Fasnacht

Schnitzelbänggler haben ihr eigenes Bangg-Geheimnis – Wir blicken hinter die Kulissen

Bis ein Vers wirklich sitzt, braucht es Liebe zum Detail. Gerade die melodiösen Formationen haben es dabei besonders schwer. Eine Recherche unter Bängglern.

«Kommen Sie doch einfach mal an eine Probe», sagt D., jahrelang Mitglied des Schlyffstai-Schnitzelbanggs. Die Einladung nehmen wir gerne an. Denn Schnitzelbänggler haben ihr eigenes Bangg-Geheimnis und legen hohen Wert auf Diskretion. Und niemand will doch, dass hierbei wegen Pointenmanipulationen eine Finanzmarktaufsicht einschreiten muss. Wir versprechen also, keine Pointe zu verraten.

Wir treffen uns in einem nüchternen Ingenieurbüro mitten in der Altstadt. Zu einer letzten Probe, bevor der Bangg vor einem Probepublikum in die finale Phase geht, bei der vielleicht dann doch noch letzte Änderungen vorgenommen werden.

Das Schlyffstai-Trio ist einer dieser Schnitzelbängg, die sich durch besondere Musikalität auszeichnen. Jeder Vers hat eine eigene Melodie, meist ein mehr oder weniger aktueller Pop-Hit, ein Mani-Matter- oder ein Volkslied. So hören wir: «Es wott es Froueli z’Märit goh» oder «S’Sändwitsch». Was mit dem Froueli (#metoo) oder dem Sändwitsch (Insekenfood) so alles passieren kann, kann man sich lebhaft vorstellen.

Die Lust am Versteckspiel

Ihre Arrangements sind ein-, zwei und dreistimmig, immer wieder wechselnd. Schlüsselstellen, oft also auch die Pointen, kommen einstimmig daher. Damit sie auch ganz sicher verstanden werden. Genau das ist das Geheimnis dieser oft komplexen Melodien: das Verstandenwerden.

An der «Preview» für die bz wird denn eines auch sehr rasch klar: Die Artikulation, die deutliche Aussprache, ist extrem wichtig. Es gibt – und gab – Formationen, welche die Glie-de-rung der Aus-spra-che auf die Spit-ze trie-ben, wie etwa d’Striggede. Dieses Staccato geht dem Zuhörer wegen der Gestelztheit zwar etwas auf den Keks, aber alle verstehen, was gesagt wird. Au-dr-Hin-terscht-und der-Letscht! Wie auf dem Kasernenhof.

Einen Kasernenhofton schlagen die Schlyffstai natürlich nicht an. Aber diese Kunstpausen… bevor es wieder weiter geht, vielleicht mit einem Themawechsel, vielleicht mit der Pointe. Schlyffstai-Verse sind oft auch für die Zuhörer anspruchsvoll. Die Verse sind gedrechselt, es gibt Anspielungen, Wortspiele und Binnenreime. Ein Beispiel zum Inseketenfood: «E Mählwurm-Steak isch morn denn d’Norm.» Oder eines zur (Trans-) Genderfrage:

«…zwar bini denne noni Frau,
das heisst: Frau bin i au,
i bi-n-e Maa im Frau-Umbau,
aber nimms nit so genau.»
Uff! Danke für die Pause.

Manchmal müssen Pausen auch ad hoc eingeschaltet werden, wenn etwa Applaus oder Gejohle losgeht. Das sagt uns R. von den Gwäägi: «Wir sind fünf Leute. Wenn wir eine Kurzpause einschalten, kann das ziemlich schwierig sein. Besonders wenn wir in einem lärmigen Keller auftreten», sagt R. «Wir brauchen Sichtkontakt, damit wir alle wieder gleichzeitig einsetzen.» Geschieht das nicht, bekommt das Publikum nicht alles mit, und möglicherweise geht die Pointe verloren. Das ist umso wichtiger, weil die Gwäägi Langverse singen. R. war deshalb froh um die Auftritte im wohlgeordneten Rahmen des Charivari: «Dort hörten wir uns sehr gut.»

Quelle: Gwäägi am Charivari

Hören: Auch das ist bei einem mehrstimmigen, manchmal sogar orchestral klingenden Notensatz ebenfalls wichtig: Die Akkorde müssen rein klingen, erst dann wird der Charakter des Stücks klar. Schlyffstai-Mitglied T., Bass, legt in der Melodie oft das Fundament. «Schnid rein gsi… nomoll!», sagt er wiederholt. Mit Erfolg: Plötzlich strahlt die Melodie. Alles wird transparent, und der Text kommt wie selbstverständlich.

Hatten diese Männer Gesangsausbildung? Sind sie gar Berufsmusiker? Die wenigsten sind es, aber offenbar Naturtalente. K. von den Schlyffstai war mal in der Knabenkantorei, T. spielt in der Freizeit als Bassist in einer Band, D. schreibt Musicals und hat hie und da Aufträge als Sänger.

R. von den Gwäägi ist erblich erheblich belastet, sein Vater Schlagzeuger, sein Grossvater Posaunist, der in Basel wohl tausend Schüler hatte. Im «Schunggebegräbnis», einem ebenfalls legendären und musikalischen Super-Bangg, singen Mitglieder einer stadtbekannten A-Capella-Formation. Das Reservoir in dieser Stadt an fantastischen Musikerinnen und Musiker ist gross, bei Laien und Profis gleichermassen. Das Bangg-Gewerbe kann also blühen.

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