Basel

Schöne Kunst, trüber Markt und üble Täter

Monika Roth  Prof. Dr. iur. ist selbständige Rechtsanwältin sowie Dozentin und Studienleiterin am Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ der Hochschule Luzern - Wirtschaft. Das Finanzmarktrecht, Compliance und Corporate Governance bilden den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Zudem ist sie Vizepräsidentin des kantonalen Strafgerichts Baselland und bekleidet diverse Verwaltungsratsmandate.

Monika Roth

Monika Roth Prof. Dr. iur. ist selbständige Rechtsanwältin sowie Dozentin und Studienleiterin am Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ der Hochschule Luzern - Wirtschaft. Das Finanzmarktrecht, Compliance und Corporate Governance bilden den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Zudem ist sie Vizepräsidentin des kantonalen Strafgerichts Baselland und bekleidet diverse Verwaltungsratsmandate.

Am Kunstmarkt werden Milliarden verschoben. Das lockt Fälscher an, aber nicht nur. Es werden Preise manipuliert, und zweifelhafte Gelder gewaschen.

Weil dieser Markt intransparent ist, wird er für Preismanipulationen und Geldwäsche missbraucht. Im Congress Center in unmittelbarer Nähe der Art Basel fand gestern eine sehr stark beachtete Fachtagung «Kunst & Recht» statt, eine Weiterbildungsveranstaltung der Juristischen Fakultät der Uni Basel. Nachfolgend ein Interview mit der Juristin und Kunstmarktkennerin Prof. Monika Roth. Sie war Referentin an der Tagung.

Aus welchen trüben Quellen stammen die Gelder, die gewaschen werden sollen?

Monika Roth: Es ist zum Teil Schwarzgeld, das aus Steuerhinterziehung oder Steuerbetrug stammt. Belegt ist auch, dass es Geld aus Waffen- und Drogenhandel ist oder Gelder aus Vermögensdelikten. Man versucht einerseits die Herkunft des Geldes zu verschleiern, andererseits die Gelder in den regulären Wirtschaftskreislauf fliessen zu lassen. Im Prinzip wandeln die Geldwäscher deliktisch erworbenes Geld in einen neuen Wertträger um. Kunst bekommt Anlage- und Wertpapiercharakter, und sie wird auch wie eine Währung verwendet.

Der Finanzmarkt ist heute viel stärker unter Kontrolle - der Kunstmarkt nicht.

Richtig. Deshalb suchen die Geldwäscher andere Wege und andere Geschäftsfelder wie etwa Kunst oder Fussball.

Warum eignet sich denn der Kunsthandel so gut?

Erstens ist der Markt sehr intransparent. Auch der Zoll kann den Wert eines Bildes nicht wirklich schätzen. Der Kunstmarkt ist zudem leicht manipulierbar. Beispielsweise hat ein Sammler und Galerist 100 Gemälde von Lucio Fontana im Zollfreilager Genf aufbewahrt. Dann hat er bei Christie’s und Sotheby’s fünf weitere Werke von Fontana ersteigert und bei zusätzlichen vier Bildern mitgeboten und so die Preise nach oben getrieben. Er nannte das unverfroren «defending your inventory» – verteidige dein Inventar. Diese Preistreiberei hat der Sammler also ganz offiziell bestätigt. Denkbar ist auch, dass ein paar Händler gemeinsam den Preis nach oben treiben. Vordergründig – auf dem Papier – ist die Kauf- beziehungsweise Verkaufssumme hoch. Aber später wird ein Teil des Geldes zurückbezahlt, oder es werden zu hohe Rechnungen gestellt; man spricht dabei von Überfakturierung.

Der Markt scheint auch ziemlich intransparent. Wer macht die Preise? Und: Wer garantiert, dass das gefragte Bild keine Fälschung ist?

Die Branche ist geprägt durch Eventkultur und nicht durch Marktinformation. Den Durchblick haben da nur ganz wenige Insider. Und schliesslich bleiben Käufer und Verkäufer oft anonym. Niemand weiss, welche Person hinter einem Angebot oder Erwerb steckt. Kürzlich war beispielsweise zu lesen, dass ein anonymer Sammler der Unicef für das Bild «Die Algerierin» von Camille Corot, das ursprünglich aus der Sammlung Rau stammt, einen ausserordentlich hohen Preis geboten habe. Niemand weiss, warum. Das Bild wurde dann freihändig so verkauft. Die Investoren sind auf Wertsteigerung aus, und da gibt es die ähnliche Problematik wie im Finanzsektor mit Vermittlern und ihren Interessenskonflikten.

Welche Kunstwerke werden bevorzugt?

Eine tonnenschwere Henry-Moore-Plastik wohl eher nicht. Die Objekte müssen leicht transportierbar sein.

Gibt es eine Schätzung, wie viel Geld da jährlich gewaschen wird?

Ich verfüge über keine Zahlen.

Was sind die beliebtesten Handelsplätze?

Auktionen sind sehr wichtig, aber auch Galerien.

Welche Rolle spielt die Art Basel? Miami? Der Art Basel Miami wurde nachgesagt, sie werde zur Steuerhinterziehung verwendet.

Das kann ich so nicht bestätigen, ich weiss es nicht. Doch wenn es wirklich um Geldwäscherei geht, dann ist Steuerhinterziehung vergleichsweise «harmlos». Oftmals geht es um organisierte Kriminalität, um Waffen- und Drogenhandel im grossen Stil.

Zollfreilager scheinen in diesem Geschäft eine immer grössere Rolle zu spielen.

Ja. Sie beinhalten die möglicherweise wichtigste Rolle der Schweiz auf dem internationalen Kunstmarkt. Eigentlich sind Zollfreilager Zwischenlager für Waren, die international weiterspediert wird. Das Genfer Zollfreilager nahe beim Flughafen wird zu 40 Prozent von Kunstgegenständen belegt, wissen gut informierte Quellen. Und es wurde soeben weiter ausgebaut.

Um welche Beträge handelt es sich da?

Allein von einer einzigen Sammlung sollen Bilder im Wert von 4,5 bis 5 Milliarden Franken lagern, unter anderem 300 Picassos. Kunst wird gehandelt, ohne das Lager je zu verlassen. Das Pikante: Das Zollfreilager gehört zu 86 Prozent dem Kanton Genf. In einem Bericht von Anfang 2014 stellt die Eidgenössische Finanzkontrolle fest, dass bei Zollfreilagern Missbrauchspotenzial gegeben ist und Handlungsbedarf besteht. Im Übrigen: Eine unbeschränkte und dauernde Lagerung ist nicht bestimmungsgemäss, und die entsprechende Nutzung entspricht nicht der Absicht des Gesetzgebers.

Wie kommt man solchen Deals auf die Spur?

Zum Beispiel im Zusammenhang mit Strafverfahren wegen Vermögensdelikten und Drogenhandels.

Irgendwann landet das Geld aber vielleicht wieder auf der Bank. Wird es dann vielleicht entdeckt?

Das ist denkbar. Aber bei der Meldestelle für Geldwäscherei können nur Finanzinstitute Meldung erstatten. Bei den Banken werden von Kunden als Erklärung für Transaktionen oft Kunsthandelstätigkeiten angegeben. Der Kunsthandel wird also als Ausrede missbraucht. Das ist eine Frage der Hintergrundabklärungen durch die Finanzinstitute. Es gibt Fälle, bei denen Banken hellhörig wurden.

Hat die Meldestelle auch Fälle untersucht oder publiziert?

Ja, seit 2002 waren es sechs in den Jahresberichten veröffentlichte Fälle und 11 weitere, die ich publizieren werde. Aufgrund einer Meldung kam zum Beispiel der Fall einer Darlehenssicherung, die gar keine war, ans Tageslicht: Einer Bank fiel auf, dass innerhalb von kurzer Zeit zwei Gutschriften in der Höhe von insgesamt 400 000 Franken auf das Konto eines Kunden eingingen. Der Kontoinhaber gab gegenüber der Bank ungenaue Auskünfte und ausweichende Antworten und verstrickte sich in diverse Widersprüche.

Wie wurde der Fall öffentlich?

Das steht im Jahresbericht 2011 der Meldestelle für Geldwäscherei. In einer Darlehensvereinbarung wurde als Sicherheit ein Gemälde erwähnt, das die Darlehensgeber als Pfand erhalten würden, falls das Darlehen nicht zurückbezahlt würde. Beim Gemälde handelte es sich um ein Bild von Andrea del Sarto mit dem Titel «Madonna della Scala», angeblich (Bild rechts). Interne Abklärungen der Bank ergaben, dass es sich beim erwähnten historischen Gemälde höchstwahrscheinlich nicht um ein Original von Andrea del Sarto handelt, sondern bestenfalls um ein Werk eines seiner Schüler.

Der Wert würde demnach im vierstelligen Bereich liegen und somit nicht die Darlehenssumme abdecken. Das war beispielsweise eine recht simple Täuschung. Das Original von Andrea del Sarto aus dem 16. Jahrhundert befindet sich seit langer Zeit im Prado in Madrid.

Fiktive Transaktionen, gefälschte Kunst, fiktive Rechnungen …

Ja, und fiktive Personen. Im jüngsten Fall der Rothko-Fälschung hatte ein Schweizer Anwalt Klienten als angebliche Veräusserer von Kunstwerken vertreten, die es gar nicht gab. Weder der verstorbene Sammler noch sein erbender Sohn sind real existierende Menschen.

Was muss sich ändern?

Die Sensibilität für die Problematik der Geldwäscherei im Kunsthandel ist noch nicht vorhanden. Das sagen auch offizielle Stellen. Es ist ein bisschen wie mit den Banken in den 70er-Jahren. Eine Selbstregulierung für den Kunsthandel, wie etwa die «Basel Art Trade Guidelines», wurde von den Akteuren der Szene abgelehnt.

Offenbar werden Geschäfte als gefährdet angesehen, wenn die Regeln eingeführt würden und dann eingehalten werden müssten. Dabei ist die Gefahr für Reputationsschäden beim Kunsthandel sehr gross. Die Veränderungen werden kommen, da bin ich überzeugt. Es ist nur eine Frage der Zeit. Die Dauer-Lagerung von Kunst in Zollfreilager wird dabei ein grosses Thema bilden.

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