Was wäre das für eine Geschichte. Katja Christ, Präsidentin einer Partei ohne Fraktionsstärke im Grossen Rat, vor rund einem Jahr gescheitert im Rennen um einen Sitz im Gemeinderat Riehen, wird Basler Nationalrätin. Die Kleinstpartei erobert den Sitz ausgerechnet auf Kosten der SVP, zweitstärkste Kraft im Kanton: Der langjährige Nationalrat Sebastian Frehner ist abgewählt.

Klingt unwahrscheinlich? Ist es nicht. Die Ausgangslage in Basel-Stadt vor den eidgenössischen Wahlen verspricht viel Spannung. Weil die Parteien die ohnehin knappen Mehrheitsverhältnisse mit geschickten Verbindungen zu ihren Gunsten lenken wollen, sind zuverlässige Wahlprognosen schwierig. Die «Schweiz am Wochenende» stellt vier Szenarien vor – und legt sich fest.

Szenario I: alte Zahlen, neues Ergebnis

Vier Jahre sind vergangen, doch die Wähler bleiben sich treu: Sie stimmen genau gleich wie vor vier Jahren. Das bedeutet nicht, dass sich nichts ändern würde. Grund dafür sind neue Listenverbindungen und Unterlisten. Wichtigster Unterschied zu 2015 ist die bürgerliche Zusammenarbeit, die Basler Büza: LDP, FDP, CVP sowie eine Unterliste mit GLP, BDP und EVP treten heuer gemeinsam an.

Mit den Wähleranteilen von 2015 geht die neue Strategie voll auf. Die FDP erobert den verlorenen Sitz von Daniel Stolz zurück, Sibel Arslan ist ihr Mandat nach vier Jahren Bundespolitik bereits wieder los. Unverändert schickt die SP zwei sowie LDP und SVP je eine Vertretung nach Bern.

Gewählt sind so voraussichtlich:

Beat Jans, Eva Herzog, (beide SP), Christoph Eymann (LDP), Luca Urgese (FDP), Sebastian Frehner (SVP).

Szenario II: altes Ergebnis, neue Zahlen

Damit alles beim Alten bleibt, ist folgendes Szenario nötig: Sibel Arslan vom Grünen Bündnis profitiert von ihrem Bisherigen-Status und übertrumpft ihr Resultat von 2015 deutlich. Weil auch die Genossen Boden gut machen, kann der linke Block seinen Wähleranteil um über fünf Prozentpunkte ausbauen. Zusammen mit ihren Jungparteien wissen sie neu die Hälfte aller Wählenden im Kanton Basel-Stadt hinter sich. Die 50 Prozent Wähleranteil sind genug, um die drei Sitze zu verteidigen.

Die SVP hält oder verliert nur leicht, und die noch junge Büza büsst einige Wähleranteile ein.
Gewählt sind damit voraussichtlich:Beat Jans, Eva Herzog, (beide SP), Sibel Arslan (Grünes Bündnis), Christoph Eymann (LDP), Sebastian Frehner (SVP).

Szenario III: nur noch zwei Blöcke

Die neue bürgerliche Zusammenarbeit schlägt ein und holt Stimmen bis weit ins Lager der SVP, die damit Wähleranteile einbüsst. Speziell die FDP kann sich rehabilitieren: Der im Wahlkampf richtiggehend aufgeblühte Präsident Luca Urgese und der schillernde Ex-Stadtentwickler Thomas Kessler entpuppen sich als Zugpferde und machen den Sitz in einem Kopf-an-Kopf-Rennen unter sich aus. In Bern spielt die Unterscheidung von FDP und LDP keine Rolle: Beide sitzen in der gleichen Fraktion.

Zulegen können allerdings auch die Linken. Die Strategie von Arslan mit einer grünen Unterliste geht nur halb auf. Zwar steht das Grüne Bündnis etwas besser da als vor vier Jahren. Weil aber die SP mit Zugpferd Eva Herzog den Abgang von Silvia Schenker nicht nur kompensiert, sondern fast schon enteilt, reissen sich die Genossen gleich alle drei linken Sitze unter den Nagel.

Gewählt sind damit voraussichtlich:

Beat Jans, Eva Herzog, Sarah Wyss (alle SP), Christoph Eymann (LDP), Luca Urgese (FDP).

Szenario IV: grüne Welle

Was 2015 im Siegestaumel unterging: Das Grüne Bündnis erzielte eigentlich ein ziemlich schlechtes Resultat. Schwächer noch als vier Jahre zuvor, als die Grünen ihren Sitz verloren. 2019, dem Jahr der Klimastreiks, folgt die Wende. Die Grünen schwingen sich wieder zu alter Stärke auf und legen um drei Prozentpunkte zu. Einer mehr noch als 2011. Die SP hält. Zweite Profiteurin der Klimadebatte ist die GLP: Sie bestätigt die Trends und überflügelt selbst die FDP – Unterlistenverbindung mit BDP und EVP sei dank.

Gewählt sind damit voraussichtlich:

Beat Jans, Eva Herzog, (beide SP), Sibel Arslan (Grünes Bündnis), Christoph Eymann (LDP), Katja Christ (GLP).

Wie sind diese vier Szenarios nun einzuschätzen? Es ist nicht davon auszugehen, dass die SP ihr gutes Resultat von 2015 stark ausbauen kann. Schon alleine deshalb nicht, weil Silvia Schenker nicht mehr zur Wiederwahl antritt und die Partei damit auf Schenkers Bisherigen-Bonus verzichten muss. Wie viele Stimmen Finanzdirektorin Eva Herzog für die Nationalratsliste einträgt, hängt nicht zuletzt von ihrem Wahlkampf ab: Bislang brachte sie sich vor allem für die Wahl zur Ständerätin in Stellung. Die Nomination zur Nationalratskandidatin war eher die begleitende Pflichtmassnahme.

Unter diesen Umständen ist kaum zu erwarten, dass Szenario III eintritt – obwohl das vor vier Jahren zur Mittagszeit am Wahlsonntag noch Realität war – erst die Auszählung der brieflichen Stimmen änderte das Resultat zugunsten von Arslan.

Verhält sich die Wahlbevölkerung von Basel-Stadt in etwa so wie in der Restschweiz, naht dennoch der grosse Umschwung. Szenario IV – dargestellt in der Grafik oben – ist aus mehreren Gründen das zu favorisierende. Für einen Rot-Grünen Triumph reicht es, wenn die Grünen ihr Klimadebatten-Potenzial abrufen können und die SP nicht verliert. Nach einem harzigen Start und einer spontan zusammengetragenen Grünen-Liste soll eine prominenter besetzte Unterliste für den nötigen Schub sorgen, damit Sibel Arslan ihr Pult in Bern nicht räumen muss. Drei zusätzliche Prozentpunkte liegen auch deshalb in Reichweite, weil Arslan vom Bisherigen-Status profitiert.

Mehr braucht es nicht. Denn am anderen Ende der Skala ist mit Verlusten zu rechnen. In Zürich verlor die SVP über fünf Prozentpunkte Wähleranteil, in Baselland über vier. In Basel-Stadt, wo die Partei nicht eben für gute Schlagzeilen sorgte, reichen indes minus 1,5 Prozentpunkte, und der direkt verteilte Sitz von Sebastian Frehner ist weg. Damit stünde er zwar nach wie vor in der Pole Position, wenn es um die Restmandate geht. Doch schon ab einer Einbusse von 2,7 Prozentpunkten rücken auch diese in weite Ferne.

Die FDP muss sich ernsthaft ins Zeug legen, damit sich die neue bürgerliche Zusammenarbeit für sie personell auszahlt. Es ist anzunehmen, dass EVP und BDP mit ihrer kleinen, dafür treuen Wählerschaft in etwa gleich gross bleiben. In diesem Fall brauchen die Grünliberalen ein Wachstum von lediglich 1,5 Prozentpunkten und sie befinden sich auf Augenhöhe mit der FDP vor vier Jahren.

Freilich nur dann, wenn niemand Stimmrechtsbeschwerde gegen die Unterliste einlegt.