«Achtung, Zickenalarm!» steht auf der Pinnwand über dem Bett der 12-jährigen Prisca*. Zusammen mit der 11-jährigen Jasmin spielt sie friedlich mit zwei Barbie-Puppen. Zurzeit herrscht im Zickenkrieg Waffenstillstand.

In einem anderen Zimmer bastelt der 8-jährige Boris an einem Lego-Fluggerät, der 9-jährige Jonas ist mit einem Computerspiel beschäftigt. Szenen an der Alemannengasse 60, in einem ehemaligen Mehrfamilienhaus in der Nähe des früheren Kinderspitals.

«Heimweh vergeht mit der Zeit»

Ein Schild am Eingang weist darauf hin, dass hier die Kinderpsychiatrische Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik (KJPK) untergebracht ist. Sie bietet Platz für zehn Kinder im Alter zwischen 6 und 12 Jahren. Alle Plätze sind belegt. Die Kinder wohnen in Ein- und Zweibettzimmern, manche nur für einige Wochen, andere ein ganzes Jahr. Sie leben nicht nur in der Klinik, sondern gehen auch hier zur Schule.

Zimmer in der Kinderpsychiatrie

Zimmer in der Kinderpsychiatrie

«Viele haben am Anfang Heimweh, aber mit der Zeit vergeht das, und die Kinder fühlen sich wohl hier», versichert Regine Heimann, pädagogische Leiterin der KJPK. Auch für die Eltern sei es schwierig, ihre Kinder weggeben zu müssen. «Wenn man alle zwei Woche wegen seines verhaltensauffälligen Kindes in der Schule antanzen muss und zu Hause an seine Grenzen stösst, kann das auch eine Entlastung darstellen», beobachtet sie.

Keine einfachen Antworten

Der Zusammenarbeit mit Eltern oder Erziehungsberechtigten kommt bei der Behandlung der kleinen Patienten eine zentrale Bedeutung zu. Viele Kinder stammen aus belasteten Familien, aber von denen gibt es heute so viele, dass dieser Umstand als Erklärung für Verhaltensauffälligkeiten und psychische Probleme nicht ausreicht. «Warum in einer Familie ein Kind eine psychische Krankheit entwickelt und seine Geschwister mit vergleichbaren genetischen Anlagen und Familienverhältnissen nicht, ist noch nicht geklärt», sagt KJPK-Leiter Klaus Schmeck.

Von einfachen Erklärungsmodellen für psychische Erkrankungen – ob sie nun von der (Epi-)Genetik und Hirnforschung her kommen oder eher die Umfeldfaktoren in den Vordergrund stellen – hält er wenig. «Das menschliche Wesen ist dafür viel zu komplex. Einfache Antworten gibt es dazu keine.»

In der Klinik wird in der ersten Phase abgeklärt, woran das Kind genau leidet und ob zum Beispiel neurologische Schäden vorliegen. Der stationäre Aufenthalt soll auch zeigen, wie sich die Kinder in einer anderen Umgebung verhalten. Bevor ein Kind an die psychiatrische Abteilung überwiesen wird, hat es meist mehrere Stationen hinter sich – sei es bei selbstständigen Kinderpsychiatern oder den ambulanten Diensten der KJPK. Die Krankheitsbilder sind sehr verschieden. Das können Angststörungen, Autismus, aggressives oder hyperaktives Verhalten sein.

Veraltete Gebäudestrukturen

Sind bei solch unterschiedlichen Charakteren Konflikte im Zusammenleben unter einem Dach nicht programmiert? «Das hängt sehr stark von der Zusammensetzung der Gruppe ab», erklärt Regine Heimann. Es klappe meistens recht gut. «Wer meint, hier kleine Monster anzutreffen, irrt sich gewaltig.» Das wichtigste Ziel des kleinen Didier ist zum Beispiel, herauszufinden, wie man Freunde findet.

Volles Haus: Die Kinderpsychiatrie an der Alemannengasse bietet Platz für zehn Kinder.

Volles Haus: Die Kinderpsychiatrie an der Alemannengasse bietet Platz für zehn Kinder.

Ein zentrales Element des Behandlungskonzepts sind klare Strukturen. Jedem kleinen Patienten ist eine Bezugsperson zugeteilt. Nach der Abklärungsphase gehören neben Einzelgesprächen Musik-, Ergotherapie und Sport zur Therapie. Die im Keller untergebrachten Fitnessgeräte samt Boxsack sind bei den Kindern sehr beliebt. Dass die ehemalige Waschküche sehr spartanisch eingerichtet ist, spielt dabei keine Rolle.

Auch sonst merkt man der KPA an, dass das Gebäude nicht für diesen Zweck gebaut worden ist. Die Verteilung auf vier Stockwerke ist alles andere als ideal, der Garten ist winzig. Daher könnte die KPA von einem neuen Standort – wo auch immer – sicher profitieren.

Mit Kontrollen gegen Drogen

Vom Kleinbasel ins Gundeli an die Röschenzerstrasse 5–7, ein villenartiges Doppeleinfamilienhaus vom Anfang des letzten Jahrhunderts. Kein Schild deutet darauf hin, dass sich hier die Jugendpsychiatrische Abteilung (JPA) befindet. «Für die Jugendlichen ist es mit Scham verbunden, wenn sie ihren Freunden und Kollegen sagen müssen, dass sie hier in der Klinik leben», sagt Phillipp Purtscher, Pädagogischer Leiter an der JPA. Beim Besuch der bz geht es aber zunächst nicht um Scham, sondern um Zigaretten. Eine junge Frau bettelt flehentlich um Zigis, die sie vor einem wichtigen Termin noch rauchen muss. Ein anderer will in den nahen Park, um zu «entstressen».

Bis zu zwölf Jugendliche sind hier untergebracht. Einige schmucklose Zimmer mit hölzernen Kajütenbetten erinnern eher an ein Lagerhaus, andere sind liebevoll eingerichtet. In einem Bett liegt ein Teddybär, und an einer Zimmertür hängt ein Warnschild: «VORSICHT! Teenager in der Pubertät: unzurechnungsfähig, kann alles, weiss alles, reizbar.» Selbstironie in der Jugendpsychiatrie.

Die Jugendlichen essen und kochen zusammen. Es gibt einen Ämtliplan, und auch der Ess- und Aufenthaltsraum könnte in einer WG stehen, nur dass die Bewohner hier alle unter erheblichen psychischen Problemen leiden. «Mehr als einen Jugendlichen mit erheblichen Störungen des Sozialverhaltens verträgt die Gruppe nicht.»

Keine lange Warteliste

Vor ihrem Eintritt müssen die Jugendlichen einen Vertrag unterschreiben, der neben den angestrebten Zielen auch klare Verhaltensregeln enthält. Dazu gehört auch der Umgang mit Alkohol und Drogen. «Manche Jugendliche konsumieren diese in einer Art Selbstmedikation. Im Zusammenspiel mit Medikamenten kann das sehr gefährlich werden», erklärt Phillipp Purtscher. Unangemeldete Kontrollen sollen das verhindern.

Eine lange Warteliste gibt es nicht, aber normalerweise sind die maximal 15 Plätze belegt. Ausser aus Basel kommen die Patienten aus den Kantonen Baselland und Solothurn, wo keine vergleichbaren Einrichtungen bestehen. Für straffällige Jugendliche mit psychischen Störungen gibt es seit letztem Herbst in der Forensisch-Psychiatrischen Klinik auf dem UPK-Gelände eine eigens eingerichtete Station.

*Alle Patientennamen wurden geändert.