Konkrete Pläne
Schulen sollen den öV durch spätere Unterrichtszeiten entlasten

Mit Stundenplan-Anpassungen soll der öV in den Stosszeiten vermehrt entlastet werden. So denkt etwa die Fachhochschule Nordwestschweiz darüber nach, beim Bezug des neuen Campus in Muttenz die Unterrichtszeiten nach hinten zu verschieben. Auch die Uni Basel führt Gespräche mit den SBB.

Daniel Ballmer
Drucken
Teilen
Tagtäglich wird es eng, wenn Pendler, Schüler und Studenten gleichzeitig unterwegs sind.

Tagtäglich wird es eng, wenn Pendler, Schüler und Studenten gleichzeitig unterwegs sind.

Chris Iseli

Morgens um 7 Uhr geht es so richtig los. Schweizweit 600 000 Reisende drängen und schieben sich täglich zu den Stosszeiten in die SBB-Züge. Ein freier Sitzplatz ist so selten wie ein Sechser im Lotto. Nicht nur Büroangestellte oder Fabrikarbeiter pendeln zur Arbeit, auch Tausende Gymnasiasten, Berufsschüler und Studenten sind dann unterwegs.

Um die überfüllten Pendlerzüge zu entlasten, hatte SBB-Chef Andreas Meyer schon vor längerem angeregt, dass Schulen und Unis ihren Unterrichtsbeginn verschieben oder stärker staffeln. Ziel: Schüler und Studenten sollen nicht ausgerechnet während des grössten Berufsverkehrs unterwegs sein. Auch im Baselbieter Landrat wurde das Thema aufgeworfen. Die Regierung hielt 2014 fest, dass bei einer Verschiebung um eine Stunde und einer gleichmässigeren Verteilung der Pendler «die Spitzenbelastung theoretisch um bis zu 50 Prozent reduziert werden» könnte. Dennoch: Passiert ist bisher kaum etwas.

FHNW könnte Vorreiter werden

Nun aber kommt Bewegung in die Sache. So sollen an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) beim Bezug des neuen Campus in Muttenz 2018 die Unterrichtszeiten überprüft werden, sagt Dominic Wyler von der Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion. So würden nicht nur Züge und Busse entlastet, auch könne die Anbindung an den öV optimiert werden, bestätigt FHNW-Sprecher Dominik Lehmann. Nachteil: Die Infrastruktur wäre am Morgen wenig genutzt. Gleichzeitig könne es nachmittags zu Überlastungen kommen. Auch die Uni Basel führt Gespräche mit den SBB.

Das Basler Amt für Mobilität befasse sich derzeit ebenfalls mit der «Herausforderung, Spitzenstunden zu brechen». Schliesslich sei ein Verkehrsangebot, das nur auf wenige Spitzenstunden am Tag ausgerichtet ist, teuer und ineffizient, erklärt Nicole Stocker vom Bau- und Verkehrsdepartement. «Indem die Pendlerströme vermehrt auch auf Nebenverkehrszeiten gelenkt werden, können vor allem Kosten für zukünftige Investitionen gespart werden.» Bei einer möglichen Verschiebung von Unterrichtszeiten seien allerdings auch die Anforderungen der Schulen nach gut ausgelasteten Schulzimmern zu berücksichtigen, gleiches gelte für die Anforderungen berufstätiger Eltern nach Blockzeiten.

Die möglichen Hürden werden auch von der Baselbieter Bildungsdirektion betont. So wären bei späteren Anfangszeiten wohl neue Mittagsangebote zu schaffen, wofür hohe Investitionen nötig wären, sagt Petra Schmidt. Gleichzeitig verweist die stellvertretende Generalsekretärin auf die Erfahrungen in der Gemeinde Aesch. Die dortige Sekundarschule hatte im vergangenen Sommer den Beginn der Lektionen generell von 7.30 Uhr auf 8.20 Uhr verschoben. Das Pilotprojekt stiess aber auf grossen Widerstand. Bemängelt wurde, dass die Schüler dadurch keinen freien Nachmittag mehr haben. Auf den Semesterwechsel im Januar hin wurde die Änderung denn auch teilweise wieder rückgängig gemacht.

Kein Einzelfall: So hatte die Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion für die Sekundarschulen Gelterkinden und Sissach sowie das Gym Liestal die Auswirkungen untersuchen lassen, wenn der Unterrichtsbeginn jeweils um eine Lektion verschoben würde. Ergebnis: Zwar würde der Pendlerverkehr am Morgen entlastet, dafür aber wäre der Ansturm am Abend konzentrierter. «Eine generelle Verschiebung des Stundenplans wäre daher keine Lösung», bilanziert Wyler.

Kantone machen Druck

Andere Kantone sind da bereits einen Schritt weiter. So hat der Kanton Zug Gymnasien, Berufs- und Hochschulen angeschrieben. Als eine der ersten hat die Kantonsschule Menzingen den Stundenplan bereits angepasst. Bisher mussten viele Zusatzwagen eingesetzt werden, um die Schüler pünktlich zum Unterricht zu bringen. In den Nebenzeiten fahren die Busse und Züge dagegen halb leer herum. Mit einem gestaffelten Unterrichtsbeginn könnte der Kanton Zug daher schätzungsweise 500 000 bis 800 000 Franken pro Jahr sparen.

Auch die Stadtberner Gymnasien und Berufsschulen müssen noch dieses Jahr Vorschläge erarbeiten, wie sie ihre Schüler zwischen 7 und 8 Uhr vom öV fernhalten können. Führen zudem die Hochschulen gestaffelte Unterrichtszeiten ein, könnten rund 18 500 Studierende die Stosszeiten vermeiden, schreibt die «Sonntagszeitung» und verweist auf eine neue Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Bereits gehandelt hat die Hochschule Luzern. Auf dem Campus Rotkreuz beginnen die Vorlesungen neu erst um 9 Uhr. Auch die ZHAW selber denkt jetzt über einen späteren Vorlesungsbeginn nach.

Aktuelle Nachrichten