Sexuelle Gewalt
Schülerinnen sollen kämpfen lernen: Basler Politikerinnen fordern Selbstverteidigungskurse

Nachdem eine Studie aufzeigte, dass in der Schweiz jede fünfte Frau von sexueller Belästigung betroffen ist, fordern Basler Politikerinnen mehr Präventionsarbeit. An Basler Schulen sollen künftig Projektwochen zu sexueller Gewalt stattfinden.

Mélanie Honegger
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Geht es nach den Motionärinnen, finden in den Turnhallen der Basler Schulhäuser künftig auch Selbstverteidigungskurse statt.

Geht es nach den Motionärinnen, finden in den Turnhallen der Basler Schulhäuser künftig auch Selbstverteidigungskurse statt.

Keystone

Es war eine erschreckende Erkenntnis: Jede fünfte Frau in der Schweiz, die älter als 16 Jahre ist, hat bereits einen sexuellen Übergriff erlebt. So das Resultat einer Studie, welche Amnesty International Mitte Mai veröffentlicht hat. 4500 Frauen wurden für die repräsentative Umfrage befragt. Mehr als jede Zehnte berichtete, vergewaltigt geworden zu sein. Seither bewegt das Thema die Schweiz.

Das zeigte auch die grosse Resonanz des Frauenstreiks: Am vergangenen Freitag nahmen allein in Basel 40'000 Personen an der Demonstration teil, um auf Missstände zwischen den Geschlechtern aufmerksam zu machen.

Die links regierte Grossstadt Basel war einer der Hotspots des Frauenstreiks.
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Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann und Regierungsrätin Eva Herzog solidarisierten sich mit dem Streik.
Sie luden die Mitarbeiterinnen der Kantonsverwaltung zu einer gemeinsamen Pause in den Hof des Rathauses.
Auch die Helvetia an der Mittleren Brücke war im Streikmodus.
«Ein Streik heisst Stillstand. Blockade. Er setzt die Routine für einen Moment aus und zeigt, dass, wenn wir nicht wollen, nichts mehr geht», kündigte eine Sprecherin am Streik an.
Zahlreiche Strassen wurden nach Frauen umbenannt.
Diverse Strassen wurden zu Streikalleen.
Um elf Uhr legten etliche Frauen als Protest die Arbeit nieder.
Zur selben Zeit nahmen ein paar Männer ihre Tätigkeit auf – in der extra für den Frauenstreik eingerichteten Kinderkrippe im Unternehmen Mitte. Damit auch die Mütter für ihre Rechte auf die Strasse gehen konnten.
Über 500'000 Menschen gingen schweizweit auf die Strasse.
Damit hat der Frauenstreik die Erwartungen deutlich übertroffen.
In Basel waren mehrere Zehntausend unterwegs und machten auf akute Probleme aufmerksam.
Der 14. Juni 2019 geht als grösste politische Aktion seit dem Generalstreik 1918 in die Schweizer Geschichte ein.
Mit 500'000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beteiligten sich noch mehr Menschen an diesem Aktions- und Streiktag für die Gleichstellung als am Frauenstreik 1991.
Der Tag zeige laut Unia überdeutlcih, dass die Gleichstellung der Geschlechter eine der sozial drängendsten Fragen der Schweiz sei.
Am Claraplatz blockierten tanzende Frauen die Durchfahrt der Trams.
Am Tanz-Flashmob gegen häusliche Gewalt zeigt eine Gruppe von Frauen eine perfekt eingeübte Choreografie.
Frauenstreik in Basel: 14. Juni 2019, Frauenstreik in Basel: Der tanzende Flashmob um 13:00 beim Clarapltz behinderte auch den Tramverkehr
Die Teilnahme in Basel war so gross, dass die Streikenden beim Ausgangspunkt Theaterplatz nicht vom Fleck kamen und der Anfang der Demo bereits bei der Mittleren Brücke war.
Ein eindrückliches Beispiel, wie sehr das Thema die Menschen bewegt.
Der Streikzug wurde dann zweigeteilt.
Basel war einer der Hotspots des Frauenstreiks.
Die Streikzüge konnten sich quer über den Rhein gegenseitig zuwinken.
Der Verkehr in der Innenstadt war stundenlang lahmgelegt.
Am Theaterplatz – Ausgangs- und Endpunkt des historischen Streiks – sprachen zahlreiche Frauen über ihre Erfahrung mit fehlender Gleichstellung.
KimBo, SASA, Mer und Sascha performten den Streiksong.
Der Frauenstreik 2019 hat ganz Basel bewegt. Die Organisatoren und alle Teilnehmenden hoffen, dass die Forderungen, Wünsche und das Engagement auch über den 14. Juni 2019 hinaus getragen werden.

Die links regierte Grossstadt Basel war einer der Hotspots des Frauenstreiks.

Kenneth Nars

Nun setzen sich Basler Politiker und Politikerinnen für konkrete Massnahmen ein. Basta-Grossrätin Beatrice Messerli hat gemeinsam mit Mitgliedern aus der SP und der GLP eine Motion eingereicht, welche für Basler Schulen Projektwochen zu sexueller Gewalt vorsieht. Der Regierungsrat solle innerhalb eines Jahres ein Konzept erarbeiten lassen, welches Selbstverteidigungskurse für Schülerinnen beinhaltet.

Parteiübergreifender Zuspruch

Die Forderung erhält parteiübergreifend Zuspruch. Zu den Mitunterzeichnerinnen gehört auch die jüngste Grossrätin des Kantons, Jo Vergeat von den Jungen Grünen. «Ich hätte in der Schule gerne gelernt, mich in unangenehmen Situationen zu wehren», sagt die 25-Jährige gegenüber der bz. «Als junge Frau ist man immer wieder mit Angst und Unwohlsein konfrontiert, wenn man alleine unterwegs ist.» Mit vierzehn Jahren sei sie von ihrer Mutter in einen Selbstverteidigungskurs geschickt worden. «Eine gute Erfahrung», wie sie heute sagt.

Auch bei bürgerlichen Frauen findet die Idee Unterstützung. «Ich habe selbst vor zwei Jahren einen Selbstverteidigungskurs besucht», so GLP-Grossrätin Esther Keller. «Wenn ich heute nachts alleine unterwegs bin, fühle ich mich sicherer als zuvor.» Sie finde es sinnvoll, ein entsprechendes Angebot in der Schule zu schaffen.

Und auch Martina Bernasconi von der FDP begrüsst den Vorschlag: «Ich finde die Motion richtig und hätte sie auch unterschrieben, wenn ich gefragt worden wäre.» Die Forderung der Motionärinnen, ein Konzept zu sexueller Gewalt und Selbstverteidigung zu erstellen, sei berechtigt.

Vorbehalte

Trotz grosser Unterstützung insbesondere von Frauenseite: Nicht alle Politikerinnen können dem Vorschlag etwas abgewinnen. Sie finde die Forderung nach mehr Sensibilisierung zwar richtig, schreibt SVP-Grossrätin Gianna Hablützel-Bürki auf Anfrage. Dies sei aber «nicht alleine Aufgabe des Staates, sondern auch des Elternhauses.»

Ähnlich klingt es bei ihrem Parteikollegen Joël Thüring. Dieser plädiert für eine direkte Integration in den Schulunterricht: «Ich bin der Meinung, dass es keine Projektwochen braucht.» Die Selbstverteidigung könne in den Sport-, die Sensibilisierung für Alltagsfragen in den Sexualkundeunterricht integriert werden. Durch die Integration in den üblichen Schulunterricht könnten sich Schülerinnen und Schüler ausserdem mit einer gewissen Regelmässigkeit mit der Thematik auseinandersetzen und nicht nur in einer einmaligen Projektwoche.

Trotz einiger Vorbehalte: Auch die SVP-Politiker betonen die Relevanz vermehrter Sensibilisierung. Die Motion sei «sicher prüfenswert», so Pascal Messerli, der als Grossrat für die SVP politisiert. Und auch Thüring betont, dass es sich um ein «wichtiges Thema» handle.

Auch Jungen sollen profitieren

Einig sind sich die Grossratsmitglieder auch darin, dass beide Geschlechter gleichermassen vom Projekt profitieren müssen. Im Vorstoss ist von «separativen Einheiten» die Rede, welche es ermöglichen sollten, das Thema geschlechterdifferenziert zu behandeln.

Wie solche geschlechterspezifischen Angebote aussehen könnten, ist zurzeit indes noch unklar. Leila Straumann, die das Basler Amt für Gleichstellung leitet, gibt sich zurückhaltend. Sie wolle bezüglich der Motion, konkreten Massnahmen und Angeboten der Entscheidung des Regierungsrats nicht vorweggreifen, schreibt sie auf Anfrage. Doch auch sie betont: «Sexuelle Gewalt und geschlechtsspezifische Gewalt sind sehr relevante Themen, die angegangen werden müssen.»

Der Grosse Rat entscheidet nun darüber, die Motion zur Bearbeitung an den Regierungsrat zu überweisen.