Ein jüdisches Gymnasium wäre für die Schweiz ein Novum. Dennoch nahm ausserhalb der jüdischen Gemeinschaft deren Ankündigung kaum jemand wahr. Im vergangenen Juli gab der Basler Rabbiner Moshe Baumel in der Zeitschrift «tachles» die Pläne bekannt. Bereits ab Sommer 2017 sollten erste Jugendliche auf eine internationale Hochschulreife vorbereitet werden. Anders als an den staatlichen Gymnasien wären 16 Lektionen pro Woche für jüdische Fächer vorgesehen.

Inzwischen ist klar: Das Vorhaben lässt sich nicht so rasch umsetzen, wie sich dies der Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) erhofft hat. «Die Pläne liegen konkret vor, aber der Realisierungsort ist noch unklar», sagt er. Ursprünglich sollte die Schule in Basel eröffnet werden. Seit November werden aber auch Gespräche mit einem Organisationskomitee in Zürich geführt. Dies, weil in Basel ein Geldgeber abgesprungen ist und die Pläne nicht bei allen Gemeindemitgliedern auf Begeisterung stiess. «Der Konsens ist nicht so deutlich, wie ich dachte», sagt Baumel. Er will die Pläne aber noch nicht begraben: Eine neue Idee brauche «etwas Zeit, um sich durchzusetzen».

Liberaler in Basel als in Zürich

Die Israelitische Gemeinde in Basel schrumpft. Mit den Gymnasium-Plänen will der Rabbi dieser Entwicklung entgegenwirken. Er will jene Familien für ein jüdisches Gymnasium gewinnen, deren Kinder bislang nicht Teil der Gemeinde sind. Entsprechend moderat müsste die Schule ausgerichtet sein. Über deren Prägung entscheiden aber massgeblich die Geldgeber. Dabei lässt Baumel durchblicken, dass ein Gymnasium in Zürich weitaus traditioneller als in Basel gestaltet würde. «Dort wünscht man sich eine jüdische Erziehung für Schüler mit entsprechenden Vorkenntnissen», sagt er.

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Eine Schule in Basel soll hingegen allen jüdischen Jugendlichen offenstehen. Auch jenen, die ihre obligatorische Schulzeit nur in staatlichen Klassenzimmern absolvierten und keinen jüdischen Religionsunterricht besuchten. Dadurch erhofft sich der Rabbiner, auch Schüler aus Nachbarkantonen und aus dem nahen Ausland zu erreichen.

Anders als für muslimische gibt es für jüdische Kinder in der Schweiz bereits verschiedene private Schulen auf Primar- und Mittelstufe. Vergangene Woche sagte Serhad Karatekin von der Basler Muslim Kommission gegenüber dieser Zeitung, dass einzelne muslimische Vereine sich zum Ziel setzten, eine Privatschule zu eröffnen. Eine Hürde sei aber, eine geeignete Liegenschaft zu finden. Der Kanton schreibt detailliert vor, was Fläche, Raumhöhe, Licht und Lärm betrifft.

Offene finanzielle Fragen

Im Gegensatz zu muslimischen Vereine verfügt die jüdische Gemeinschaft in Basel über entsprechende Gebäude. Neben der IGB bietet auch die Gemeinschaft der streng orthodoxen Juden – die Israelitische Religionsgesellschaft Basel (IRG) – je einen Kindergarten und eine Primarschule an. Die IGB führt zudem eine Mittelschule. Die Institutionen stehen unter Aufsicht des Erziehungsdepartements. Eine Bewilligung erhält, wer sich gemäss Schulgesetz zu den «demokratischen Grundwerten» bekennt, ein «angemessenes pädagogisches Konzept» aufweist und eine «vergleichbare Anzahl an jährlichen Unterrichtsstunden wie die staatlichen Schulen» anbietet.

Ein Blick auf den Stundenplan der Leo-Adler-Primarschule der IGB zeigt, die Kinder besuchen zwar gleich viel Lektionen wie an Volksschulen. Davon entfallen jedoch zehn Stunden pro Wochen auf jüdische Fächer. Wie schaffen die Kinder dennoch die obligatorischen Lerninhalte? Schulleiterin Barbara Gadient sagt, die Bildungsziele würden erfüllt. Weil der Unterricht in Kleingruppen stattfände, sei die Förderung umso gezielter.

Ein Gymnasium unterliegt nicht dem Schulgesetz, da es den nachobligatorischen Bereich betrifft. Um den Schulbetrieb für mindestens fünf Jahre garantieren zu können, seien 1,5 Millionen Franken nötig, sagt Baumel. «Etwas mehr als die Hälfte», sei bislang gesichert.

Neben den offenen finanziellen Fragen stellen sich jene der Nachfrage. Die Leo-Adler-Schule besuchen von der ersten bis zur vierten Klasse insgesamt 22 Schüler. Vor fünf Jahren stand sie aufgrund leerer Klassenzimmer kurz vor dem Aus. Der Rabbi verweist auf die inzwischen «steigenden Zahlen». Als nächster Schritt will er das Basler Projektteam erweitern. Bislang treiben er und ein weiteres IGB-Mitglied die Idee voran.