«Normal ist an diesem Fall schon mal gar nichts», entfuhr es dem Gerichtspräsidenten Dominik Kiener am gestrigen Morgen. Stundenlang hatte er sich auf Deutsch und Bulgarisch die abenteuerlichsten Varianten angehört, wie es am Abend des 12. Dezember 2016 dazu kam, dass ein heute 68-jähriger IV-Rentner in seiner Wohnung einen 23-jährigen Bulgaren niederschoss. Neun Monate nach der Tat sitzen die beiden nun nebeneinander auf der Anklagebank vor dem Basler Strafgericht – der Rentner angeklagt wegen versuchter vorsätzlicher Tötung, der Bulgare wegen Förderung der Prostitution, Entführung, Nötigung und einer Reihe weiterer Delikte. Denn in den Augen der Staatsanwaltschaft ist der Mann kein unschuldiges Opfer. Während der Schütze nur gerade zweieinhalb Tage in Polizeigewahrsam war, sitzt der Bulgare seit dem Vorfall in Untersuchungshaft.

Im Zentrum der Ermittlungen steht eine Bulgarin – Roma, Mitte 30, seit rund zehn Jahren IV-Rentnerin. Trotz ihrer Arbeitsunfähigkeit geht die Frau offenbar schon seit Jahren auf den Strich. Dabei lernte sie den angeklagten Rentner kennen. Das genaue Verhältnis der beiden blieb auch gestern ungeklärt. Klar ist: Sex, Geld und Drogen spielen eine wichtige Rolle. Im Spätherbst 2016 lernt sie bei einem Besuch in der Heimat den zwölf Jahre jüngeren Kollegen ihres Bruders kennen. Wenige Wochen später heiraten die beiden und er kommt mit ihr in die Schweiz.

Notwehr oder versuchte Tötung?

Was dann passierte, darüber gibt es zwei verschiedene Varianten – und kurioserweise stammen beide von der Frau: Er habe sie geschlagen, kontrolliert und auf den Strich geschickt, sagte sie nach der Tat gegenüber der Polizei. Als sie sich wehrte, trat er zusammen mit ihrem Bruder ihre Wohnungstür ein und entführte sie nach Deutschland. In einem unbemerkten Moment konnte sie flüchten und versuchte, sich beim Rentner zu verstecken.

Eine Stunde später tauchte ihr Ehemann wutentbrannt auf. Nach einer tätlichen Auseinandersetzung streckte ihn der Rentner mit einem Schuss aus seinem Revolver nieder. Diesen hatte der wegen unerlaubten Waffenbesitz vorbestrafte Mann illegal besorgt, um seinen minderjährigen Sohn zu beruhigen. Dieser habe panische Angst vor Killerclowns, so seine skurrile Begründung.

Die alternative Variante, welche die Frau und ihr Ehemann gestern vor Gericht präsentierten, sorgte für ungläubiges Kopfschütteln: Sie würde ihren Mann nach wie vor sehr lieben. Ihre früheren Aussagen seien allesamt Lügen gewesen, die sie auf Druck des Rentners gemacht habe. Überhaupt habe dieser sie bestohlen und unter Drogen gesetzt, um Sex zu kriegen. Obwohl sie der Gerichtspräsident mehrfach darauf hinwies, dass falsche Anschuldigungen strafbar sind, blieb die Frau bei ihrer Version. Auch die Frage, ob sie oder ihre Familie unter Druck gesetzt werden, verneinte die Frau.

Unglaubwürdige Aussagen

Das Problem für die Staatsanwaltschaft: Angesichts der Geschichten, welche die Frau gestern vor Gericht erzählte, stellt sich die Frage, wie glaubwürdig ihre früheren Aussagen sind. Ohne diese fällt ein Grossteil der Anklage in sich zusammen. Was bleibt, ist ein heissblütiger Bulgare, der eine fragwürdige und problematische Beziehung mit einer Prostituierten hatte und dabei von einem ihrer Freier niedergeschossen wurde. Das Urteil wird am Donnerstag bekannt gegeben.