Jörg Hess hat eine Passion: die Gorillas. Die Faszination für die Menschenaffen hatte er bereits in seiner Jugend entwickelt. Doch das Zoologie-Studium an der Universität Basel reichte Hess nicht, seine Leidenschaft auszuleben. Hess wollte die Tiere erleben, sich mitten in eine Gorilla-Familie setzen und tagelang beobachten, die Beziehungen zwischen Mutter und Kind erfahren. Während zwölf Jahren zog es den heute 76-Jährigen insgesamt acht Monate nach Westafrika in den Regenwald von Ruanda. Auch in Basel widmete er sich nach dem Studium intensiv den Affen – 45 Jahre lang beobachtete er sie im Zolli.

Für seine umfangreichen Forschungsarbeiten über das Leben der Berggorillas wurde er gestern Abend mit dem «Ehrespalebärglemer» ausgezeichnet. Eine Anerkennung, die Hess sehr freut. «Eine Ehrung ist immer schön.» Vor allem wenn einem dies geschehe, ohne dass man etwas dafür tun müsse, lacht der Verhaltensforscher. «Und man muss nicht darüber nachdenken, ob man den Preis wirklich verdient hat. Das haben bereits andere getan.» Ihm ist bewusst, dass er für den Zolli viel getan hat, damit dieser ausserhalb der Schweiz renommiert wurde. Aber: «Ich bin sicher, das wäre auch ohne mich geschehen.»

Hundertprozentiges Vertrauen

Obwohl die Berggorillas Wildtiere sind, hat Hess nie Angst gehabt, wie er erzählt. Im Gegenteil: «Ich vertraue ihnen zu hundert Prozent.» Wenn sie ihn in ihrer Runde nicht akzeptiert hätten, hätten sie ihn gemieden, erklärt er seinen Wagemut.

Bis sich Jörg Hess dann tatsächlich einer Berggorilla-Familie in freier Natur näherte, wurde er 50 Jahre alt. Damals flog er in die Virungaberge – ins Grenzgebiet zwischen Ruanda, Uganda und dem Kongo. Mit 50 blickte er bereits auf eine 20 Jahre lange Erfahrung als Verhaltensforscher der Flachland-Gorillas im Basler Zoo zurück. Im dichten Regenwald fotografierte der freiberufliche Zoologe seine Tiere in allen Lebenssituationen.

Hört man Hess zu, merkt man schnell, dass seine Faszination für die Tiere heute noch dieselbe ist, wie vor über 50 Jahren. «Wenn man mich fragt, ob ich nicht schon alles über die Tiere weiss, sage ich immer: ‹Je länger man die Gorillas beobachtet, umso kleiner wird die Chance, von ihnen weg zu kommen.›» Zu Beobachten sei vergleichbar mit einem Krimi: «Es wird eine Spannung aufgebaut. Der Unterschied ist, dass das Beobachten ein endloser Krimi ist.»

Immer für die Affen entschieden

Dass er mehr als sein halbes Leben den Gorillas gewidmet hat, bereut er nicht – im Wissen, auch einiges nicht erlebt zu haben. «Wenn man passioniert ist, verpasst man immer etwas.» Konnte er zwischen zwei Optionen entscheiden, habe er immer die Affen gewählt. «Ich habe zwar Dinge verpasst, aber ich glaube, hätte ich anders entschieden, wäre ich nie so reich an Lebenserfahrung geworden.»

Jörg Hess ist der 37. «Ehrespalebärglemer». Die Auszeichnung wird seit 1976 verliehen. Die Geehrten werden auf einer Tafel verewigt. Wurden diese vor dem Umbau des Spalenbergs auf dem Boden unter den Arkaden beim Hotel Basel eingelassen, führen sie ab diesem Jahr den Spalenberg hinauf – wie ein «Walk of Fame».