Strafgericht

Sexuelle Übergriffe: Physiotherapeut vor Gericht

(Symbolbild)

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Ein 50-jähriger ehemaliger Physiotherapeut der Basler Schmerzklinik wird wegen sexuellen Übergriffen an 16 Patientinnen sowie vier ehemaligen Mitarbeiterinnen angeklagt. Er bestreitet sämtliche Vorwürfe.

Er sprach ruhig und gelassen, fachsimpelte über Körperrotationen und Handgriffe, mit den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft allerdings konnte er gar nichts anfangen. «Es gab sicherlich keine Berührungen von meiner Seite. Und wenn, dann unabsichtlich. Die Berührungen sind von meiner Seite nicht gewollt gewesen», betonte der 50-jährige Physiotherapeut gestern zum Prozessauftakt im Basler Strafgericht.

«Für mich nicht erklärbar»

«Wie erklären Sie sich dann, was diese Patientinnen schildern?», fragte Gerichtspräsidentin Dorrit Schleiminger. «Das ist für mich nicht erklärbar», antwortete der Mann. Seit 2006 arbeitete der Mann als Physiotherapeut in der Basler Schmerzklinik, im Jahr 2009 übernahm er die Leitung der Abteilung.

Glaubt man den Frauen, so war das Vorgehen immer ähnlich: An den ersten Terminen bot der Mann eine tadellose Physiotherapie, später gab es «zufällige» Druckberührungen mit seinem Penis und den Armen oder Ellenbogen der Patientinnen, mal zog er Frauen den Slip herunter, manchmal öffnete er den BH, danach gingen seine Hände deutlich zu weit.

In einzelnen Fällen soll er auch deutlich weiter gegangen sein, und massive sexuelle Übergriffe an einer damals 35-jährigen Frau führten später schliesslich zur einzigen Strafanzeige. Nach der Strafanzeige schrieb die Basler Staatsanwaltschaft hunderte von ehemaligen Patientinnen an und fragte nach Übergriffen in der Vergangenheit.

Wohl nur die Spitze des Eisbergs

Zumindest teilweise wurde das in solchen Fällen übliche Schweigen daraufhin gebrochen: Über 50 Frauen schilderten Vorfälle, die als sexuelle Belästigung auf Antrag hin strafbar wären. Diese liegen aber zu lange zurück, bei Antragsdelikten müsste innerhalb von drei Monaten ein Strafantrag gestellt werden. Diese Vorwürfe muss das Gericht deshalb ignorieren, sie sind nicht Teil der Anklage.

Übrig geblieben sind aber konkret Übergriffe an 16 Patientinnen sowie vier ehemaligen Mitarbeiterinnen der Schmerzklinik: Die Vorfälle datieren von 2007 bis 2014. Nach der Strafanzeige im Herbst 2014 sass der Mann zehn Wochen in Untersuchungshaft. Danach musste der in Deutschland wohnhafte Mann eine Kaution von 10'000 Franken hinterlegen und erhielt ein gerichtliches Kontaktverbot zu sämtlichen ehemaligen Patientinnen und Mitarbeitern der Schmerzklinik.

Die Anklage geht davon aus, dass viele Patientinnen bäuchlings auf der Massageliege in einer hilflosen Position von den Übergriffen überrascht worden sind und hat den Mann deshalb wegen mehrfacher Schändung angeklagt. Im Fall der 35-jährigen Frau geht es um sexuelle Nötigung, dazu kommen bei den Mitarbeiterinnen die Anklagepunkte der Ausnützung einer Notlage.

Massive Druckversuche

Der 50-Jährige sagte gestern, die Frauen hätten vielleicht irrtümlicherweise gemeint, sie spürten seinen Penis: Ein Hilfsmittel für die Triggerpunkttherapie in seiner Hosentasche könnte sich durchaus ähnlich anfühlen.

Doch nebst den Fummeleien werden dem Mann auch massive Druckversuche gegen ehemalige Mitarbeiterinnen vorgeworfen: Eine Praktikantin zwang er als Vorgesetzter faktisch zu gegenseitigen «Behandlungen», bei einer Direktionsassistentin soll es ähnliche Druckversuche gegeben haben.

Diverse Frauen wurden gestern als Zeuginnen befragt, der Angeklagte musste den Gerichtssaal aus Gründen des Opferschutzes dazu teilweise verlassen. Die drei Richter fällen ihr Urteil Ende Woche.

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