Nach dem Vortrag rannten sie zum Tisch, schnappten sich ein Buch und stellten sich an, um es vom Autor signieren zu lassen. Shlomo Graber hat sein drittes Buch geschrieben – aus einem einzigen Grund, wie er sagt: «Um den Menschen und speziell der Jugend die Botschaft zu übermitteln, dass Hass die Seele vergiftet!»

Die bz porträtierte Graber letztes Jahr. Lesen Sie den Artikel hier.

Graber hat drei Konzentrationslager lebend verlassen, einen Todesmarsch überstanden und wohnt heute in Basel. Gestern stellte er sein neues Werk Schülerinnen und Schülern am Gymnasium Leonhard vor. Gebannt hörten die Jugendlichen dem 90-Jährigen zu, wie er von der schlimmsten Zeit seines Lebens erzählte.

Letztes Stück Brot verschenkt

Graber kam in seinem Vortrag immer wieder auf den Hass zu sprechen. Obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte, die Deutschen zu hassen, habe er es nie getan. Im Gegenteil, Graber war gütig: Unmittelbar nach seiner Befreiung 1945 – so schildert er es auch im Buch – teilte er sein letztes Stück Brot mit einer jungen deutschen Mutter und ihrem Kind. «Ich wollte nicht sein wie die Nazis und jemanden hassen, der mir nichts getan hatte», sagt Graber.

«Das ist meine Verpflichtung»: Holocaust-Überlebender besucht Schule

Basel - 27.12.16 - Shlomo Graber ist einer der letzten Holocaust-Überlebenden. Er überlebte Deportationen der Nazis, mehrere Inhaftierungen in Konzentrationslagern und einen Todesmarsch. Seit 1989 lebt er in Basel, wo er immer wieder Vorträge an Schulen hält. 

Die Leonhard-Schüler wollten genauer wissen, wieso er keinen Hass empfindet. «Was gäbe mir Hass?», fragte er rhetorisch zurück. Er habe heute viele Freunde in Deutschland. Die neue Generation habe die Schuld ihrer Vorgänger nicht übernommen.

Wie Graber sich trotz all der Gräueltaten der Nazis am Leben gehalten habe, wollten die Schüler erfahren. «Wer auf Gott vertraute, starb. Ich half mir selbst», erklärt er seine Überlebenstaktik. Ausserdem hatte er das Glück, bis zuletzt mit seinem Vater zusammengeblieben zu sein. Dafür verlor er seine Mutter und seine vier Geschwister in der Gaskammer.

Von seiner Mutter habe er wohl auch die Eigenschaft geerbt, keinen Hass zu verspüren. Sie sei eine zutiefst humane Person gewesen, sagt Graber.

Er spricht seit über 25 Jahren an Schulen und öffentlichen Einrichtungen über seine traumatischen Erlebnisse. Der Vortrag am Gymnasium Leonhard war der Auftakt zu seinen letzten Auftritten. Graber erlitt im Frühling einen Herzinfarkt, will sich nun zurücknehmen. Im Januar wird er seine letzten zwei Vorträge an den Gymnasien Kirschgarten und Münsterplatz halten.

Graber sagt, er habe die ganz schlimmen Episoden in seinem neuen Buch weggelassen, damit es auch die jungen Leute lesen könnten. Auch Geschichtslehrer Rainer Vogler setzt extreme Bilder und Texte nur dosiert ein im Unterricht. Man müsse die Schüler vorbereiten auf Schlimmes. «Sonst werden sie bloss Opfer einer Gefühlsbombardierung», sagt Vogler. So lasse sich keine kritische Haltung entwickeln.

Schüler noch immer fasziniert

Das Interesse der Jugendlichen am Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust ist laut Vogler ungebrochen. Das bestätigt auch Lehrerin Denise Greiner, die sich im Deutschunterricht mit dem Thema befasst. Und Schülerin Salome sagt: «Man kann das nicht oft genug behandeln im Unterricht.» Über Grabers Vortrag herrschte allgemeine Begeisterung: «Es ist sehr beeindruckend, dass Graber ein so positiv denkender Mensch geblieben ist», sagt Salome.

Shlomo Graber: Der Junge, der nicht hassen wollte. Riverfield Verlag. 24,90 Franken.