Alexander Meyer, welchen Begriff haben Sie gezogen?

Alexander Meyer: Aufmerksamkeit!

Sie sind CEO von fadeout, Eigenbeschrieb «Agentur für digitale Kommunikation». Aufmerksamkeit dürfte für Sie eine wichtige Rolle spielen!

Aufmerksam sein heisst für mich, dass ich versuche meine Umwelt, meine Umgebung und die Menschen möglichst echt wahrzunehmen. Zum Beispiel bei der Begegnung mit einem Menschen. Gerade das Nonverbale, das, was zwischen den Worten passiert. Das ist meistens echter als das, worüber gesprochen wird.

Geht es bei Werbung und Kommunikation nicht zuletzt darum, zu übertreiben, zu täuschen?

Es gilt abzuwägen, was die Werbung bewirken soll. Ein Clip darf übertrieben lustig sein, wenn sein Zweck ist, Aufmerksamkeit zu erzeugen und auf das Produkt hinzuweisen. Aber die Fakten sollten in der Werbung stimmen. Bildlich gesprochen: Ich kann mich im Ausgang besonders chic anziehen und auch Witze erzählen. Aber mein Alter sollte ich nicht verleugnen.

Sind die heutigen Konsumenten nicht reizüberflutet und ständig abgelenkt?

Wichtig ist, dass ich mein Gegenüber mit für ihn möglichst relevanten Informationen versorge. Das garantiert mir seine Aufmerksamkeit. Das heisst: Ein Unternehmen sollte sich sehr genau überlegen, was, wie, wann und über welchen Kanal kommuniziert wird. Eine Message wird also bestenfalls für Facebook, Twitter und Linkedin jeweils unterschiedlich aufbereitet.

Kann man jedes Produkt bewerben?

Können ja – wollen nein. Unsere Arbeit verlangt eine gewisse Leidenschaft. Die wollen wir in Kunden und Produkte investieren, die wir ebenfalls spannend finden. Die Zusammenarbeit soll auf Augenhöhe stattfinden.

Alle Werbekunden wünschen sich eine virale Kampagne. Eine Kampagne, die sich wie von selbst verbreitet, über die alle sprechen, die alle kennen, die nicht mehr aus dem Kopf geht.

Viele Faktoren müssen stimmen, dass das passiert.

Die Rache der Pokemon

Die Rache der Pokémon

   

Ihr habt das fertig gebracht, etwa mit dem Clip für Basel Tourismus im Jahr 2016. Da rannten echte Pokémon-Go-Figuren durch Basel. Das passte perfekt zum damaligen Hype rund um das Virtual-Reality-Spiel.

Eine virale Kampagne braucht einen Nährboden, und der war gegeben. Die ganze Welt hat über dieses Spiel gesprochen und die Medien waren voll davon. Das zog sich durch alle Schichten. Wir wollten diesen Hype nutzen. Die grosse Schwierigkeit war: Wenn etwas schon in aller Munde ist, wenn es alle kennen – wie schaffe ich es, einen neuen Aspekt hinzuzufügen, um trotzdem noch aufzufallen? Wir haben es geschafft, der Rest ist Geschichte!

Das Pokémon Go-Video wurde rund 250 Millionen Mal angeklickt.

Was noch wichtiger ist: Die Botschaft wurde richtig verstanden. Es ging nicht um ein lustiges Pokémon-Video. Es ging um die Schönheit der Stadt Basel. Die relevantesten Medienstationen der Welt haben darüber berichtet und Basel Tourismus hat seine Follower auf Facebook nachhaltig verdoppeln können.

Besuchen tatsächlich mehr Menschen Basel, «nur» wegen eines lustigen Clips?

Haben wir mehr Besucher, wenn der FC Basel in der Champions League spielt oder Roger Federer ein Turnier gewinnt? Wichtig ist, dass das Wort Basel fällt. Image zu messen ist schwierig! Fakt ist: Basel Tourismus hat eine Medienaufmerksamkeit erhalten, im Wert von zirka 12 Millionen Euro. Das ist nachweisbar und unbestritten.

Sie haben vor ziemlich genau einem Jahrzehnt mit fadeout begonnen, in Reinach, mit einer semi-professionellen Videokamera und Schnittplätzen im Hobbyraum neben der Waschküche. Heute habt ihr ein Dutzend Mitarbeiter, zu Euren Kunden zählen Bayer, Roche und Adidas. Wie macht man das?

Wir haben uns zu einer Zeit mit «Bewegtbild im Internet» befasst, als alles noch ganz neu war. Youtube wurde 2005 gegründet, fadeout 2008. Ich bin mit einer grossen Portion Selbstverstrauen und sicher auch einer gewissen Naivität auf die Unternehmen zugegangen. Viele wussten gar nicht, wovon ich eigentlich rede. Selbst mein Vater sagte immer: «Er macht irgendwas im Internet». Unsere ersten Kunden waren Gemeinden und Behörden. Ich bin sehr dankbar für dieses Vertrauen, welches uns damals und noch heute von unseren Kunden entgegen gebracht wird.

Als fadeout 2008 startete, war die Werbewelt eine andere: Es gab kein iPad, kein Instagram, kein Snapchat, und vor allem: keinen Selfie-Stick!

Das ist eine ständige Herausforderung. Da wir aber immer am Ball bleiben und Neues auf Altem aufbaut, sind das für uns kleine Anpassungsschritte. Und ganz ehrlich: «try und error» gehören dazu. Nur wer schon in der Sackgasse stand, weiss, dass er das nächste Mal vorher abbiegen muss. Wir sind vor zehn Jahren aufs Brett gestanden und surfen nun diese Welle. So sage ich: Surfen Sie mit uns mit – oder sonnen Sie sich weiter am Strand.