Wandel der Zeit

«Schnell noch ein Päckchen Zigaretten bitte» – die Tramhäuschen sind gefährdet

Einige sind kleine schmucke Tempelchen, andere eher praktische Zweckbauten: Die Wartehallen mit Kiosken an den Tram- und Busstationen sind städtebauliche Marksteine. Und zunehmend gefährdet, wie das Beispiel am Lindenplatz in Allschwil zeigt.

Der Betreiber des Kiosks an der BVB-Haltestelle St. Johanns-Tor ist ein Mann mit Routine. Er weiss, dass die Trampassagiere nicht viel Zeit haben, deshalb hat er das Wechselgeld für die Zigaretten bereits abgezählt vor sich liegen. Sein Auftritt ist freundlich, aber er wirkt gleichzeitig auch etwas bedrückt: Der Kiosk könnte besser laufen, sagt er.

«Mit den Zigaretten sei es nicht schlecht, aber die Leute kaufen kaum noch Zeitungen.» Seit zwölf Jahren betreibe er den Kiosk, aber er wisse nicht, wie lange er noch durchhalten werde. Der nächste Kunde unterbricht das Gespräch. Auch er ist in Eile, denn die elektronische Anzeigetafel kündigt die Einfahrt des Elfertrams in einer Minute an.

Die Wartehalle mit Kiosk wurde 1954/55 als Ersatz für einen Jugendstil-Vorgängerbau erstellt, der mit seinem Gerippe aus Metall und den grossen Glasscheiben ein bisschen wie ein altes Gewächshaus wirkte. Sie ist ein typisches Beispiel eines Tramstation-Baus aus den späten 1950er- oder frühen 1960er-Jahren, von denen es in Basel und der Region viele gibt: ein lang gezogener, mit vorkragendem Dach überdeckter Kubus mit einer offenen Wartezone in der Mitte. Auf der einen Seite wird die Wartehalle mit dem Kiosk und auf der anderen Seite mit Telefonkabinen gesäumt, die im Smartphone-Zeitalter nicht mehr benötigt werden und leer stehen.

Es ist eine sachliche, unter dem Strich aber elegant wirkende Flachdacharchitektur, die durchaus ihren ästhetischen Reiz hat. Der verwaiste Bauteil mit den Telefonkabinen hinterlässt aber auch einen etwas verwahrlosten Eindruck.

Einen ähnlichen Bau findet man auch am Lindenplatz in Allschwil. Diese ebenfalls langgezogene Wartehalle mit Kiosk und einem vorkragenden Flachdach soll aber im Zuge der geplanten Neugestaltung des Platzes demnächst verschwinden. Vorgesehen ist zwar der Bau eines neuen Kiosks mit Café, der aber an seinem neuen Standort an der Westecke des baumbestandenen Platzes nicht mehr die Funktion einer Tramwartehalle erfüllen wird. Verschwinden wird übrigens auch das stattliche Stationsgebäude in Aesch, das durch das mit grellen BLT-Farben bemalte Dach auffällt. Es soll im Zuge der Neugestaltung des Dorfkerns mehreren, kleineren Pavillons weichen.

Sanierungsbedürftig und verwaist

Auf der Tramfahrt von Neuallschwil zurück in die Stadt begegnen wir noch weiteren entsprechenden Beispielen, die aber weniger einladend wirken. So das Wartehäuschen am Morgartenring, ein klobig wirkender Zweckbau mit Kiosk. Dieser ist aber zumindest in Betrieb, während derjenige bei der Wartehalle am Allschwilerplatz verwaist ist. Die geschlossenen Rollläden des Kiosks sind versprayt, vom architektonisch eleganten Flachdach bröckelt der Verputz. Der Gesamteindruck ist verwahrlost.

Weitere Beispiele von entsprechenden Bauten aus dieser Zeit stehen bei der Tramstation Schützenhaus: ein Gebäude, das sich mit dem geschwungen, weit auskragenden Dach zur Strassenecke hin öffnet. Und das Wartehäuschen mit Kiosk in der Mitte des Neuweilerplatzes mit seinem auffällig konvex gekrümmten Dach. Für dessen Erhaltung hatte sich einst die Quartierbevölkerung stark eingesetzt, wie im Internetportal www.tram-basel.ch zu lesen ist.

So alt wie die elektrischen Trams

Wartehallen mit Kiosken sind so alt wie die elektrischen Trams in der Region. Eine der ersten, erbaut 1899, stand am Barfüsserplatz: ein verspielt wirkender Jugendstilbau mit einem markanten Walmdach und einer Uhr. Der Bau wurde zu Ehren des damaligen Kantonsbaumeisters Heinrich Reese, der sich für diese Bauten offensichtlich sehr ins Zeug gelegt hatte, «Reeseanum» genannt. 1947 wurde das Gebäude schliesslich abgerissen und wiederholt durch immer grössere Neubauten ersetzt, die das Gesamtbild des Platzes doch erheblich stören.

Verschwunden ist im Zuge der umstrittenen Neugestaltung des Tram- und Busknotenpunkts vor dem Bahnhof SBB 2010 auch der kleine putzige Kiosk auf dem Centralbahnplatz. Zeitungs-, Süssigkeiten und Zigarettenkäufer müssen in die Bahnhofshalle oder den 08/15-Kiosk zwischen einer Fastfood-Filiale und einer Apotheke am Platzrand ausweichen.

Andere historische Wartehallen mit Kiosken haben die Erneuerungswelle der 1950er- und 60er-Jahre überstanden. So zum Beispiel die 1909 erstellte ehemalige Station der Birseckbahn am Aeschenplatz, ein Bijou aus der Jugendstilzeit umschwirrt vom ewig rauschenden Auto- und Tramverkehr auf diesem Platz. Oder das Tramhäuschen auf dem Kannenfeldplatz, das noch die Aufschrift «Basler Strassenbahn» trägt, wie die BVB früher hiessen. Das als kleines Tempelchen gestaltete Häuschen mit dem privat betriebenen Kiosk ist im Inventar schützenswerter Bauten der Basler Denkmalpflege aufgeführt.

Renovation mit Vorbildcharakter

Dasselbe gilt auch für das 1958 gebaute «Gebäude mit Kiosk und öffentlicher Bedürfnisanstalt auf Allmend» der Architekten Peter Jost und Werner Meyer an der Grenzacherstrasse, nahe der Landesgrenze. In diesem Bau widerspiegelt sich «die für die 1950er-Jahre typische Verbindung von geschwungenen und linearen Formen beim eleganten, weit vorkragenden Pultdach und an der abgeschrägten Rückseite», ist im Jahresbericht 2011 der Basler Denkmalpflege zu lesen.

Mit der umfassenden Sanierung dieses Baus konnte der Kanton zwei Fliegen auf einen Streich schlagen: Das mit der Zeit abgeänderte Erscheinungsbild konnte wieder an den ursprünglichen Zustand angenähert werden. Gleichzeitig wurde der Bau technisch und infrastrukturell an heutige Bedürfnisse angepasst – unter anderem mit dem Einbau von behindertengerechten Toiletten sowie der Vergrösserung des Verkaufsraums, um die Fläche der heute nicht mehr benötigten Telefonkabinen.

Diese Renovation und Auffrischung könnte Vorbildcharakter für weitere Bauten aus dieser Zeit haben, die vielleicht als weniger herausragende Zeitzeugnisse erscheinen, als Marksteine in der urbanen Landschaft aber durchaus erhaltenswert sind. Ob die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) als Vermieterin der Kioske eine entsprechende Strategie verfolgt, war wegen Ferienabwesenheit der Verantwortlichen leider nicht in Erfahrung zu bringen.

Sechster Anlauf am Dreiecksplatz

Ein anderes gelungenes Beispiel für eine Sanierung ist die des Kioskes am Claraplatz im Jahr 2009. Dort wurde nur das markante, sich an das benachbarte Gebäude anlehnende Flugdach saniert und ins Inventar der geschützten Bauten eingetragen. Darunter platzierten Barcelo Baumann Architekten als Kontrast einen leicht wirkenden verglasten Neubaukörper mit Kiosk, Behinderten-WC und Telefonkabinen. Und als drittes Element wurde eine Sitzbank platziert, die vor allem von der traditionell dort ansässigen Alkoholikerszene frequentiert wird.

Im Inventar schützenswerter Bauten aufgeführt ist auch das kleine Jugendstil-Kioskgebäude an der Bushaltestelle «Hammerstrasse» an Feldbergstrasse 60. Dieses dient aber nicht mehr als Kiosk. Nach langem Leerstand baute der Kanton den Bau 2012 zur permanenten Buvette um. Die Öffnung des Häuschens wurde von der Seite der Busstation auf den dahinter liegenden Dreiecksplatz versetzt mit der Idee, dass Gäste an Tischen auf dem Plätzchen bewirtet werden können.

Die Idee der Neunutzung war bislang aber nicht von Erfolgen gekrönt. Seit der Inbetriebnahme 2013 gaben sich viele Betreiber die Klinke in die Hand. Diesen Frühling startet die «Hamburgeria Pelicano» einen neuen Versuch. Es ist bereits der sechste Anlauf.

Auch bei einem weiteren ehemaligen Kioskbau ist ein reger Betreiberwechsel auszumachen. In diesem Fall ist er aber gewollt. Die Rede ist vom Keck-Kiosk bei der Tramhaltestelle Kaserne.
Dieser wird von verschiedenen Kulturinstitutionen wechselnd belebt: mit Ausstellungen, Konzerten und weiteren Events, wie zum Beispiel einem Aktionstag gegen Rassismus von «Radio X» am 20. März.

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