Jörg Lutz ist seit Oktober letzten Jahres Oberbürgermeister von Lörrach, mit 49 000 Einwohnern die grösste Nachbarstadt Basels. Vorher war er von 1999 bis 2014 Bürgermeister von Grenzach-Wyhlen – er kennt also die Problematik der Nähe zur Schweiz und sieht ihre positiven, aber manchmal auch negativen Seiten.

Herr Lutz, wie geht es Lörrach mit dem grossen Nachbarn Basel?

Jörg Lutz: Wir sind eng miteinander verflochten. Man kann Lörrach nicht ohne Basel denken, aber Basel braucht auch sein Umland und ganz sicherlich die Stadt Lörrach. Wir haben 6000 Grenzgänger – ganz überwiegend hoch qualifizierte Mitarbeiter im Bereich Life Sciences und Pharma. Wenn die von heute auf morgen weg wären, wäre das ein Problem. Umgekehrt würden sie natürlich nicht bei uns wohnen, wenn sie nicht die Stelle in Basel hätten.

Aber bringen Ihnen die Grenzgänger nicht vor allem Kosten?

Es ist noch keine Kommune in Deutschland durch ihre Einwohner reich geworden. Das ist der Unterschied zur Schweiz. Wenn Riehen zehn Millionäre mehr hat, bekommt der Ort komplett die Einkommenssteuer für sie. Das lohnt sich also richtig. Bei uns aber gibt es einen Deckel, der bei 70 000 Euro steuerbarem Einkommen liegt. Nur bis zu dieser Summe erhalten wir die Steuereinnahmen. Der Rest geht in zehn Töpfe, aus denen wir über Umwege wieder etwas zurückbekommen. Finanziell gesehen sind Einwohner nicht attraktiv. Wir diskutieren derzeit intensiv darüber, ob und wo wir weiter verdichten oder ob wir draussen am Stadtrand einen neuen Stadtteil brauchen. Dann kommen natürlich sofort die Fragen: Was heisst das für unsere Strassen, den öV, das Abwassersystem, die Kindergärten und Schulen? Einwohner muss man sich auch leisten können. Wir arbeiten mit unterschiedlichen Szenarien und versuchen, nicht zu optimistisch zu sein, damit wir nicht eines Tages zu viele Wohnungen haben. Was passiert, wenn Roche oder Novartis entscheidet, die Forschungsabteilung und viele hochwertige Arbeitsplätze nach Singapur zu verlagern?

Noch aber sieht das nicht so aus und Sie haben andere Probleme. Ist der Druck auf die Immobilien- und Grundstückpreise in Lörrach wegen der vielen Arbeitsplätze in Basel gestiegen?

Ganz dramatisch ¬– nur ein Beispiel: Als der Eurokurs Mitte Januar nicht mehr von der Schweiz gestützt wurde und sank, hat das Jobcenter Anrufe aus ganz Deutschland erhalten. Die Leute wollten in Lörrach wohnen und in der Schweiz arbeiten und wissen, wie und ob das möglich wäre. Wenn sie kommen, wollen sie in der Stadt und nicht auf dem Land wohnen. Der Druck ist enorm. Wir haben 3800 städtische Wohnungen und eine Warteliste von 2000 bis 3000 Anwärtern. Der neue kaufmännische Leiter eines grossen Lörracher Unternehmens hat ein ganzes Dreivierteljahr lang händeringend eine Wohnung gesucht - und das ist niemand, der unter Finanzknappheit leidet. Er hat schlicht und einfach lange keine Vierzimmerwohnung in unserer Stadt gefunden.

Wie hoch sind denn die Preise – wie im für Deutschland teuren Freiburg im Breisgau?

Noch nicht ganz. Aber die Preise sind zuletzt durch die Decke gestossen. Die Grenzgänger haben seit dem 15. Januar 20 Prozent mehr in ihrer Lohntüte und können drauflegen beim Kaufen oder Mieten einer Wohnung. Aber diejenigen, die hier im öffentlichen Dienst arbeiten, bekommen keinen höheren Lohn, weil sie in Lörrach und nicht auf der Schwäbischen Alb im Niedrigpreisgebiet wohnen. Aktuell laufen Verkäufe regelmässig so ab, dass zwar ein Preis dabei steht, aber Gebote abgegeben werden dürfen. Verhandelt wird also nicht mehr Richtung unten, sondern nach oben. Die Immobilien gehen wirklich teilweise zu Preisen weg, die wirtschaftlich schwer nachvollziehbar sind.

Haben die vielen Grenzgänger auch positive Auswirkungen?

Sie kaufen natürlich hier auch ein, wir bekommen Einkommenssteueranteile für sie und sie bringen Leben in die Stadt. Ich bin lieber Oberbürgermeister einer dynamischen Stadt als einer, die Einwohner verliert.

Wie gross ist die Bedeutung der Schweizer Einkaufstouristen für den Lörracher Detailhandel?

Da muss man sehr je nach Geschäft differenzieren. Verlässliche Zahlen gibt es keine und wenn, sind es oft Momentaufnahmen. 2007, und das ist noch keine Lichtjahre her, stand der Euro zum Franken bei 1.67. Das vergisst man gerne. Ich warne dringend davor, davon auszugehen, dass die Entwicklung der letzten Zeit auch die nächsten zehn Jahre so weiter geht.

Gibt es gar keine Zahlen zur Einkaufstourismus?

Für unser Postareal, das in der Nähe des Bahnhofs zum Einkaufszentrum entwickelt werden soll, gehen wir von sehr konservativen Zahlen wie 15 Prozent Schweizer Kaufkraft aus. Aktuell wäre es sicher mehr. Die Weiler Kollegen rechnen etwas dynamischer mit 25 Prozent.

Was bringt es einer Stadt, wenn der Handel brummt?

Wir leben zu Zweidrittel von Handel und Dienstleistung . Unsere Infrastruktur und Ausstattung an Geschäften ist grösser als die einer vergleichbar grossen deutschen Stadt. Davon profitieren alle Lörracher. Auf der anderen Seite müssen wir in der Gastronomie Preise zahlen, die auch in München oder Hamburg ähnlich wären.

Kommt das durch die Nähe zur Schweiz?

Das ist ganz klar. Das ist logisch. Die Schweizer lächeln nur milde, wenn sie das Angebot und die Preise auf unseren Speisekarten sehen und wir werden leicht blass um die Nase. Wenn andauernd viele Gäste sagen, wie günstig es hier ist und dann lieber das Rindsfilet statt des Schweineschnitzels nehmen, wirkt sich das auf Dauer auf das Preisniveau aus. Ich will aber nicht jammern: wir haben ein tolles gastronomisches Angebot.

Haben Sie Probleme damit, dass Arbeitskräfte in die Schweiz abgeworben werden?

Viele Sparten haben zu kämpfen, wie zum Beispiel der Gesundheitsbereich. Dort betrifft es weniger die normalen Krankenpfleger oder Krankenschwestern. Bei den Spezialisten wie den OP-Pflegern hingegen wird heftig abgeworben.

Ich möchte gerne auf Riehen zu sprechen kommen. Dort war man wenig begeistert von dem Hochhaus, das Sie bei der Wiese an die Grenze bauen. Hat das die Beziehung verschlechtert?

Nein. Auch in Lörrach gab es nicht nur Befürworter. Ein Hochhaus wird immer ein Stück weit polarisieren. Dass eine Gemeinde, die sich als grosses, grünes Dorf versteht, auf Anhieb skeptischer auf den Hochhausbau reagiert, dafür haben wir volles Verständnis.

Aber gebaut wird das Hochhaus trotzdem.

Ja. Aber wenn ich aus dem Fenster schaue, entdecke ich den grossen Roche-Turm – da hat uns auch niemand gefragt. Ich denke, wenn das Hochhäuschen, und es ist nur ein Hochhäuschen, dort steht, werden alle sagen, dass das kein Thema ist.

Die Zollfreistrasse hat bisher die in Riehen erhoffte Entlastung des Zentrums nicht gebracht. Das liegt auch daran, dass der fehlende Kreisel in Lörrach nicht fertig ist.

Es ist natürlich denkbar unglücklich, wenn bei einer wichtigen Strasse ein Anschluss nicht von Anfang an so hergestellt wird, wie es erforderlich ist. Sehen wir es positiv. Dieser Tage wurde mit den Bauarbeiten an einer Stützwand begonnen. Ende 2016 soll der Kreisel dann fertig sein, und ich gehe davon aus, dass man den Verkehr aus der Innenstadt von Lörrach dann auf die Zollfreie bringt. Es wird allerdings immer einen gewissen Durchgangsverkehr durch Riehen geben. Je nachdem, welche Ziele ich in Basel ansteuere, macht die Fahrt über die Zollfreie nicht unbedingt Sinn. Auch die Fondation Beyeler zieht natürlich Verkehr an.

Wie steht es um das Projekt einer neuen S-Bahnhaltestelle am Zollübergang zu Riehen?

Wir arbeiten daran. Er ist die Voraussetzung für den 15-Minutentakt auf der S-Bahn, weil dort eine weitere nötige Querungsstelle Sinn machen würde. Wir wollen am Zoll einen Mobilitätsknotenpunkt für S-Bahn, Buslinien, Carsharing und Velos bauen und dabei den momentan unwirtlichen Bereich auf der deutschen Seite des Zolls umgestalten.

Ist eine Taktverdichtung für die S-Bahn derzeit überhaupt möglich?

Um eine chinesische Mauer durch Riehen und Lörrach zu verhindern, muss die Schliesszeit der Schranken verkürzt werden. Das lässt sich sicher technisch mit besseren Steuerungsmöglichkeiten als den aktuellen machen - ohne dass die Stadt dicht gemacht wird, wenn der Zug sich den Stadtgrenzen nähert. Jeden Morgen staut sich der Individualverkehr fast zehn Kilometer bis Steinen zurück – am Steuer sitzt jeweils der eine berühmte Fahrer auf dem Weg zum Arbeitsplatz in Lörrach oder Basel. Die Ortsdurchfahrt von Riehen würde durch einen Viertelstundentakt der S-Bahn entlastet, das zeigen alle Untersuchungen. Die Leute gehen dann zum Bahnhof und müssen sich keine Gedanken mehr über den Fahrplan machen - im schlechtesten Fall wartet man 14 Minuten. Da wäre viel zu erreichen. Das muss einfach Vorrang haben.

Und hat es Vorrang?

Wir haben nachgewiesen, dass es auf der S6 Basel – Wiesental 20 000 Fahrgäste täglich gibt. Nach den Förderregularien des Landes Baden-Württemberg würden somit vier Züge pro Stunde gefördert, wenn auch nicht ganz bis Zell. Das hört das Land aber nicht gerne, weil es Geld kostet.

Das Herzstück Regio-S-Bahn mit der unterirdischen Verbindung zwischen den beiden Basler Bahnhöfen ist zentral für die ganze Region. Ist denkbar, dass Deutschland mitfinanziert, wie die Schweizer das mit dem Agglomerationsprogramm beim Tram nach Weil gemacht haben?

Da muss man wirklich ein grosses Lob an die Schweizer Seite aussprechen, die vorbildlich über die Staatsgrenzen hinaus denkt. Umgekehrt hat die deutsche Seite natürlich auf ihren Zulaufstrecken genügend zu tun. Ob das die Elektrifizierung am Hochrhein ist, die nur wegen des Herzstücks kommen wird oder die Zuläufe von Wiesental- und Oberrheinstrecke, da wird die deutsche Seite sicherlich in ihre Infrastruktur investieren müssen. Ausserdem kostet es, die Takte zu verdichten. Ob man für das eigentliche Projekt in der Stadt Basel einen deutschen Betrag aufbringt, bin ich eher skeptisch. Egal, ob das der Euro-Airport oder andere Projekte waren – bisher gab es die Generallinie: wir haben genügend mit den Vorhaben zu tun, die auf unserem eigenen Staatsgebiet liegen. Wenn die erledigt werden, ist auch dem Herzstück gedient.