Das muss man sich mal vorstellen: Jetzt steht dieser Lionel Richie auf einer Bühne ganz nah bei Basel. Dieser Weltstar aus den USA, der mit «Say you» oder «Hello» den Soundtrack zum ersten Kuss mehrerer Generationen lieferte. Dieser Sänger, der die Kuschelrock-Erfolge der Achtziger noch spielen kann, ohne altbacken daherzukommen – und der im Gegensatz zu einstigen Kollegen wie Marvin Gaye oder Michael Jackson noch lebt. Und wie!

Richie ist mit seinen 66 Jahren weit davon entfernt, wie ein Rentner zu wirken, der die Bühne nur noch dem Publikum oder dem eigenen Narzissmus zuliebe betritt. Er tut es, weil er es kann; wohl besser als die meisten seiner Zeit, manchmal wirkt der Auftritt fast schon zu perfekt. Was kaum verwunderlich ist bei einem Künstler, der seit bald 50 Jahren ständig auf den Bühnen dieser Welt steht und ausschliesslich Hits zum Besten gibt, da sein Repertoire nur aus solchen besteht. Er bewegt sich, als stünde in seinem Pass ein Geburtsdatum weit entfernt von seinem. Seine schwarze Schale sitzt und auch der Schnauz ist nicht ergraut. Die Stimme klingt unverbraucht, als würde er sie schonen.

Essens-Fraktion als Running-Gag

Das einzige, was Richie bei all seiner Professionalität am Stimmen-Festival am Mittwoch aus der Bahn warf, waren die Menschen, die seinen Auftritt essend mitverfolgten. «Wie, um alles in der Welt, könnt ihr jetzt essen?», fragte Richie mehrfach und stets lachend – und machte die Sandwich-Fraktion zu seinem persönlichen Running-Gag für Lörrach. Sonst aber präsentierte er exakt dieselbe Show, mit der er derzeit durch Europa tourt, angefangen beim Disco-Knaller «Running with the Night» aus dem Jahre 1983 und aufgehört bei «We are the World» von 1985. Der Friedenssong, den er mit Michael Jackson schrieb, ist mit 20 Millionen verkauften Singles eines der erfolgreichsten Lieder überhaupt.

Zwar wurde Richie auf dem Marktplatz nicht wie einst von Kollegen wie Stevie Wonder und Cyndi Lauper begleitet, sondern von einem wohlklingenden lokalen Schülerchor.

Aber egal, wer mitsingt, es ist Richie, der die Hauptrolle spielt – und mit ihm das Publikum. Dieses sang «We are the ones who make a brighter day, so let’s start giving», als liefe der Hit heute noch ständig auf MTV. Und was war dazwischen?

Viel war da, und vor allem: für jeden etwas. Die alten Zeiten seiner einstigen Band «The Commodores» liess Richie mit «Brick House» und «Easy» aus dem Jahr 1977 aufleben, während er das Publikum mit der Film-Ballade «Endless Love» aus den frühen Achzigern auch ohne Duett-Partnerin Diana Ross zum Schmelzen brachte. Es war der funky Hüftschwung, um den die Zuschauer genauso wenig herum kamen wie um das Schmusen, wenn da Schnulzen gesungen wurden, die man sonst nur ab Stereoanlage kennt.

Stilvolle Mediterranisierung

Da stand er also, dieser Weltstar, ganz nah bei Basel, und halb Basel reiste für ihn nach Lörrach. Privilegiert war, wer ohnehin dort weilt und sich einen Fensterplatz bei Freunden sichern konnte. Kein Fenster blieb zu, das Festival vor der eigenen Tür ist hier ein Geschenk. Von Anwohner-Lärmklagen keine Spur, im Gegenteil, die Mediterranisierung nimmt auf stilvolle Art ihren Lauf.

Von den 100 Minuten erlebte das Publikum wohl keine 30 Sekunden ohne Gänsehaut und nur der «Gut für die Region»-Banner der örtlichen Sparkasse rief einem in Erinnerung, dass man in der Provinz steht und nicht etwa im Schloss im schottischen Edinburgh, wo Richie kommende Woche spielen wird. Und wenn er dort auch «I love you guys» sagt – sei es drum. Er liebt es eben überall, sein Publikum - und das Publikum liebt ihn.

All night long – und länger.