Kirche und Sex
Sein Rezept für die moderne Gesellschaft heisst «Slow Sex»

Der christliche Glaube liess Pierre Stutz Mönch werden. Doch die geforderte Enthaltsamkeit drohte ihn innerlich zu zerreissen. Er legte sein Priesteramt nieder, weil er Liebhaber sein wollte. Nun schreibt er über Sexualität und Spiritualität - am Dienstagabend liest er aus seinem Buch.

Susanne Wenger
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Pierre Stutz plädiert für eine erotische Spiritualität und schlägt Paaren und Singles konkrete Rituale vor.

Pierre Stutz plädiert für eine erotische Spiritualität und schlägt Paaren und Singles konkrete Rituale vor.

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Pflichtzölibat für Priester, keine Empfängnisverhütung, kein Sex vor der Ehe, Verurteilung der Homosexualität: Die erstarrte Sexualmoral der katholischen Kirchenhierarchie sorgt bei wachsenden Teilen der Basis nur noch für Befremden. «Es gehört zur grossen Tragik jeder Religionsgemeinschaft, wenn mehrheitlich männliche Glaubenswächter die Sexualität mit leibfeindlichen Verboten zügeln wollen», gibt Pierre Stutz zu bedenken. Anstatt die Sexualität als Geschenk des Himmels zu sehen, verteufle die Amtskirche sie und fixiere sich neurotisch darauf. In letzter Zeit hätten sich zwar viele Menschen von den Fesseln befreit: «Denn die Liebe ist zum Glück stärker als alle einengenden Lebensvorstellungen.» Doch ausgerechnet beim wichtigen Lebensthema Sexualität fehlten die Kirchen den Menschen als Ansprechpartnerin.

Der 60-jährige gebürtige Aargauer weiss aus eigener Erfahrung, was es heisst, das Geschlechtliche abzuspalten. 1985 nach einem Theologiestudium in Luzern zum Priester des Bistums Basel geweiht, entschied er sich für eine klösterlich-zölibatäre Lebensweise. Doch so sehr er als tiefgläubiger Mensch und «leidenschaftlicher Gottessucher» Mönch sein wollte, so sehr verbot er sich, auch Liebhaber zu sein. Die Diskrepanzen zwischen dem, was er fühlte, und dem, was ihm Kirche und Amt vorgaben, drohten ihn innerlich zu zerreissen. Er wurde depressiv und krank. 2002 legte Stutz sein Priesteramt nieder, weil er seine Homosexualität «verantwortungsvoll» in einer Partnerschaft leben wollte. Seit neun Jahren lebt er nun mit seinem Partner zusammen.

Gegensätze versöhnen

Heute ist Stutz – vielen bekannt als Mitbegründer des offenen Klosters Abbaye de Fontaine-André in Neuchâtel – als spiritueller Begleiter und erfolgreicher Buchautor tätig, er wohnt in Lausanne. In seinem neuen Buch «Deine Küsse verzaubern mich» plädiert er dafür, Sexualität und Spiritualität zu versöhnen. Elf Jahre nach Niederlegung seines Priesteramts vertieft Stutz das Thema in einer reizvollen Mischung aus Poesie, Analyse und Ratgeber. So sind in den vergangenen Jahren über 50 Gedichte entstanden, in denen Stutz ausdrückt, was ihm das Aufgehobensein in der sinnlichen Liebe zum Partner bedeutet. Er sammelt auch Spuren erotischer christlicher Spiritualität, die weit zurückreichen und erstaunlich modern sind. Die Geschlechtsorgane seien mit Vernunft bestückt, sagte etwa die mittelalterliche Mystikerin Hildegard von Bingen, eine von der katholischen Kirche als Heilige verehrte Benediktinernonne. Stutz findet ihre Aussage «genial».

40 Rituale für Erotik im Alltag

Heute, 800 Jahre später, sei es wissenschaftlich erhärtet: «Das grösste Sexualorgan ist das Gehirn.» Auch am biblischen Hohelied freut sich Stutz, an jener Sammlung lustvoller Liebeslieder mitten im Alten Testament, die viel zu selten Eingang finde in Predigten. Stutz sieht einen Zusammenhang zwischen der Sexualfeindlichkeit der katholischen Kirche und dem Verbot der Priesterweihe von Frauen, wie er im Buch erklärt.

Er beschreibt 40 konkrete spirituelle Rituale, die Paaren und Singles eine erotische Alltagskultur ermöglichen sollen: Berührungen, Salbungen, Zärtlichkeiten. «Ich möchte Paare ermutigen, ihre Sexualität in einer grösseren göttlichen Dimension zu erahnen und zu feiern.» Wie jeder Lebensbereich brauche auch die Sexualität Gestaltung. Umso mehr in der heutigen Zeit, in der Sex als Konsumgut allzeit verfügbar sei und alles rasch gehen müsse: «Eigentlich wissen wir alle, dass das Vorspiel wichtig ist. Aber wir haben es wegrationalisiert», sagt Stutz. Dass heute ein Fünftel der Rekruten über Potenzprobleme klage, habe wohl mit dem allgegenwärtigen Leistungsdruck zu tun.

Plädoyer für «Slow Sex»

Das sei unbefriedigend und stressig für die Menschen. «Ich glaube, dass in uns eine grosse Sehnsucht ist nach Verbindung», folgert Stutz. Einander geniessen zu können, brauche Langsamkeit. «Slow Sex» statt unmenschliche Schnelligkeit – da sind sich der spirituelle Theologe Stutz und zeitgeistige Sexberater also einig. Seit letztem Herbst befindet sich Pierre Stutz mit seinem Buch bei katholischen und reformierten Kirchgemeinden in der Schweiz und in Deutschland auf Lesetournee. Heute ist er in Basel zu Gast. Stutz stösst mit seinem Angebot, Liebe und Erotik spirituell zu deuten, auf Anklang. «Diese Themen», betont er, «sind für die Menschen existenziell. Aufgabe der Kirchen wäre es, sie damit nicht allein zu lassen.»

Offene Kirche Elisabethen: Lesung von Pierre Stutz, umrahmt von Liebesliedern. Dienstag, 5.2., 18.30 Uhr. Eintritt frei.
Das Buch: «Deine Küsse verzaubern mich – Liebe und Leidenschaft als spirituelle Quellen» von Pierre Stutz ist 2012 im Kösel-Verlag erschienen.