Zwangsprostitution

Sex ohne Gummi, massiver finanzieller Druck: Zwei Frauen wegen Menschenhandel vor Gericht

Zwei Frauen im Rentenalter wehren sich gegen Vorwürfe der Zwangsprostitution. (Archivbild)

Zwei Frauen im Rentenalter wehren sich gegen Vorwürfe der Zwangsprostitution. (Archivbild)

Die Schweizerinnen betrieben jahrelang einen Thai-Salon in Basel. Dort sollen sie zahlreiche Frauen ausgebeutet haben.

«Sie arbeiteten bei mir, sie sind nicht bei mir verschuldet. Es gibt keinen Zwang», beteuerte die 66-jährige Frau am Dienstag im Basler Strafgericht. Die Behörden stochern bei diesem Prozess tief im Milieu der Basler Thai-Salons herum: Zwei Frauen im Alter von 66 und 64 Jahren müssen sich während dieser und nächster Woche vor dem Strafgericht in einem grossen Fall von Menschenhandel, Förderung der Prostitution und Geldwäscherei verantworten. Es drohen langjährige Haftstrafen.

Klar ist, dass die 66-jährige Hauptangeklagte während rund acht Jahren das «Thai Harem» in der Ochsengasse betrieb. Über den Salon findet man in den einschlägigen Internetforen noch heute viele Einträge von Freiern, die die billigen Preise lobten und später ziemlich enttäuscht waren, wenn eine begehrte Sexdienerin nicht mehr dort arbeitete.

Der letzte Punkt ist simpel zu erklären: Die Frauen aus Thailand sind oft mit einem Touristenvisum in die Schweiz eingereist, und spätestens nach der Tilgung ihrer Schulden reisten sie entweder wieder nach Thailand zurück oder wurden wie heisse Kartoffeln an andere Salons weitergereicht. Tilgung bedeutet dabei Abarbeiten, nach Aussage der Prostituierten standen sie für den Flug und die Visabeschaffung mit Beträgen von 20'000 bis 40'000 Franken in der Kreide. Teilweise nahm man ihnen auch den Pass ab. Die beiden Angeklagten wollen damit allerdings nichts zu tun haben: Die 66-Jährige betont, sie habe mit den Frauen, die bei ihr im Salon «wohnten», jeweils «halbe-halbe gemacht».

Seit 30 Jahren in der Prostitution

Die Befragung am Dienstag im Strafgericht gestaltete sich wie bei den meisten Befragungen mit Dolmetschern zäh, die 66-Jährige antwortete ausweichend und auch widersprüchlich. Sie hat im Alter von 29 Jahren in Thailand einen Schweizer Touristen geheiratet und ist dann mit ihm in die Schweiz gezogen, sie besitzt seit langem die Schweizer Staatsbürgerschaft. Nach eigenen Angaben spricht sie auch heute kein Wort Deutsch. In den 1990er-Jahren ist sie in Zürich mangels Alternativen in die Prostitution eingestiegen.

Insgesamt 41 Opfer belasten die Frau als Basler Salonchefin schwer: «Halbe-halbe» bedeutete, dass sie die Hälfte des Geldes von den Frauen einkassierte, die andere Hälfte jedoch zur Schuldentilgung auch gleich einbehielt. Auch die Öffnungszeiten und damit die Anwesenheitspflicht bis tief in die Nacht habe sie vorgeschrieben, ungeschützten Sex verlangt und auch die Preise diktiert. Geldauszahlungen gab es lediglich auf Kredit.

Razzien und Befragungen in anderen Kantonen

Die 64-jährige Mitangeklagte soll die Stellvertreterin gewesen sein: War die Salonchefin abwesend, setzte sie die Regeln durch. Laut Staatsanwaltschaft war die 64-Jährige während drei Jahren auch als Vermittlerin tätig, sie soll in Kenntnis der Umstände rund 30 Prostituierte an den Basler Salon vermittelt haben. Auch sie stammt aus Thailand und ist durch eine Heirat Schweizer Bürgerin geworden. Heute ist sie schwer krank und bezieht eine IV-Teilrente. Beiden angeklagten Frauen wurden vorläufig Kontakt- und Rayonverbote auferlegt.

Der Salon wurde im Januar 2016 nach einer Hausdurchsuchung geschlossen, die zwei Angeklagten sassen daraufhin über sieben Monate lang in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen weiteten sich aus, bei Razzien in anderen Kantonen belasteten offenbar mehrere Prostituierte auch den Basler Salon und dessen Betreiberin.

Nicht alle Befragungen dürfen vor Gericht verwendet werden, weil den beiden Angeklagten teilweise ihre Konfrontationsrechte nicht gewährt wurden. Das Problem ist nicht neu, bei Menschenhandel sind viele Opfer nach kurzer Zeit gar nicht mehr in der Schweiz oder wollen nicht mehr aussagen. Acht Frauen hat das Basler Strafgericht in den nächsten Tagen als Zeuginnen vorgeladen, noch ist unklar, ob sie alle tatsächlich erscheinen werden. Das Urteil fällt Ende nächster Woche.

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