Mit Fünfzig ein neues Leben anfangen, in einen neuen Beruf einsteigen: Viele träumen davon, wenige tun es. Gut, die Lebenskunst will geübt sein. So einfach sind die Hürden nicht zu überspringen, die da heissen: Sicherheitsbedürfnis, Altersmüdigkeit, pure Gewohnheit. Wahrscheinlich hilft es, wenn die Jahre vor dem Wechsel nicht schon im Hamsterradmodus vergangen sind.

Markus Wolff trinkt einen Kaffee und raucht. Wir sitzen im «Alten Zoll» an der Elsässerstrasse in Basel. Es ist 11 Uhr, die schöne, alte Beiz mit langen Tischen und Barbereich ist leer. Geöffnet wird erst um 16 Uhr. Wolff hat seit zwei Jahren den Schlüssel zum Lokal. «Einen Tag nach meinem 50. Geburtstag hab ich hier angefangen», sagt er und lacht. «Das ist eigentlich unwichtig. Aber eben auch eine der Geschichten, die das Leben so schreibt.»

Wolff war vor seinem Fünfzigsten noch nicht Wirt und Veranstalter, sondern Schauspieler, fast drei Jahrzehnte lang. Nach der Dimitri-Schule im Tessin ist er nicht bei der Comedia oder im Zirkus gelandet, sondern in der Freien Theaterszene in seiner Geburtsstadt Basel. Er war Mitgründer der Gruppen Pix und Klara und hat früh mit Christoph Marthaler zusammengearbeitet. Zur Jahrtausendwende holte ihn der Regisseur ans Schauspielhaus Zürich. «Ein tolles Ensemble. Aber ich merkte bald, dass dieser Ensemblebetrieb nicht mein Ding ist. Dieses ewige Rumsitzen in der Kantine und auf den Probe- oder Aufführungsbeginn warten, das liegt mir nicht», erklärt Wolff.

Also ging er zurück in die «freie Wildbahn». In Zürich prägte er die frühen Arbeiten von Michel Schröder und seiner Gruppe kraut_produktion mit. Es folgten verschiedene Arbeiten mit dem Musiker Martin Schütz. Selbst produzierte Projekte. Ein harter Weg. Die Szene in der Schweiz habe sich sehr professionalisiert und akademisiert, so Wolff. «Momentan ist Postdramatisches und Performatives angesagt. Wer diesen Kodex nicht bedienen will, hat es schwer.» Kommt hinzu, dass die Produktionswege lang sind. Schon eine kleine Theaterarbeit braucht ein Jahr Vorlauf.

Wolff sucht jedoch einen anderen Zugang. «Unkompliziert und spontan» soll es sein. «Ich mag diese eingeübte Aufmerksamkeit der Menschen an etablierten Kulturorten nicht mehr.»
Ein Metierwechsel erfordert Mut und Ressourcen, insbesondere als Vater einer 15-jährigen Tochter und eines 20-jährigen Sohnes. «Ich hab den Vorteil, dass meine Frau, die Schauspielerin Ursina Gregori, und ich uns den Broterwerb immer geteilt haben.»

Zum «Alten Zoll» kam Wolff durch Zufall. Ein Bekannter brachte ihn mit Roger Malzacher zusammen. Dessen Name ist seit 20 Jahren mit der bewegten Geschichte des «Zoll» verbunden. Nach einer Schliessung wollte Malzacher einen Neuanfang wagen. Wolff stieg ein. Malzacher steht nun in der Küche, wo die allseits gelobten Schnitzel gebraten werden. Die Karte ist klein, aber erlesen. Die Preise günstig. Wolff kümmert sich um den Service, den Einkauf und ums Programm.

Heimat der Impro-Szene

Musik gab es in der Beiz an der Ausfahrtsstrasse nach Frankreich schon vorher. Mit Wolff erhält das Programm besonderes Profil. «Ich mache, was mir gefällt», sagt er – und stapelt damit tief. Der ehemalige Schauspieler kann auf ein grosses Netzwerk zurückgreifen.

Ehemalige Bühnenkollegen wie Jürg Kienberger, Ueli Jäggi oder Max Rüdlinger waren schon da. Über seine frühere Zusammenarbeit mit Martin Schütz kennt sich Wolff auch in der improvisierenden Schweizer Szene aus. Fred Frith und Hans Koch, das Joyfull Noice Orchestra oder die Basler Urgesteine von A.D.N. standen schon auf der Zoll-Bühne.

«Wir sind vor allem ein Ort für die Basler Szene, für das Aussergewöhnliche», sagt Wolff. Und freut sich darüber, dass sich das herumgesprochen habe. Aber nicht nur Experimentelles, auch Tanzbares wird geboten. Freitags verlängert meist ein DJ die Nacht.

Wenn dann einmal im Monat die ältere Jazzergeneration um Peter Lottner, oder das Format «Zeichnen im Alten Zoll» ein ganz anderes Publikum anlockt, ist für Wolff die Sache auf der richtigen Spur.

Spricht er über sein Programm, spürt man seine Leidenschaft für alles, was nicht in eine Schublade passt: «Ich mag Räume, in denen Musik, Theater oder Kunst auf alltägliche, selbstverständliche Weise auftreten.» Dafür ist diese Beiz der richtige Ort.