Clubkultur

Sexismus in Basler Clubs – DJanes beschweren sich: «Statt um Musik geht es immer ums Flirten»

Eine der wenigen Frauen in Basel, die regelmässig auflegt: Tara Hill, auch als Lila Hart bekannt.

Eine der wenigen Frauen in Basel, die regelmässig auflegt: Tara Hill, auch als Lila Hart bekannt.

Frauen stehen in Clubs selten am Mischpult. Die Ursache liege beim Booking, denn Booker sind meist Männer. Oft gehe es mehr ums Flirten als um die Musik.

Hat die elektronische Partyszene in Basel ein Frauenproblem? Diese Frage stellte sich die Basler DJane Pelin Vedis, als sie im Internet auf den Anlass des neuen DJ-Kollektivs «Netzwerk» stiess. «Die elektronische Musikkultur ist diverser denn je», schrieben die Veranstalter als Ankündigung.

Umso mehr ärgerte sich Pelin Yürer, wie sie eigentlich heisst, über die eingeladenen DJs: Achtzehn verschiedene DJs legten auf, siebzehn davon Männer. Dass nur eine einzige Frau auftreten durfte, irritiert sie. «Es gibt auch in der Elektroszene viele Frauen, aber die werden nicht angefragt», sagt Yürer.

Vor einem Jahr hat sie in Basel als DJane begonnen. Schon sehr bald sei ihr bewusst geworden, dass sie was ändern müsse. «Es gibt einen ganz starken Sexismus in der Szene.» Mehrmals habe sie sich zu Treffen mit Bookern verabredet, um über Auftrittsmöglichkeiten zu sprechen. «Doch statt um Musik ging es dann immer ums Flirten.»

Die Debatte über Sexismus in der Clubszene wurde schweizweit bereits vor knapp zwei Jahren einmal geführt, als ein Vertreter eines deutschen Partylabels gegenüber dem «Groove-Magazin» sagte, er halte weibliche DJs für übervorteilt. Im Zuge der Debatte äusserte sich mit Lukas Rytz auch der ehemalige Betreiber des «Hinterhofs»: Wer Teil der Szene sei und nicht zugebe, «mit sexistischem oder misogynem Verhalten» in Berührung gekommen zu sein, der lüge, schrieb er auf Facebook.

«Viel läuft über Sexappeal»

Die Situation scheint sich in Basel bis heute nicht verändert zu haben. Auch Tara Hill, die als Lila Hart seit bald zwanzig Jahren in Basel auflegt, äussert Kritik. Die Techno-Szene müsse ihren weiblichen Exponenten dringend mehr Respekt entgegenbringen. «Bookingagenturen sind leider immer wieder zweifelhafte Auftraggeber, auch hier läuft viel über Optik und Sexappeal», erklärt sie.

Die Probleme würden weit über blosses Ignorieren und Mobbing hinausgehen: «Auch unbezahlte Gagen wegen mangelnder Bereitschaft zu irgendwelchen Sexdienstleistungen oder im Extremfall Racheakte gekränkter Kollegen, beispielsweise K.O.-Tropfen im Getränk, kommen vor», sagt sie gegenüber der bz.

Tara Hill ist eine der wenigen Frauen, die es geschafft hat, in Basel als DJane Fuss zu fassen. Dennoch wird sie die Stadt nun verlassen. «Für mich war der mangelnde Respekt, der mir entgegengebracht wurde, ein Grund, dass ich meinen Wohnsitz nach Hamburg verlagere. Hier wird viel mehr Wert auf Geschlechtergerechtigkeit gelegt.» Mit dem «Elysia» hingegen gebe es aber auch in Basel einen Club mit exzellentem Booking.

Weniger Probleme als ihre Kollegin hatte Radio X-Musikchefin Danielle Bürgin, die als DJ Féline seit Jahren in Basler Clubs auflegt. «Ich hatte verdammt Glück», sagt sie. Sexismus habe sie selbst nie erlebt. «Früher habe ich die Clubszene ehrlich gesagt als machoider empfunden. Heute haben junge Männer ein anderes Verständnis als damals.» Allerdings lege sie auch nur noch an Orten auf, wo sie sich wohlfühle, zum Beispiel im «Elysia», in der Bar «Renée» oder in der Kaserne. Sie könne sich sehr gut vorstellen, dass DJanes an anderen Orten negative Erfahrungen machen.

Booker sind meist Männer

Vor allem in einem Punkt sind sich die drei Frauen einig: Gerade im Booking bräuchte es dringend ein Umdenken. «Alle Ansprechpersonen sind Männer», sagt Yürer, und auch Bürgin betont, im elektronischen Bereich werde das Booking oftmals von Männern geleitet. Dadurch würden häufig Kollegen angefragt. «Bei Frauen müssen sich die Booker mehr überlegen, weil sie vielleicht weniger bekannt sind. Ich hoffe, dass hier eine Bewusstseinsschärfung stattfinden wird», so Bürgin.

Die Situation in der Partyszene sei «genau gleich wie im Pop-Business». Auch hier sind die Frauen auf den Line-Ups in der Unterzahl. Vergangenes Jahr zeigte eine Studie des Rockfördervereins RFV, dass nur zehn Prozent der Basler Musikschaffenden Frauen sind.

Pelin Yürer machte ihrem Unmut über die Wahl der «Netzwerk»-DJs schliesslich auf Facebook Luft. «Wir hatten eine Diskussion», bestätigt Veranstalter Bedran Atila. «Als «Netzwerk»-Team haben wir insgesamt drei Frauen angefragt, die zu unserem Stil passten.» Aus Termingründen sei schliesslich aber nur eine dabei gewesen, sagt Atila, der sonst im «Viertel» auflegt.

Eventlabel für Frauen geplant

Auch Agron Isaku, der den «Nordstern» leitet, kennt die Problematik. «Bei uns gibt es mit Ieva nur eine Frau, die als Resident DJ regelmässig auflegt.» Dies bei insgesamt neun verschiedenen DJs, die fix zum Club gehören. «Ich würde sagen, das Verhältnis liegt in der Basler Clubszene bei neunzig Prozent Männern und zehn Prozent Frauen.» Dabei gebe es mittlerweile auch viele weibliche DJs, die sehr talentiert seien. Eine Aussage, die Guy Blattmann vom «Elysia» unterschreibt. «Einige Frauen haben es schon an die Spitze geschafft. Den Respekt haben sie sich längst erarbeitet.» Zu ihnen gehören beispielsweise Timnah Sommerfeldt, Honorée, Ieva und die zitierten Lila Hart und Féline.

Die Namen, die erwähnt werden, sind indes immer die gleichen. Pelin Yürer hofft, dass es künftig mehr sein werden: Sie will nun selbst aktiv werden und ein eigenes Eventlabel gründen, das sich explizit an Frauen richtet.

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