Am Montag schrieb die bz über Sicherheitsmängel im Basler Kunstmuseum. Sie berief sich dabei auf Mitglieder der Bildungs- und Kulturkommission (BKK), welche kurzzeitig Zugang zur gesamten Betriebsanalyse hatte, welche das Präsidialdepartement durch die Firma KPMG durchführen liess. Veröffentlicht wurde die Analyse nicht, die Presse erhielt nur eine Zusammenfassung. Die Grossrätinnen und Grossräte schlugen Alarm: Das Kunstmuseum Basel habe ein Sicherheitsproblem. Der Personalmangel soll schon dazu geführt haben, dass Ausstellungsräume abgeschlossen werden mussten. Schlimme Vorwürfe für die Hüter einer Sammlung von Weltformat. Wenige Tage nach der Publikation bat Direktor Josef Helfenstein zum Gespräch. Begleitet hat ihn Wolfgang Giese, interimistischer Verwaltungschef des Museums.

Sie haben zum Gespräch eingeladen. Warum?

Wolfgang Giese: In dem Bericht werden Sicherheitskonzept und –mängel mit keiner einzigen Silbe erwähnt. Das einzige, was in der Betriebsanalyse steht: Man muss Konzepte erarbeiten, fürs Gebäude, für die Sicherheit. Also sehr allgemein.

Josef Helfenstein: Von Sicherheitsmängeln ist nicht die Rede.

Sonja Kuhn von der Kulturabteilung sagt, dass das Museum an Optimierungen arbeite. Das Thema würde aber nicht öffentlich diskutiert.

Helfenstein: Sonja Kuhn hat in ihrer Antwort an die bz sehr deutlich formuliert, dass die Sicherheit im Museum für die Kunstsammlung garantiert ist. Die Formulierung von Frau Kuhn bezieht sich auf den Mehrbedarf an Aufsichtspersonal. Aber es gab nie irgendwelche Sicherheitslücken im Kunstmuseum Basel.

Nach der Publikation vom Montag hat sich die bz bei Mitarbeitern des Aufsichtspersonals umgehört. Diese bestätigen die Darstellung der Grossrätinnen und Grossräte: Das Personal sei unterdotiert. Wir konfrontieren Helfenstein und Giese mit den Vorwürfen.

Als Ihr Vorgänger Bernhard Mendes-Bürgi den Neubau eröffnete, war das Aufsichtspersonal stärker gefordert. Allerdings fehlte dafür das nötige Budget, was dazu führte, dass manche Mitarbeiter in den ersten Monaten gegen 100 Überstunden erarbeitet haben. Richtig?

Helfenstein: Ja, das stimmt. Nicht nur in der Aufsicht, auch in anderen Bereichen des Museums. Von Anfang an mussten wir mit einem Budget arbeiten, das den Anforderungen nicht gerecht wurde. Mit viel zu wenig Personal.

Das zehrte am Personal, das Arbeitsklima wurde schlechter und Krankheitsfälle nahmen zu. Das führte dazu, dass zu wenig Aufsichtspersonal auf einem Stockwerk zugegen war.

Helfenstein: Ja, das stimmt, das habe ich selber auch gegenüber der KPMG gesagt und wurde in der Betriebsanalyse festgehalten: Wir brauchen mehr Aufsichtspersonal.

Giese: Wir haben zusätzlich fremdes Personal verpflichtet, externes Sicherheitspersonal, weil wir nicht mehr Leute einstellen durften. Diese Kosten haben wir 2017 vor allem über einen Verlust von 700 000 Franken ausgleichen müssen, indem wir Rückstellungen auflösten. Das können wir nicht mehr auffangen, daher ist es umso dringender, dass wir jährlich zwei Millionen Franken mehr Subventionen erhalten, um das Museum wieder im Normalbetrieb führen zu können. Wir werden dann temporäre Mitarbeiter festanstellen.

Zuvor haben Sie gesagt, die Betriebsanalyse behandle das Thema Sicherheit nicht. Was stimmt nun?

Helfenstein: Es handelt sich um eine Verwischung des Begriffs. Sicherheit beinhaltet ein Konzept, Technologie. Der Neubau hat ein anderes Sicherungssystem als der Hauptbau. Diese zusammenzubringen, ist nicht einfach, aber es funktioniert ganz gut. Sicherheitslücken sind aber kein Thema. Es gab zum Beispiel nie einen Raum, der wegen eines Sicherheitsproblems geschlossen werden musste.

Aber, wie erwähnt: Es kam schon vor, dass nur eine statt beispielsweise drei Personen ein ganzes Stockwerk beaufsichtigen mussten. Das ist doch offensichtlich zu wenig.

Helfenstein: In Ausnahmesituationen, aufgrund von spontanen Krankheitsfällen, kann dies tatsächlich vorkommen. Die Sicherheit der Kunstwerke ist zu keiner Zeit gefährdet, andernfalls würde externes Personal hinzugezogen.

Weil Sie vorher das Sicherungssystem im Neubau erwähnt haben: Da gibt es Probleme mit der Alarmanlage, die schlecht eingepegelt ist, was beim Personal und bei Besuchern für Irritation sorgt.

Giese: Das ist so. Diese ist noch nicht gut eingestellt. Das Problem: Es gibt zu viele Alarm-Meldungen und Warnungen. Wir arbeiten daran, dadurch ergibt sich aber kein Sicherheitsproblem. Es ist vielmehr so, dass dadurch die Kunst besser gesichert ist, als nötig wäre.

Steht das so in der Betriebsanalyse?

Helfenstein: Nein, da steht nichts dergleichen drin. Das können Sie mir glauben, ich lüge nicht.

Die Grossräte befürchten aber, dass das Museum zu wenig abgesichert ist gegen Vandalismus.

Helfenstein: Vandalismus ist der totale Albtraum eines Museumsdirektors und lässt sich selbst dann nicht verhindern, wenn in jedem einzelnen Raum eine Aufsichtsperson steht. Das haben Fälle in anderen Häusern leider gezeigt.

Bei der Chagall-Ausstellung kam eine Holzskulptur von Alexej Koschkarow zu Schaden. Eine italienische Besuchergruppe soll diese zerstört haben.

Helfenstein: Bei diesem Vorfall handelt es sich nachweislich um einen Unfall und nicht um einen Vandalenakt. Zwei Besucher gingen diskutierend durch die Ausstellung, wobei eine Person die Markierung übersehen und das Kunstwerk umgestossen hat. Dabei ist die Skulptur beschädigt worden.

Mitglieder der BKK sagen aber nach Einsicht in die Analyse, dass nicht alle Objekte im Museum genügend geschützt seien. Wie erklären Sie sich das?

Helfenstein: Die Parlamentarier meinen damit wohl, dass nicht jedes Werk hinter Glas ist. Spiegelfreies Glas ist sehr teuer, wir finanzieren das durch Ausleihen. Denn vor einem solchen Transport wird ein Werk verglast. Bei uns sind über 50 Prozent aller Bilder hinter Glas. Damit bewegen wir uns im internationalen Vergleich im Durchschnitt, vielleicht sogar leicht darüber. Die perfekte Sicherheit aber gibt es nicht. Und, kommt hinzu: Ich möchte gar nicht, dass bei uns alle Gemälde hinter Glas sind, das wäre doch bei so manchen unverzeihlich schade.

Wolfgang Giese ist erst seit Juni im Kunstmuseum tätig. Interimistisch übernimmt er Verwaltungsarbeit. Er bringt reichlich Erfahrung mit, arbeitete bereits für das Naturhistorische Museum, für das Antikenmuseum und wurde im Historischen Museum nach der Ära Jungblut eingesetzt. «Ich kenne die Strukturen von Verwaltung und Museen», sagt er.

Ein weiterer Vorwurf: Das Museum soll unterversichert sein.

Giese: Wir haben das abgeklärt. Wir sind mehr als gut abgedeckt, auch bei einem Totalausfall, zum Beispiel einem Erdbeben. Lloyds hat zweimal die Versicherungssumme und die Sicherheitsvorkehrungen überprüft und hatte nichts zu beanstanden. Wir wissen nicht, wie die BKK zu diesem Vorwurf kommt.

Helfenstein: Ich kann es mir nur so erklären, dass die Politiker von einer Vollversicherung ausgehen, was realitätsfremd ist. Denn eine solche kann sich kein Museum der Welt leisten, das bringt ja auch nichts. Ein Totalschaden der gesamten Sammlung würde bedeuten, dass alle drei Häuser getroffen würden. Da müsste ja ein Flugzeug gleichzeitig in alle drei Häuser stürzen und unsere gesamte Sammlung zerstören. Wir haben Vergleiche gezogen zu anderen Museen, etwa dem Metropolitan in New York und können sagen: Wir stehen gleich gut da.

Wir müssen Ihnen all das glauben. Wir hatten keine Einsicht in die gesamte Betriebsanalyse.  Dass selbst die Grossrätinnen und Grossräte der Kulturkommission, die nun mehr Geld sprechen sollen, nur kurz Einblick erhielten, wirkt suspekt. Wollen Sie etwas verbergen?

Giese: Wir würden die Betriebsanalyse gerne veröffentlichen, mit Kommentaren von unserer Seite. Sofort. Wir können das aber nicht. Der Grund liegt im Vertrag mit KPMG, der eine Herausgabe untersagt. Zudem ist diese Analyse eine Momentaufnahme: Sie wurde vor neun Monaten erstellt und spiegelt entsprechend jenen Zustand. Seither ist viel geschehen.

Helfenstein: Das ist, was ich so frustrierend finde: Wir haben einen riesigen Transformationsprozess hinter uns, in Mehrarbeit bei Unterbesetzung. Wir hatten im vergangenen Jahr drei Retraiten. Alle rückten in der Krise näher zusammen, leisten einen tollen Job. Diesen Spirit spüren wir stark. Und dennoch entsteht der Eindruck, wir stünden vor einem Scherbenhaufen.

Frustet Sie auch die Zusammenarbeit mit dem Präsidialdepartement?

Helfenstein: Die versuchen ja auch ihr Bestes und haben uns in diesem Prozess durchgehend unterstützt und konstruktiv begleitet. Im Übrigen wurde der parlamentarischen Kommission von Seiten des Präsidialdepartements angeboten, jederzeit nochmals Einblick in die Betriebsanalyse zu nehmen.

Giese: Letzten Endes freut uns das Ergebnis der Betriebsanalyse. Sie bestätigt, was wir schon lange sagen: Das Kunstmuseum braucht mehr Mittel, um seinen gesetzlichen Auftrag adäquat zu erfüllen.

Der Effekt: Sie sollen jährlich zusätzliche zwei Millionen Franken erhalten. Dass das nötig ist, war bekannt, wurde vor dem Neubau aber unter den Teppich gekehrt. Reicht das nun überhaupt noch?

Helfenstein: Es kommt der einstigen Forderung sehr nahe. Und man muss sehen: Dass eine Regierung einstimmig einen solchen Entscheid trifft, ist nahezu einmalig. Auch für die Schweiz. Natürlich werden wir einen Teil der Mittel für mehr Aufsichtspersonal verwenden, aber nicht nur.

Wir haben den Eindruck, es herrsche Unruhe im Aufsichtspersonal. Teilen Sie diese Einschätzung?

Giese: Auch das ist eine Frage, die eng mit dem Change-Management verbunden ist. Jeder in einem Transformationsprozess ist erst mal verunsichert, das widerspiegelt sich in der Stimmung – gerade wenn die Mittel knapp sind. Aber in den vergangenen vier Monaten habe ich wenig davon gespürt.

Helfenstein: Aus meiner Sicht haben wir heute mehr Ruhe als zu Beginn meiner Arbeit hier. Starke emotionale Reaktionen rief hervor, als wir die Shop-Angestellten entlassen mussten. Das will niemand machen müssen, das waren verdiente Leute. Doch anders konnten wir den Shop finanziell nicht sanieren.

Auch in dieser Hinsicht mussten Sie Fehler Ihrer Vorgänger ausbaden. Frustet Sie das nicht?

Helfenstein: Natürlich, vieles wurde schon elegant verdrängt.

Wenn diese benötigten zwei Millionen politisch nicht durchkommen, haben Sie dann noch Lust, zu bleiben?

Helfenstein: Die kommen durch, davon gehe ich fest aus. Sollte es nicht so sein, treffen wir uns nochmals zum Interview.