Literatur

Schweine, Schnaps und Sisterhood: Martyna Bunda kommt nach Basel

Der Debütroman der Autorin Martyna Bunda erscheint auf deutsch.

Der Debütroman der Autorin Martyna Bunda erscheint auf deutsch.

Das Debut der polnischen Autorin Martyna Bunda ist ein Glücksfall. Morgen Dienstag ist sie in Basel zu Gast.

Wenn Sie vorhatten, diesen Winter wieder einmal die Buddenbrooks zu lesen, legen Sie es zurück ins Regal. Das kann warten. Greifen Sie stattdessen zu Martyna Bundas polnischer Familiensaga «Das Glück der kalten Jahre.»

Mittelpunkt des Geschehens ist das Steinhaus im kaschubischen Dorf Dziewcza Góra, das Rozela 1932 nach dem Tod ihres Mannes eigenhändig für sich und ihre drei Töchter Gerta, Ilda und Truda erbaut hat. Die Zeiten sind geprägt von Krieg und Lebensmittelknappheit. Dank einer Schnapsbrennerei im Keller können się sich auch in schwierigen Zeiten ernähren. Um Trudas Herz zu gewinnen, schleppt ein Verehrer über die Jahre zudem noch Schweine, drei Pfauen und einige Hühner an, darunter eines, das seine Eier nur hergibt, wenn es in einem Tuch geschaukelt wird.

Berühren, ohne sentimental zu werden

Ob wegen des Haushalts, einer Perle oder der Tiere: So sehr die drei unterschiedlichen Schwestern einander immer wieder in die Haare geraten, so sehr stehen się einander ohne zu zögern zur Seite, wenn es um ernsthafte Probleme geht. Nicht selten sind Männer der Grund. Ihre grosse Liebe darf Truda nicht heiraten, da ein Deutscher 1945 Schande über die Familie bringen würde. Als Jan, Trudas zweite Liebe, des Hochverrats angeklagt ins Gefängnis kommt, ist es die pragmatische Gerta, die persönlich nach Warschau fährt, um sich für den Schwager einzusetzen.

Wenn Bunda diese Frau vom abgelegenen Dorf in die Stadt reisen lässt, so wäre es ein Leichtes, die Figur der Lächerlichkeit preiszugeben. Das Gegenteil davon passiert. Bunda gelingt es, die feine Komik dieser Situation zu vermitteln, ohne ihre Figur Greta zu verraten. Im gleichen Masse schafft sie es, zu berühren, ohne sentimental zu werden, und eine grosse Nähe zu den Figuren herzustellen, die letztlich trotz dieser Nähe autonom und eine Spur weit geheimnisvoll bleiben. Warum lässt Ilda ihr geliebtes Motorrad im Schuppen? Warum erfindet Truda so fabulierlustig, wenn sie Biographisches erzählt?

Überleben im Krieg – Weiterleben danach

Trotz offener Fragen hat man als Lesende das Gefühl, diese Schwestern persönlich zu kennen. Die Kapitel tragen abwechslungsweise die Namen der drei Töchter und den Namen Rozelas. Als Lesende sieht man die Welt aus dem Blick jeder einzelnen Frau. Das Erzählen selbst wird dabei im Roman auf verschiedenste Art und Weise thematisiert. Wie schmückt man im Brief an den Geliebten die Dinge aus? Was landet in der Zeitung? Was wird im Dorf erzählt? Wem erzählt man wann seine Geschichte? Aus welchem Grund? Gibt es uns nur, wenn wir erzählen? Ehemals Peinliches wird beim Erzählen in der warmen Küche zur einem verbindenden Element. Und was wird verschwiegen? Warum?

Nicht zuletzt ist der Roman eine Hommage an die Figur der alleinerziehenden Mutter Rozela in schwierigen Zeiten. Und nebenbei eine Erzählung über das Überleben im Krieg und das Weiterleben danach. Dass Rozela von einer Gruppe von Männern auf brutale Art. und Weise vergewaltigt wurde, als die sowjetische Armee gegen Westen gezogen war, wird anfangs nur in wenigen Worten erwähnt, kommt aber in zunehmendem Alter als Trauma der Protagonistin immer mehr vor. Auch dieser Thematik nimmt sich Bunda behutsam und literarisch überzeugend an. Ohne den Schmerz zu bagatellisieren setzt sie ihm erzählerisch das entgegen, was man ihm entgegensetzen kann: Den Humor und die Liebe. Für die leise, poetische Kraft des Romans sorgt in der deutschen Übersetzung gewiss auch die Behutsamkeit und Treffsicherheit des Übersetzers Bernhard Hartmann.

Während der Lektüre dieser weiblichen Familiensaga stellt sich eine Situation ein, die alles andere als selbstverständlich ist, ein Zeichen für die grosse Kunst dieses literarischen Debüts. Ist man gezwungen, das Buch kurz aus der Hand zu legen, um einer Arbeit nachzugehen oder etwas zu erledigen, ertappt man sich selbst beim immer wieder kehrenden Gedanken: «Was machen wohl jetzt gerade Gerta, Truda und Ilda?». Wäre das Buch eine Serie, man würde sich alle Episoden in einer Nacht ansehen.

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