Unsere kleine Stadt
Selbst gehende Menschen

Der Basler Daniel Wiener ist ehemaliger Journalist (SRF, National-Zeitung, WoZ), Unternehmer und Berater. Im Gastkommentar schreibt er über eine neue Spezies auf Basels Strassen.

Daniel Wiener
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Smartphones können die Sicht auf die Umgebung trüben. (Symbolbild)

Smartphones können die Sicht auf die Umgebung trüben. (Symbolbild)

KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER

Kürzlich sorgte der erste tödliche Unfall mit einem selbst fahrenden Auto für Aufregung. Maschinenstürmer fühlten sich in ihrem Vorurteil bestärkt, dass diese Technologie nie und nimmer funktionieren könne. Spitzfindige Kommentatoren fragten sich, ob allein Reisende befürchten müssten, von ihrem eigenen selbst fahrenden Auto programmiert in den Tod gecrasht zu werden. Zum Beispiel, wenn ihr Vehikel automatisch der Frontalkollision mit einem voll besetzten Familienwagen ausweicht und dabei in die nächste Wand rast. Das Ziel des ganz rationalen Schwenks wäre, die Opferzahl zu minimieren.

Wieder einmal philosophiert alles über eine vermeintliche Zukunft, die in Basel schon begonnen hat: Immer häufiger werden bei uns die selbst gehenden Menschen. Es sind jene, die beim Marschieren auf der Strasse ihren Blick nur noch auf ihr Handy richten.

Die Basler Innenstadt ist ein Langsamverkehr-Testgelände für das, was der motorisierten Welt mit höheren Geschwindigkeiten noch bevorsteht: eine störungsanfällige Mischung zweier technologischer Stadien. Die Einen (nämlich die ganz normalen Fussgänger) zwingt diese Versuchsanordnung zu besonderer Vorsicht. Während die Anderen (also jene, welche beim Gehen mit Stöpseln in den Ohren unentwegt nur auf ihr Smartphone starren) eigentlich ganz gut mit der Situation zurechtkommen. Unsere Blindgänger erfüllen sich den Traum vom Menschen, der sich vom alltäglichen Kleinkram befreit hat, um sich den wirklich wichtigen Dingen zu widmen. Zum Beispiel seinen E-Mails, den Facebook-Freunden und neuerdings dem Strassenspiel «Pokémon Go». Im Gegenzug müssen nun besonders ältere Leute, die auf dem Trottoir nicht mehr so geschmeidig ausweichen können, ihre Route weitsichtig planen. Wenn so ein energischer, junger, selbst gehender Mensch, den glasigen Blick auf seinen Screen gerichtet, die Strasse überquert, sind auch Autos und Velos gefordert. Mit ihren Ausweichmanövern verrichten sie Gratis-Sozialarbeit. So erwarte ich demnächst die Verleihung eines «Ritters der Strasse» an die erste Rentnerin, die einen selbst gehenden Menschen unter Einsatz von Leib und Leben vor einem heranbrausenden Tram rettet.

Und jetzt, liebe Leserin, lieber Leser, komme auch ich noch auf den Hund zu sprechen, der ja in den letzten Tagen den Wahlkampf und das Stadtgespräch prägte. Aber nicht so wie Sie meinen. Ich habe nämlich die Idee der Sozialdemokratinnen als einziger verstanden und durchschaut: Die Hundeparks sind nur ein erster Schritt. Im Verborgenen arbeiten die Initiantinnen am Plan eines politisch hoch dringlichen Hundeverleihs.

So wie andere Metropolen Leihräder anbieten, die es in Basel unerhört schwer haben, wird es am Rheinknie demnächst City-Hundestationen geben. Dort können sich selbst gehende Menschen einen per App reservierten Hund schnappen. Dieser navigiert sie dann sicher durch den Dichtestress der Innenstadt. Nach getaner Arbeit findet das Tier allein wieder nach Hause (ein sogenannter «selbst gehender Hund»). «Dogsforall» heisst die neuste Errungenschaft der Sharing Economy. Gerüchteweise hört man, dass Mobility und Migros zu den ersten Investoren gehören. Sie liefern die Software und das Futter.