Es war eine erschreckende Erkenntnis: Jede fünfte Frau in der Schweiz, die älter als 16 Jahre ist, hat bereits einen sexuellen Übergriff erlebt. So das Resultat einer Studie, welche Amnesty International Mitte Mai veröffentlicht hat. 4500 Frauen wurden für die repräsentative Umfrage befragt. Mehr als jede Zehnte berichtete, vergewaltigt geworden zu sein. Seither bewegt das Thema die Schweiz.

Das zeigte auch die grosse Resonanz des Frauenstreiks: Am vergangenen Freitag nahmen allein in Basel 40'000 Personen an der Demonstration teil, um auf Missstände zwischen den Geschlechtern aufmerksam zu machen.

Nun setzen sich Basler Politiker und Politikerinnen für konkrete Massnahmen ein. Basta-Grossrätin Beatrice Messerli hat gemeinsam mit Mitgliedern aus der SP und der GLP eine Motion eingereicht, welche für Basler Schulen Projektwochen zu sexueller Gewalt vorsieht. Der Regierungsrat solle innerhalb eines Jahres ein Konzept erarbeiten lassen, welches Selbstverteidigungskurse für Schülerinnen beinhaltet.

Parteiübergreifender Zuspruch

Die Forderung erhält parteiübergreifend Zuspruch. Zu den Mitunterzeichnerinnen gehört auch die jüngste Grossrätin des Kantons, Jo Vergeat von den Jungen Grünen. «Ich hätte in der Schule gerne gelernt, mich in unangenehmen Situationen zu wehren», sagt die 25-Jährige gegenüber der bz. «Als junge Frau ist man immer wieder mit Angst und Unwohlsein konfrontiert, wenn man alleine unterwegs ist.» Mit vierzehn Jahren sei sie von ihrer Mutter in einen Selbstverteidigungskurs geschickt worden. «Eine gute Erfahrung», wie sie heute sagt.

Auch bei bürgerlichen Frauen findet die Idee Unterstützung. «Ich habe selbst vor zwei Jahren einen Selbstverteidigungskurs besucht», so GLP-Grossrätin Esther Keller. «Wenn ich heute nachts alleine unterwegs bin, fühle ich mich sicherer als zuvor.» Sie finde es sinnvoll, ein entsprechendes Angebot in der Schule zu schaffen.

Und auch Martina Bernasconi von der FDP begrüsst den Vorschlag: «Ich finde die Motion richtig und hätte sie auch unterschrieben, wenn ich gefragt worden wäre.» Die Forderung der Motionärinnen, ein Konzept zu sexueller Gewalt und Selbstverteidigung zu erstellen, sei berechtigt.

Vorbehalte

Trotz grosser Unterstützung insbesondere von Frauenseite: Nicht alle Politikerinnen können dem Vorschlag etwas abgewinnen. Sie finde die Forderung nach mehr Sensibilisierung zwar richtig, schreibt SVP-Grossrätin Gianna Hablützel-Bürki auf Anfrage. Dies sei aber «nicht alleine Aufgabe des Staates, sondern auch des Elternhauses.»

Ähnlich klingt es bei ihrem Parteikollegen Joël Thüring. Dieser plädiert für eine direkte Integration in den Schulunterricht: «Ich bin der Meinung, dass es keine Projektwochen braucht.» Die Selbstverteidigung könne in den Sport-, die Sensibilisierung für Alltagsfragen in den Sexualkundeunterricht integriert werden. Durch die Integration in den üblichen Schulunterricht könnten sich Schülerinnen und Schüler ausserdem mit einer gewissen Regelmässigkeit mit der Thematik auseinandersetzen und nicht nur in einer einmaligen Projektwoche.

Trotz einiger Vorbehalte: Auch die SVP-Politiker betonen die Relevanz vermehrter Sensibilisierung. Die Motion sei «sicher prüfenswert», so Pascal Messerli, der als Grossrat für die SVP politisiert. Und auch Thüring betont, dass es sich um ein «wichtiges Thema» handle.

Auch Jungen sollen profitieren

Einig sind sich die Grossratsmitglieder auch darin, dass beide Geschlechter gleichermassen vom Projekt profitieren müssen. Im Vorstoss ist von «separativen Einheiten» die Rede, welche es ermöglichen sollten, das Thema geschlechterdifferenziert zu behandeln.

Wie solche geschlechterspezifischen Angebote aussehen könnten, ist zurzeit indes noch unklar. Leila Straumann, die das Basler Amt für Gleichstellung leitet, gibt sich zurückhaltend. Sie wolle bezüglich der Motion, konkreten Massnahmen und Angeboten der Entscheidung des Regierungsrats nicht vorweggreifen, schreibt sie auf Anfrage. Doch auch sie betont: «Sexuelle Gewalt und geschlechtsspezifische Gewalt sind sehr relevante Themen, die angegangen werden müssen.»

Der Grosse Rat entscheidet nun darüber, die Motion zur Bearbeitung an den Regierungsrat zu überweisen.