Surrealismus

Schönheit und Schauer in imaginärer Landschaft

Yves Tanguys malerisches Werk und der surrealistische Schmuck mit Meret Oppenheims Pelzarmband in der rue d’une perle.  Nicole Nars-Zimmer

Yves Tanguys malerisches Werk und der surrealistische Schmuck mit Meret Oppenheims Pelzarmband in der rue d’une perle. Nicole Nars-Zimmer

Der fünfte Raum der Ausstellung in der Fondation Beyeler zeigt Yves Tanguys Werk und Schmuckstücke. Es ist ein grossartige Werk, das viel zu selten ausgestellt wird.

In einer schwarzen, wüstenähnlichen Ebene – als wär’ es verbrannte Erde – stehen oder kriechen nicht definierbare Gebilde. Von einem Pfahl scheint ein organisches Objekt zu gleiten. Ein anderes zerfliesst am Boden. Hinten sieht man kleine schwarze Gestalten mit weissen konturlosen Gesichtern. Der Himmel ist von dunklem Grün. Der Tod, das Grauen herrscht in Yves Tanguys vierteiligem Wandschirm «Le firmament» von 1932. Eine Albtraumlandschaft ist das Bild: düster, abgründig – nicht nur erzählt es von vergangenen Schrecken, dem Ersten Weltkrieg; prophetisch kündet es von kommenden, noch grauenvolleren.

Es ist ein starkes Bild, das als Erstes ins Auge sticht, wenn wir den fünften Raum der Ausstellung «Surrealismus in Paris» in der Fondation Beyeler betreten. Hier lernen wir den französischen Surrealisten Yves Tanguy kennen, dessen grossartiges Werk viel zu selten ausgestellt wird. Die Fondation Beyeler zeigt einen aufschlussreichen Querschnitt – vielsagend in der «Rue d’une perle».

Peinture automatique

Der geniale Autodidakt Tanguy wurde durch die Zeitschrift «La Révolution surréaliste» und André Breton zum Surrealismus gebracht. Breton wurde auch sein Mentor. Tanguy war begeistert von der subversiven Kraft der Bewegung. Eine Befreiung war für ihn die «peinture automatique», dass die malenden Hände direkt vom Unbewussten gesteuert werden. Die Objekte scheinen in den fantastischen Landschaften wie hingeworfen – doch sind sie präzis komponiert.

Schon sein frühes Gemälde «l’orage (Paysage noir)» von 1926 – auch ein Bild der Düsternis – ist Ausdruck der «peinture automatique». Hier – das ist für Tanguy charakteristisch – ist der Horizont aufgelöst. Erde und Himmel verschwimmen in ihrer Schwärze ineinander. Die Figuren sind als solche noch erkennbar. Baumruinen brennen. Ein Tierkopf-Gebilde schaut erschreckt aus dem versengten Boden. Im Himmel macht eine verlorene Figur ihren Totentanz. Geisterfratzen blicken herab. Atmosphärisch – so wie das Grauen als Albtraum daherkommt – erinnert der «Sturm» an Hieronymus Bosch, den Meister der frühen Neuzeit, in dem die Surrealisten einen Urvater sahen.

«Toilette de l’air» (1937) zieht unseren Blick in eine unendliche, wüstenartige Weite. Der Horizont ist wiederum aufgelöst. Torsoartige Figuren stehen wie Plastiken in dieser Wüste. Vertrocknet wirken sie. Der schwarze Schatten scheint lebendiger als sie selbst. Tanguy verbindet in seinen imaginären Landschaften Schauer und Schönheit, Eros und Grauen. Das Unheimliche erhält eigenen künstlerischen Ausdruck. Im Bild «La Splendeur semblable» kann man die kriechenden Gebilde als Würmer oder auch als zu eigenem Leben erwachte Organteile lesen. Was hier noch zu zerfliessen, sich kriechend zu bewegen scheint, ist in «les derniers jours» von 1944 zu totem Stein erstarrt. Nur noch Versteinerungen bleiben auf der ausgedorrten Welt übrig.

Die sich der Abstraktion nähernden figürlichen Gebilde gehören mit zu Tanguys eigenständiger Bildsprache. Er geht darin viel weiter als Salvador Dalí, dessen Malerei sich später ins Dekorative entwickelt.

Der surrealistische Schmuck

Im gleichen Raum gibt es eine weitere Perle: der mit Pelz bedeckte Armreif von Meret Oppenheim, der Vorläufer ihrer Pelztasse. Sie verwebt in den Schmuck Trieblust und erotische Fantasie. Geradezu direkt spricht die Brosche von Bretons Tochter Aube Elléouët, das Schneckenhaus mit Frauenschenkel, vom Sexus. Ein grandioses Schmuckstück ist Alberto Giacomettis goldene Brosche, der Verkündungsengel, durchfurcht und von zäher Körperlichkeit.

Surrealismus in Paris Fondation Beyeler, bis 29. Januar.

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