Dass nur Frauen von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffen sind, wird in einer neuen Studie widerlegt. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist auch heute immer noch ein Tabuthema. Aus diesem Grund organisierte Radio X im Business-Kaffee am Mittwochabend in Liestal ein Podium zum Thema mit anschliessendem Workshop. Marianne Schär, Mitverfasserin der Studie, Daniel Müller, Personalleiter der Migros Basel, und Conny Jauslin von der Opferhilfe beider Basel führten eine angeregte Diskussion zum Thema. Die bz antwortet auf heikle Fragen:

Was geht alles unter sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz?

Dazu gehört jegliches Verhalten mit sexuellem Bezug, das von einer Seite unerwünscht ist und die betroffene Person schädigt oder diskriminiert. Laut der Studie zählen diese Punkte zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz:

  • Sexueller Übergriff / Vergewaltigung
  • Sexuelle Erpressung
  • Begrapschen / Küssen
  • Unerwünschter Körperkontakt
  • Pornografisches Material
  • Unerwünschte Einladungen mit sexueller Absicht
  • Unerwünschte Geschichten mit sexuellem Inhalt
  • Obszöne Gesten / Zeichen
  • Nachpfeifen /Anstarren
  • Auf Person bezogene abwertende oder obszöne Sprüche
  • Abwertende oder obszöne unerwünschte Briefe, Mails, Telefonate etc.
  • Allgemein abwertende oder obszöne Sprüche

Gibt es Unterschiede bei der Wahrnehmung?

Hier muss man zwischen der potenziellen Belästigung und der subjektiven Betroffenheit unterscheiden. Bei der potenziellen Belästigung wird die Verhaltensweise nicht als sexuelle Belästigung wahrgenommen. Bei subjektiver Betroffenheit wird die Belästigung von den Opfern klar aufgefasst.

Wer ist von sexueller Belästigung betroffen?

Für die Studie wurde eine repräsentative Telefonbefragung mit über 2 000 Teilnehmenden durchgeführt. Das Ergebnis war, dass rund die Hälfte der Deutsch- und Welschschweizer in ihrem Berufsleben mindestens eine potenziell belästigende Verhaltensweise erlebt haben. Im Tessin sind es sogar drei Fünftel. Dabei ist das Verhältnis zwischen Mann und Frau ziemlich ausgeglichen, im Tessin fühlten sich überraschenderweise mehr Männer als Frauen potenziell sexuell belästigt. Geht man jedoch nach der subjektiven Betroffenheit, ist der Anteil der Frauen signifikant grösser.

Wie gehen die Unternehmen mit dem Problem um?

«Wir haben über 1 000 Unternehmen angefragt», erklärt Marianne Schär. «Davon haben sich gerade einmal neun bereit erklärt mitzumachen.» Wie diese mit dem Problem umgehen ist sehr unterschiedlich. Die Studie führt vier Aussagen der Firmen auf:

  • Man ist gewappnet für das Unwahrscheinliche und auch bereit zu handeln.
  • Sexuelle Belästigung kann im Betrieb leider vorkommen, aber man geht das Problem aktiv an.
  • Die Personalleitung geht davon aus, dass Risiko und Verbreitung minim sind und erachtet ein proaktives Vorgehen als unnötig.
  • Im Unternehmen kann sexuelle Belästigung durchaus vorkommen, man hätte jedoch dringlichere Probleme.
  • Besonders die beiden letzten Aussagen lassen einen aufhorchen und zeigen, dass einige Unternehmen das Problem nicht genügend ernst nehmen.
    Die Migros sei hier vorbildlich, wie Daniel Müller versichert. Es gebe klare Reglemente und einen Sozialdienst als Anlaufstelle für eventuell Betroffene, stellt er während des Podiums klar. Er ergänzt, dass die Wahrnehmung bei verschiedenen Kulturen problematisch sei. So hätte eine Muslimin eine völlig andere Auffassung als eine Europäerin, was beispielsweise Nähe angehe.
    Um sexueller Belästigung vorzubeugen, sind klare Richtlinien wie bei der Migros zwingend. Ein gutes Arbeitsklima und ein respektvoller Umgang gilt ebenfalls als Prävention. Auch die Kaderverantwortlichen müssen aktiv gegen das Problem vorgehen und mit Konsequenzen für die Täter – sei es eine Versetzung oder eine fristlose Kündigung – drohen.

Wer sind die Täter und was sind die Hintergründe oder Ursachen?

Die Studie zeigt, dass Frauen bei den Tätern das Bild von einem gestörten, machtgierigen, einsamen oder schlichtweg sehr abenteuerlichen Mann haben. Es gibt jedoch kein klares Täterprofil. Was die sexuelle Belästigung fördern kann, ist beispielsweise eine grosse Minderheit an Frauen oder auch Männern in einem Betrieb.

Was hat die sexuelle Belästigung für Auswirkungen auf die Opfer?

Conny Jauslin von der Opferhilfe meint, dass sexuelle Belästigung bei Betroffenen überdauernde berufliche, private und gesundheitliche Folgen nach sich ziehen können. Zur Opferhilfe beider Basel kämen fast nur Frauen. Hier merkt Schär an: «Für Männer ist die Scham, sich zu melden, noch grösser und sie holen sich deswegen kaum Hilfe.»