Garten mit einer anderen kurdischen Familie, beide haben je ein rund 50 Quadratmeter grosses Beet. In seiner Heimat habe er einmal eine Reihe Bäume gepflanzt, «dann kamen die Ziegen des Nachbarn und haben alle gefressen», erinnert sich Scharaf. «Statt Ziegen habe ich nun halt Schnecken.»

Ans kühlere Klima musste sich das Ehepaar erst einmal gewöhnen. Im ersten Jahr habe er noch versucht, syrische Wassermelonen anzupflanzen: «Die wurde gerade mal so gross», lacht er und formt mit Daumen und Zeigefinger einen kleinen Ring. Auch bei den Gurken hat er mittlerweile auf eine Schweizer Sorte umgestellt. Und dass der Mangold weniger üppig wuchert als im heissen Ost-Syrien, damit hat er sich auch abgefunden.

Warteliste für Gärten

Zehn Jahre nach der Flucht der Familie hat die Situation der Kurden in Syrien nochmals deutlich verschlechtert. Via Internet oder Whatsapp hält das Ehepaar Kontakt mit Freunden und Verwandten. Die Jahre des Krieges und zuletzt die Militäroffensive der Türkei gehen auch 3000 Kilometer entfernt nicht spurlos an einem vorbei: «Im Kampf gegen den Islamischen Staat war man froh um die Unterstützung der Kurden. Nun hat man sie sich selbst überlassen.»

Ihren kleinen Garten Eden hat die Familie nicht selber gepachtet. Er ist einer von rund 30, die das Hilfswerk der Evangelischen Kirche (Heks) in der Region Asylsuchenden, vorläufig Aufgenommenen und anerkannten Flüchtlingen zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung stellt. Das Programm Neue Gärten beider Basel startete vor zwölf Jahren mit einem Freizeitgarten. Mittlerweile führt das Heks eine Warteliste.

Über 70 Erwachsene und nochmals so viele Kinder haben letztes Jahr in der Region beim Programm mitgemacht. Das Hilfswerk bietet das Modell mittlerweile schweizweit an. «Die Arbeit im Garten wurzelt extrem im Hier und Jetzt», sagt Programmleiterin Christine Giustizieri. «Einerseits ist der Garten für die Menschen ein Ort, um zur Ruhe zu kommen. Aber Gärtnern ist andererseits auch eine körperliche und anstrengende Arbeit.» Gleichzeitig kommen die Flüchtlinge zudem ungezwungen ins Gespräch mit den anderen Gärtnern.

Das Heks übernimmt die Pachtzinsen der Gärten und die laufenden Investitionskosten, unter dem Strich ein paar hundert Franken pro Jahr und Garten. Im Rahmen der Familiengartenreglemente können die Flüchtlinge diesen dann nach eigenen Vorlieben nutzen und bepflanzen. «Beim gemeinsamen Gärtnern entsteht ein offener Raum», sagt Giustizieri. Niemand müsse den Mitarbeitern, die regelmässig vorbeischauen, etwas erzählen, «aber sehr oft kommen die Teilnehmenden auf uns zu und sprechen Themen an, die ihnen auf dem Herzen liegen.»