Trendwende

Seitenweise Idealismus für den Basler Buchhandel

Im Herbst 2015 hat «Müller Palermo» eröffnet. Per Juli zieht die Buchhandlung nun in ein grösseres Lokal an der Riehentorstrasse.

Im Herbst 2015 hat «Müller Palermo» eröffnet. Per Juli zieht die Buchhandlung nun in ein grösseres Lokal an der Riehentorstrasse.

Vor allem junge Buchhandlungen existieren nur durch freiwillige Arbeit. Das sorgt für Irritation. Leidenschaft ist dabei aber die Zauberformel.

Der Basler Buchhandel wird durchgeschüttelt: Das Traditionsgeschäft Karger Libri schliesst Ende Juni seine Pforten. Orell Füssli entlässt sechs Angestellte. Die Gründe? Tiefe Margen, der Internethandel, ein schwacher Euro und der Einkaufstourismus. Diese Entwicklungen setzen den Buchhändlerinnen und Buchhändlern in Basel seit mehreren Jahren zu. Nun ziehen zwei grosse Player die Konsequenzen. Serbeln diese, wie geht es dann erst den kleineren Geschäften? Und wie den jungen Buchhandlungen, die ihre Wurzeln erst noch in den aufgewühlten Markt schlagen müssen?

Im Herbst 2015 eröffneten im Kleinbasel gleich zwei neue Buchhandlungen: Müller Palermo und Kosmos. Die beiden weisen nicht nur räumlich eine Nähe auf, sondern auch ideell. Die Leidenschaft für Literatur, und nicht der Gewinn, war ausschlaggebend für die Firmengründung. Eineinhalb Jahre nach dem Start geben sich die Initianten dieser Geschäfte zufrieden: Die Mietkosten sind gedeckt. Von den Büchern leben können indes beide nicht. Sie arbeiten praktisch ehrenamtlich.

Zu tiefe Margen

Iris Müller ist die Inhaberin von «Müller Palermo». Sowohl sie wie ihr freiwilliger Mitarbeiter hätten von Anfang an nicht geplant, den Laden zu ihrer Einnahmequelle zu machen: «Mit Büchern lässt sich heute kaum mehr Geld verdienen.» Dies, obwohl die Resonanz durchaus vorhanden sei. «Die Nachfrage, gerade nach ausgewählten Nischenprodukten, ist da. Doch die Margen sind einfach zu tief», sagt Müller. Für sie ist ihr Geschäft viel mehr die Verwirklichung eines Lebenstraums.

Dieser verlässt nun bald die Bärenfelserstrasse. Anfang Juli bezieht «Müller Palermo» an der Riehentorstrasse schräg gegenüber vom Restaurant Hirscheneck ein neues Lokal. Von diesem grösseren Standort erhofft sich Müller mehr Laufkundschaft. Dem Konzept bleibt sie treu: In dem luftig eingerichteten Geschäft präsentiert sie ihre persönlichen Favoriten an Belletristik und Sachbüchern. Weiter plant sie, die Papeterie-Abteilung auszubauen.

Müller ist ausgebildete Papierkuratorin und kehrt von einer Japan-Reise auch mal mit einem Koffer voller Blätter in die Schweiz zurück. Mit dem Umzug stösst eine dritte, freiwillig arbeitende Person zu «Müller Palermo».

Auch das «Kosmos»-Team hat sich vergrössert. Gründete ein vierköpfiges Kollektiv den Laden, sind heute sechs Personen dabei. Die zwei neuen Team-Mitglieder standen eines Tages im Geschäft und boten ihre Mithilfe an. Ehrenamtlich. Sie verkaufen Magazine, Belletristik, Kinderbücher und Werke aus Independent-Verlagen.

Jedes Mitglied arbeitet zwischen eineinhalb und zwei Tagen pro Woche im «Kosmos», je nachdem, wie viele Veranstaltungen wie Lesungen oder Workshops noch stattfinden. Geld verdienen sie in Nebenjobs als Velokurier, im Service oder im Theater. Im Buchhandel seien sie als Quereinsteiger gestartet, sagt Mitinitiatorin Anna Weber: «Inzwischen sind wir in die Aufgaben reingewachsen. Aber ohne eine gewisse Naivität und Dilettantismus wäre unser Geschäft nicht zustande gekommen.»

Neben der Liebe zu den Büchern sei es die Ungezwungenheit und Freiheit in ihrem eigenen Laden, die sie das Projekt durchziehen lasse: «Wer eine Idee für eine Veranstaltung hat, setzt sie um. Wer ein tolles Buch findet, bestellt es.»

Unterstützung ohne Lohn

Raschelt im Kleinbasler Blätterwald primär der Idealismus, müssen im Grossbasel durch den Verkauf von Büchern Löhne bezahlt werden. Doch auch hier zeigt sich: Es gibt kleine Buchhandlungen, die auf freiwillige Arbeit angewiesen sind. Dazu gehören die Bachletten-Buchhandlung oder das «Labyrinth». Beide standen bereits einmal kurz vor dem Aus.

Nachdem im Bachletten-Quartier Matthyas Jenny entschieden hatte, das Lebenswerk seiner verstorbenen Frau zu schliessen, übernahmen überraschend drei Frauen den Laden. Die Schwestern Claudia und Manuela Probst sowie Manuelas Tochter Isabelle versorgen das Quartier mit Literatur. Davon lebt Manuela Probst, die beiden anderen unterstützen sie unentgeltlich. Auch hier lautet die Erklärung: Leidenschaft.

Kritisch beurteilt diese Entwicklung Isabelle Hof, Inhaberin der Buchhandlung Ganzoni an der Spalenvorstadt. Neben ihr sind im Laden, der sich auf Belletristik und Psychologie-Fachbücher spezialisiert hat, zwei weitere Buchhändlerinnen beschäftigt. «Auch wir lieben Bücher. Wir sind aber alle ausgebildete Fachpersonen. Wir müssen und wollen von dieser Arbeit leben.»

Der neue Idealismus sei zwar lobenswert, die jungen Geschäfte begrüsse sie ausdrücklich. «Jeder Laden, der in Basel eröffnet wird, ist für uns gut. Das hält die Kunden in der Stadt. Aber ich bezweifle, dass ehrenamtliche Arbeit die Lösung für unsere Probleme ist», sagt Hof. Dies umso mehr, als nicht nur der Buchhandel vom starken Euro, dem Einkaufstourismus und den Internetanbietern betroffen sei.

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