Die Schottin Margaret Oertig-Davidson hat sich darauf spezialisiert, Ausländern die Schweiz zu erklären. Sie lebt seit 1987 in Basel.

Was ist der grösste Unterschied, mit dem Ausländer in der Schweiz konfrontiert sind?

Margaret Oertig: Englischsprachige verstehen nicht, weshalb sich die Schweizer bei der Anrede hinter der Mauer des Familiennamens verbergen. Die Unterscheidung zwischen Sie und Du ist für sie nur sehr schwer nachvollziehbar. Der neue britische Chef wird sich schon beim ersten Meeting in der Firma mit Vornamen vorstellen und seine Mitarbeiter auch so ansprechen.

Selbst wenn man sich auf das Du geeinigt hat, lauern in der Kommunikation Fallstricke.

In einer Mail wendet sich der Schweizer mit der Anrede Dear Peter an seinen englischsprachigen Vorgesetzten und beendet das Mail mit Best Regards. Der amerikanische Chef wird die Anfrage vielleicht nur mit Do it beantworten. Die Höflichkeitsformen fehlen. Viele Schweizer sind da beleidigt. Mein Bruder in Schottland hat mir noch nie mit der Anrede Dear Margaret geschrieben.

Hochinteressant ist der unterschiedliche sprachliche Umgang mit der Zukunft, den Sie beschreiben.

Sprache verweist oft auf Kulturunterschiede. In den meisten Schweizerdeutschen Dialekten gibt es als Zukunftsform nur: Ich mache das. Im Englisch haben wir fünf Verbformen dafür: I will come, I am coming, I am going to come, I will be coming und I come. Selbst manche Muttersprachler können nicht genau erklären, wann sie welchen Ausdruck benutzen.

Wo kann es noch klemmen auf der Arbeit?

Wenn sich ein Ausländer zwei Schweizern beim Mittagessen anschliessen will, kann es sein, dass diese sich schon verabredet haben. Der Ausländer hat dann das Gefühl, irgendetwas stimmt nicht. Einen Terminkalender für das Essen auf der Arbeit zu führen, ist in den USA eher unüblich.

Sie berichten auch von einem Inder, der schockiert von der Führungskultur in der Schweiz war.

Als er gemerkt hat, dass der Vorgesetzte seine Untergebenen um ihre Meinung gefragt hat, um zu einer Entscheidung zu gelangen, war dieser für ihn gar kein richtiger Chef mehr.

Gibt es noch mehr Unterschiede, die zu Problemen führen können?

Die Verbindlichkeit: In den USA ist es üblich, positiv auf eine Einladung zu reagieren. Wenn ein Amerikaner den Vorschlag, Silvester zusammen zu feiern, mit «Super-Idee» beantwortet, heisst das noch lange nicht, dass das eine feste Zusage ist. Sie müssten ihn noch ein zweites Mal fragen, um sicher zu sein, dass er kommt. Sonst fühlt er sich nicht verpflichtet. Schweizer sind dann überrascht, wenn er wegbleibt.

Ihr Mann stammt aus der Ostschweiz. Haben Sie von ihm etwas gelernt?

Dass ich zu viel rede. Im englischen Sprachraum fühlen wir uns verantwortlich, wenn bei einer Einladung das Gespräch ins Stocken kommt. Ich habe dann andauernd neue Themen lanciert. Heute rede ich weniger und weiss, dass es in Ordnung ist, wenn Pausen entstehen. Die Schweizer überlegen manchmal auch länger, bevor sie etwas sagen.

Es heisst immer, die Schweizer seien zurückhaltend. Sehen Sie das auch so?

Als ich einmal in Schottland 400 Gramm britische Schokolade für eine Freundin kaufen wollte, hat die Frau an der Kasse mich gefragt, ob ich auch abhängig von Schokolade sei. So was wäre in der Schweiz nie passiert.

Sie sprechen selber neben Hochdeutsch auch Dialekt. Warum?

Die Sprache ist für die Ausländer in der Deutschschweiz ein grosses Problem. Arbeitet eine Ausländerin in der Romandie oder im Tessin, läuft alles auf Französisch oder Italienisch. In der Deutschschweiz aber werden sich die Kollegen auf Hochdeutsch an sie wenden, aber unter sich Schweizerdeutsch sprechen. Man muss also zwei Sprachen lernen, was viele nicht können.

Manche Expats haben vielleicht gar kein Interesse daran, die Sprache zu lernen, weil sie nur auf eine begrenzte Zeit hier sind?

Insbesondere die Hochqualifizierten wohnen so, dass die Schweizer Nachbarn oft gerne mit ihnen Englisch reden. Deshalb sprechen sie kein Deutsch. Aber auf der Schule oder zum Beispiel mit Handwerkern wird das dann ein Problem.

Sie beschreiben derartig viele kleine und grosse Kulturunterschiede. Sich so gut zu integrieren, dass sie keine Rolle mehr spielen, scheint unmöglich.

Das ist ja auch nicht nötig. Mein Buch soll helfen, die Gründe zu finden, wenn etwas schiefgeht. Viele Englischsprachige halten daran fest, Schweizer sofort mit Vornamen anzureden. Ein richtiges Problem gibt es erst, wenn sie zum Beispiel auf Terminen andauernd zu spät kommen oder nicht respektieren, dass nach 22 Uhr Nachtruhe herrscht.

Sie sind Schottin. Wäre das Buch anders von einer US-amerikanischen Autorin?

Sicher. Schottland ist calvinistisch. Gewisse Regeln, wie die Nachtruhe zu respektieren und an das Allgemeinwohl zu denken, sind uns nicht fern. Ein Engländer würde da gleich fragen, warum man nach 22 Uhr ruhiger sein soll. Ein Amerikaner könnte mit dem Begriff Allgemeinwohl vielleicht gar nichts anfangen.

Sind Sie mit der Zeit etwas schweizerischer geworden?

Ja, wenn ich in Schottland bin, rege ich mich über den vielen Abfall auf oder dass man das System für den öffentlichen Verkehr nicht besser geregelt bekommt.