Stadt versus Land

Schöne Bahnhöfe braucht das Land – und die Stadt?

So soll der neue Bahnhof in Waldenburg aussehen

So soll der neue Bahnhof in Waldenburg aussehen

Ein wenig einladender Bahnhof SBB in Basel, schmucke neue Haltestellen dafür im Baselbiet – den Städter wurmts, den Baselbieter freuts.

Grossstädtischer Siff und ländliches Geglänze

Der Neid der Basler auf die säuberlich geputzten Landbahnhöfe ist verständlich, aber äusserst provinziell.

Zugegeben, manchmal kommt dem Basler auch das Augenwasser, wenn er an diesem «Star Trek»-mässig futuristischen Stahlgebilde in Frenkendorf vorbeihuscht. Ein Bahnhof wie aus einer Architekturzeitschrift. Neid blitzt auf, wenn man an geraniengeschmückten, gepflegten Bahnhofgebäuden in Hinterdupfligen durchrauscht. Da denkt der Basler zurück an den Bahnhof SBB, dessen Fassade von Tauben verziert, dessen Eingang von Pennern geschmückt und dessen Inneres von Kanalisationsgerüchen durchzogen ist.

Wie leicht wäre es da, sich wie andere Schreiber in dieser Stadt zu empören ob dieser Versifftheit. Doch da schlägt eben der provinzielle Hintergrund dieser Kollegen voll durch. Ein Grossstadtbahnhof ist kein Ort der stillen Sauberkeit, der steifen Spiesser und des biederen Bünzlitums. Er ist ein Ort, den man so schnell wie möglich verlässt, um die Schönheit der darum herumliegenden Metropole zu geniessen. In einer Stadt hängt man nicht wie in Sursee oder Baden mit dem Töffli am Bahnhöfli herum, trinkt Bier und fühlt sich cool dabei.

Wer einmal im Pariser Gare de l’Est angebettelt wurde, in der Gare Montparnasse von sturmgewehrschwingenden Fallschirmjägern drohend angestarrt oder in Milano Centrale von einer Horde aggressionsbeschwingter Fussballfans angepöbelt wurde, der weiss, wovon hier die Rede ist. Das ist eben auch Teil dessen, was man in Stadtentwicklerkreisen gerne «Urbanität» nennt. Die besteht nicht nur darin, Latte macchiato zu schlürfen, an Ruccolablättchen zu lutschen und proseccobeschwingt auf höllisch teuren rotbesohlten Stöckelschuhen in den nächsten Club zu torkeln.

Wo man stattdessen den Kaffee mit Pulver aus der Dose anrührt und in Arbeitsschuhen in die allenfalls noch vorhandene Dorfbeiz schlendert, da hat man halt nette Bahnhöfe, um die lokale Identität zu pflegen.

«S Baselbieterlied vo de Bahnhöf»

Das Land glänzt nicht nur mit seiner Idylle, es wartet auch mit ansprechenden Bahnstationen auf.

«Ds Lied vo de Bahnhöf», das der legendäre Mundart-Liedermacher Mani Matter vor Jahrzehnten getextet, komponiert und gesungen hat, hallt noch heute in den Ohren vieler Frauen und Männer nach. Kinder kennen das Lied ebenfalls. Matter besingt die triste Stimmung in Bahnhöfen.

Auch auf Perrons im Baselbiet ist es manchmal so trostlos wie an Haltestellen andernorts. Das liegt in der Natur der Sache, Leute treffen sich abseits von Bahnhöfen. Was soll ich dort, wenn ich nicht mit der Bahn fahre, niemanden zur Station bringen oder dort abholen muss? Wenn ich aber mal SBB-Bahnhöfe in unserem stolzen Halbkanton genauer betrachte, kommt mir das Augenwasser. Freudentränen, wenn ich an Frenkendorf-Füllinsdorf, Laufen, Lausen oder Sissach denke. Für Liestal, an dessen Bahnhof ich fast täglich vorbeigehe, schäme ich mich hingegen. Dieser ist alles andere als eine Visitenkarte für unseren Kantonshauptort. Aber es soll ja alles besser werden. Konkreter ist es schon in Waldenburg. Dort erhält der Endbahnhof des «Waldenburgerli» bis 2022 ein völlig neues Gesicht und erst noch eine breitere Spur. Sehr zum Leidwesen der Dampfbahn-Freunde. Diese müssen sich damit abfinden, dass ihr Dampfzug ins Museum kommt.

Der Rampass ist stolz über seine würdigen Bahnhöfe. Ich steige stets mit geschwellter Brust aus, wenn ich im Bahnhof SBB zu Basel ankomme. Die Passerelle geht zwar noch, aber dann ist bald Endstation. Eine Weltstadt wie Basel hätte Schöneres verdient. Vielleicht investiert aber der im Baselbiet aufgewachsene SBB-Chef Andreas Meyer lieber im Rotstab-Land, als dass er den Bebbi Geld gibt. Ich finde, dass wir mit Bahnstationen wesentlich besser aufgestellt sind als ihr in der Stadt. Deshalb proklamiere ich «S Baselbieterlied vo de Bahnhöf» – «Wo dr Zug allewyl chuunt, viel Lüt mit ihm fahre und alli e Fröid hei an de schöne Bahnhöf.»

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