Kinderfasnacht

Selig – im allererschte Räpplisääge

Binggis an die Macht! Die Kleinen haben die Strassen übernommen und allen gezeigt, was die Fasnacht wirklich kann.

Räppli liist me nit vom Boode uff», mahnt eine Mutter ihr Kind, das sie etwas entgeistert anschaut. Dabei liegen doch so viele schöne weisse Räppli auf einem Haufen. Zwei jugendliche Waggis haben in ihrem ersten Hormonschub zwei ebenso junge Mädchen gestopft und dabei ihren Räppli-Vorrat beinahe aufgebraucht.

Doch nicht alle jungen Waggis haben es so faustdick hinter den Ohren. Buben und Mädchen führen ihre liebevoll gestalteten Kostüme und Larven dem Publikum vor. Einer trägt seine Storchlarve von der Schule, andere haben sich aus alten Kleidern ein Pippi-Langstrumpf-Kostüm geschneidert und lassen die Haare mit Draht abstehen. Oder sie treten als Legomännchen auf, als OP-Ärztin mit entsprechendem Mund- und Haarschutz oder – ganz speziell – mit einem weissen Kübel, der auf Augen- und Mundhöhe Schlitze hat.

Trotz trockenem Wetter meldet sich für einen Moment der Wind zurück. Die Kinder stört das wenig. Denn Räppliwerfen macht mit Wind erst recht Spass. Ein alter Postwagen, auf dem Pakete oder Koffer transportiert wurden, schleppt nun einen Piraten, Pippi Langstrumpf, Biene Maja und allerhand Waggis durch die Gassen. Ein Holzgestell verhindert, dass die Kleinen runterpurzeln: kein millionenschweres Postauto und komplett skandalfrei. Auffallend, dass sich viele bei Grossverteilern bedienen und deren Einkaufswagen umfunktionieren: Zwei-Franken-Stück einwerfen, etwas auskleiden und fertig ist der improvisierte Waggiswagen. «Qualität und Frische» ist als Sujet bereits auf den Handgriff gedruckt.

Ein klassisches Leiterwägeli ist in der Falknerstrasse unterwegs. Der kleine Waggis ist noch ein Dreikäsehoch. Neben dem Wagen steht eine Frau mit der orangen Leuchtweste einer Securityfirma sowie der Aufschrift «S’Mama». Warnung vor Helikoptereltern oder einfach ein Fasnachtsspass? Dann strampelt ein Papa mit Kistenvelo vorbei. Die Kiste ist fasnächtlich dekoriert, ein kleiner Waggis verteilt Süssigkeiten und Räppli. Mit Mamas Küchensieb, Klebeband und einer Holzlatte ist schnell eine Vorrichtung gebaut, mit der Passanten eine Räppli-Dusche verpasst werden kann.

Räppli-Dusche? Durchschaut!

Perfektioniert haben diese Taktik vier Buben im klassischen Waggis-Kostüm. Sie sitzen auf den Vitrinen bei der Hauptpost und halten die Stangen über das Trottoir. Dumm nur, dass die meisten Passantinnen das Spiel durchschauen. Trotzdem ein Genuss für den Nachwuchs, wenn ein Räppli-Angriff gelingt und sich Erwachsende fluchend oder schmunzelnd von den Papierstücken zu befreien suchen.

Doch am Fasnachtsdienstag schnuppern die Binggis nicht nur Waggis-Luft, sie wollen auch richtige Fasnächtler sein. Fast jede Gugge nimmt die Kleinen in ihren Reihen auf. Sie dürfen mit einer selbst gebastelten Blechtrommel Lärm machen, ältere Kinder spielen bei den einfacheren Stücken bereits mit. Vortrab im Schyssdräggziigli ist ebenfalls ein idealer Start in eine Fasnachtskarriere. Egal, was aus den kleinen Fasnächtlerinnen und Fasnächtlern wird, sie werden sich an diesen prächtigen Zyschtig zurückerinnern, als sie im unorganisierten Chaos ihre ersten Schritte getan haben.

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