Natur-Kongress
«Schweizer Städte sind auf gutem Weg zur Nachhaltigkeit»

Chef der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) Martin Dahinden spricht im Interview über die Notwendigkeit zur Nachhaltigkeit und über Möglichkeiten, die Klimaprobleme mit Entwicklungshilfe zu lösen.

Moritz Kaufmann
Merken
Drucken
Teilen
Martin Dahinden

Martin Dahinden

Keystone

Herr Dahinden, Sie treten als Chef der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) am Natur-Kongress auf. Was hat Entwicklung mit Nachhaltigkeit zu tun?

Martin Dahinden: Nachhaltigkeit hat drei Dimensionen: eine wirtschaftliche, eine soziale und eine ökologische. In diesem Sinne ist Nachhaltigkeit schon seit 20 Jahren Teil der Entwicklungszusammenarbeit.

Ihre Aufgabe ist die Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern.

Das stimmt. Die Welt hat sich mit der Globalisierung jedoch verändert. Güter, Dienstleistungen, Menschen und Informationen verschieben sich in einer Geschwindigkeit wie niemals zuvor. Viele Herausforderungen machen deshalb nicht an Landesgrenzen halt. Dies hat auch Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir heute das Ziel der Armutsbekämpfung umsetzen.

Zum Beispiel?

Die Schweiz gilt als Wasserschloss. Wir haben das Gefühl, Wasser gibt es im Überfluss. Mit unserem Konsum verbrauchen wir jedoch Wasser an weit entfernten Orten. Etwa für die Herstellung von Baumwolle. Wir tragen also zu Wasserknappheit in anderen Ländern bei. Wenn wir diese Herausforderungen lösen wollen, müssen wir uns um globale Zusammenhänge kümmern. Ich bin deshalb froh, dass wir an den Natur-Kongress nach Basel eingeladen wurden.

Wie können Sie denn mit Entwicklungshilfe dazu beitragen, Klimaprobleme zu lösen?

Es gibt sehr viele Möglichkeiten. Wir können helfen, die Folgen zu lindern. Wir können aber auch versuchen, und das tun wir seit ein paar Jahren intensiv, dass Entwicklungsländer auf ressourcenarmes Wirtschaften umstellen. Sprich: dass man nachhaltige Energien verwendet, oder dass man sich mit Fragen der Urbanisierung befasst. Das ist nicht ein Abweichen von unserem Mandat, die weltweite Armut zu bekämpfen. Das ist eine Strategie, die auf die globalen Veränderungen Rücksicht nimmt.

Viele Länder mit einem Entwicklungsrückstand möchten möglichst schnell aufholen. Das führt doch zu Zielkonflikten mit nachhaltiger Entwicklung.

Das ist so. Wenn die Schwellen- und Entwicklungsländer denselben Kurs beschreiten wie die Industrieländer, bräuchten wir ein Vielfaches der Ressourcen unseres Planeten. Genau das führt auf internationaler Ebene zu Spannungen. Es geht also nicht darum, den Entwicklungsländern zu sagen: «Für euch ist das Erreichen dieses Entwicklungsstandards nicht möglich.» Auch wir müssen uns ändern und gleichzeitig den armen Ländern die Möglichkeit geben, sich ressourcenarm entwickeln zu können.

Damit sich die Länder des Südens entwickeln, müssen auch wir uns entwickeln?

Es ist so. Wir müssen uns bewusst werden, dass unser Verhalten an ganz anderen Orten Folgen hat.

Sie haben die Urbanisierung angesprochen. Wie können Schweizer Städte ihren Beitrag leisten?

Es muss ein Ziel sein, nachhaltige Städte zu haben. Die Städte in der Schweiz sind dabei auf einem guten Weg. Es wird in Nachhaltigkeit investiert. Wir wollen in Zukunft auch Know-how im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit für die Städte der Schwellen- und Entwicklungsländer zur Verfügung zu stellen.

Sind wir überhaupt ein Vorbild für Entwicklungsländer?

Es geht darum, gemeinsam Lösungen zu finden. Dabei können die Erfahrungen der Schweizer Städte nützlich sein.

Kann der Markt das Umdenken regeln, oder braucht es politische Leitlinien?

Wir können wir uns nicht darauf verlassen, dass der Marktmechanismus alle Probleme löst. Es braucht politische Entscheidungen auf internationaler Ebene, aber auch in den einzelnen Ländern. Basel kann dabei eine Vorreiterrolle spielen. Die Stadt hat Erfahrungen in den Energiepartnerschaften und mit «Urban Farming», also der Landwirtschaft in städtischen Siedlungsgebieten.