Transformation. Es ist das Wort, das die aktuelle Ära der Basler Stadtentwicklung prägen wird. So, wie es unter Thomas Kessler die Mediterranisierung war und damit das Flanieren am Rhein, die Buvetten. Transformation wird das Wort des neuen Stadtentwicklers Lukas Ott. Seine Aufgabe wird es nicht sein, die Lebensqualität in Basel zu steigern. Er wird sich um die Grundlagen kümmern müssen.

Verschwinden wird ein Teil der industriellen Geschichte dieser Stadt. Lysbüchel, Wolf, Klybeck: Diese Gewerbezonen haben diese Stadt einst grösser gemacht als sie es jetzt ist. Doch das war damals, als die Leute noch weniger Quadratmeter Zuhause brauchten. Weil die Stadt schrumpfte, war es möglich, die gestiegenen Ansprüche zu decken, ein bisschen zumindest.

Doch jetzt, während des «Basler Wirtschaftswunders», wie es Ott ausdrückt, wird schmerzlich offenbar: Wohnraum ist knapp. Das schlägt sich nicht nur in verzweifelten Inseraten zur Wohnungssuche im Internet nieder, sondern auch in handfesten Zahlen. Erst diese Woche verdeutlichte der Eigenheim-Index der Basler Kantonalbank: Die Preise für Wohneigentum steigen in der Region Nordwestschweiz doppelt so stark wie in der Restschweiz. Auch die Leerstandsquote bei Wohnungen ist mit 0,5 Prozent des Gesamtbestandes sehr tief. Knapp 200 000 Menschen wohnen in Basel-Stadt, viele mehr würden gerne.

Oberste Priorität

Wie die Stadt mit dieser Situation umgehen will, hat für Ott oberste Priorität, so viel ist für ihn nach zwei Monaten im Amt klar. Eine aktualisierte Wohnraum-Strategie steht bei ihm deshalb «ganz weit vorne». «Ganz sicher noch in diesem Jahr» will er das Papier der Regierung unterbreiten. Der «Schweiz am Wochenende» gab er in einem ausführlichen Gespräch erste Einblicke, flankiert von Regula Küng, Leiterin der Fachstelle Wohnraumentwicklung.

Drei Ziele formuliert Ott: «Genügend Wohnraum schaffen, diesen sozial durchmischen und für alle Schichten erschwinglich machen.» Für sein Vorhaben besitzt er sechs Kugeln im Revolver. Es sind die Namen bekannter Areale: Walkeweg, Hafen Klybeck-Kleinhüningen, Klybeckplus, Lysbüchel, Dreispitz Nord und der Güterbahnhof Wolf. Alles Schauplätze einer Industrie, wie es sie heute nicht mehr gibt oder braucht.

«Wir streben in diesen Arealen eine Durchmischung von Wohnen und Arbeiten im Verhältnis 1 zu 1 an – über die gesamte Fläche betrachtet, nicht innerhalb der einzelnen Gebiete», sagt Ott. 113,1 Hektaren Spielraum stehen dem Stadtentwickler zur Verfügung, eine Situation, wie in der Schweiz wohl ihres gleichen sucht. Möglich gemacht hat dies die Kaufstrategie des Kantons. Das Potenzial ist gross: 20'000 zusätzliche Arbeitsplätze und ebenso viel Wohnplätze, rechnet Küng vor.

Die ganze Aufmerksamkeit gilt nun diesen sechs Entwicklungsgebieten, Nebenschauplätze wie eine Wiederbelebung der einst gescheiterten Stadtrandentwicklung Ost sind derzeit nicht opportun. Es wird eine ausserordentliche Herausforderung, denn simpler Wohnungsbau reicht nicht. Ott will konkret in den Markt eingreifen, um alle drei seiner Ziele zu erfüllen.

Nicht nur die Stadt muss sich dabei verdichten, auch die Bewohner selbst. Sprich: Die Wohnfläche der Baslerinnen und Basler auf den neuen Arealen soll reduziert werden. «Unser Instrument dafür ist genossenschaftliches Wohnen», sagt Ott. Hinsichtlich der Genossenschaften hinkt Basel anderen Städten, Zürich etwa, hinterher. Das ehemalige Felix-Platt-Spital wird genutzt, diesen Umstand zu korrigieren, doch nicht nur: Schon im vergangenen Jahr ging rund ein Drittel der Neubauten in Genossenschaftsbesitz über. Es ist davon auszugehen, dass auch auf dem Wolf und anderen planerischen Spielflächen Genossenschaften angestrebt werden. Denn mit diesen kann der Kanton konkret Auflagen machen, wie viel Fläche einem Bewohner zusteht: 37 Quadratmeter für eine Einzelperson, zu zweit etwa 60 – und nicht je über 40, wie es jetzt der nationale Durchschnitt ist. Zudem sind sie zur Miete günstiger, «im Schnitt 15 Prozent» rechnet Ott vor.

Showdown beim Lysbüchel

Der Fahrplan ist einigermassen straff. Am Walkeweg und auf dem Lysbüchel sollen schon ab 2021/2022 erste Bewohner einziehen. Es folgen Dreispitz, Wolf und Klybeckplus, am Schluss dann der Hafen. Ott spricht von einem «Erfolgslogik», die sich für diese Serie von Mega-Projekten einstellen muss. Es wird deutlich: Das Areal Lysbüchel, das jetzt in die politisch heisse Phase gelangt, wird ein Gradmesser. Oder überspitzter formuliert: Sollten hier schon unüberwindbare Differenzen auftauchen, drohen Otts Visionen in sich zusammenzufallen wie ein Kartenhaus.

Der Erfolgsdruck ist dabei gross. Zu lange hat die Stadt nicht vorgesorgt: «Wir haben gehörig Nachholbedarf», sagt Küng und Ott ergänzt: «der Handlungsdruck ist offensichtlich». Ott gibt sich keiner Illusion hin, dass die Herangehensweise alle Probleme lösen wird. Selbst wenn er bei allen Projekten reüssiert, auch wenn alles aufgeht und bis 2035 diese sechs Areale erschlossen und bewohnt sind, Basel vielleicht mehr Einwohner zählt als vor der Stadtflucht. Im besten Fall wird damit die Entwicklung nur abgefedert, nicht ganz entschärft. «Es dürfte zu einem Verkehrsanstieg kommen», sagt Küng, deshalb sind wir umso mehr gefordert. Jeder neue Arbeitsplatz – und mit einem Anstieg ist in Zeiten florierender Pharma zu rechnen – braucht im Schnitt zwei neue Wohnplätze. Es ist der Mechanismus einer dynamischen Wirtschaft, die sich eben ständig transformiert.