Basel
Sie gewährt Einblick in die Notfallstation des Uni-Kinderspitals beider Basel

Vreni Schweizer arbeitet nun schon seit 40 Jahren im Universitäts-Kinderspital beider Basel. In dieser Zeit hat sich einiges getan: Die Anzahl Patienten und die Häufigkeit der verschiedenen Krankheitsbilder haben sich enorm verändert.

Muriel Mercier
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Vreni Schweizer legt der kleinen Esther einen Verband an - eine von vielen Aufgaben am Universitäts-Kinderspital beider Basel.

Vreni Schweizer legt der kleinen Esther einen Verband an - eine von vielen Aufgaben am Universitäts-Kinderspital beider Basel.

Nicole Nars-Zimmer

Noémie* ist während der 15-Uhr-Pause auf der Schaukel eingeschlafen. Ihr Bruder hat versucht, sie zu wecken, doch Noémie reagierte nicht. Ihre Klassenlehrerin trug sie ins Zimmer und benachrichtigte den Vater der 8-Jährigen. Als dieser in der Schule ankam, wachte das Mädchen langsam auf. Sie wusste nichts mehr von den vergangenen Minuten.
Jetzt, wenige Stunden später, geht es ihr wieder gut. Trotzdem hat sie die Sanität ins Universitäts-Kinderspital (UKBB) gefahren.

Im Schockraum, vor dem das Sanitätsauto parkiert, wartet schon Vreni Schweizer, Stationsleiterin des Notfalls, auf das Mädchen und bringt es in ein Untersuchungszimmer. Noémie hat ein Plüschtier in der Hand. «Wen hast du denn mitgebracht?» – «Meine Mama und Fridolin», antwortet das Mädchen. Im Zimmer sucht sie bald die Oberärztin auf, Noémies Eltern berichten über die Krankheitsgeschichte ihrer Tochter. Diese kann sich noch immer nicht an die Absenzen erinnern. Nur, dass sie einen schönen Traum gehabt hat: «Ich hatte ein Pferd», erzählt sie der Ärztin strahlend.

Eingestuft von Eins bis Fünf

An diesem Morgen ist es – ausser der kleinen Noémie – ruhig auf der Notfallstation im UKBB. Vreni Schweizer kann sich für einen Rundgang durch ihre Station Zeit nehmen. Diese kennt sie wie aus dem Effeff, denn sie kümmert sich seit 40 Jahren um verletzte und kranke Kinder, die schnellstmöglich behandelt werden müssen.

Am Empfang werden die Kinder bis 18 Jahren von einer erfahrenen Pflegefachfrau aufgenommen und erhalten eine erste Triage. Der Zustand des Kindes werde eingeschätzt und nach festgelegten Kriterien mit der Zahl zwischen Eins bis Fünf eingestuft. «Die meisten warten mit einer Vier oder Fünf auf ihre Behandlung. Das heisst, über eine Stunde Wartezeit ist zumutbar.» Mit einer Eins und Zwei muss sofort gehandelt werden. Aber wichtig ist der Empfang auch dort: Die Kommunikation mit dem Kind sei essenziell für das Vertrauen.

Handelt es sich um einen kritischen Fall, wird das Kind in den Schockraum zur Untersuchung gebracht. Neben der Liege steht der «Smart». In diesem Behandlungsturm ist alles deponiert, das im schlimmsten Fall gebraucht wird. Die Pfleger können den Patienten überwachen, absaugen und beatmen. Bei schlimmen Unfällen landet die Rega mit ihrem Helikopter auf dem Dach des Universitätsspitals neben dem UKBB. «Der Sicherheitsdienst bringt die Rega mit dem Kind durch einen unterirdischen Gang zu uns herüber», sagt Schweizer. Bei einem kritischen Fall «sprinten wir natürlich sofort los».

Wenn das Kind nicht operiert werden muss, bringen es die Pflegenden in eines der vier Untersuchungszimmer. Dort wartet zurzeit die siebenjährige Esther auf Vreni Schweizer. Sie hat beim Spielen auf dem Campingplatz in Reinach den Unterarm verletzt. Dieser muss nicht gegipst werden, ein roter Verband tut es auch. Alle Pflegefachfrauen können sämtliche Behandlungen durchführen, erklärt die 58-Jährige.

Bis zu 120 Patienten pro Tag

Die Art der Verletzungen hängt vom Alter, dem Wetter und dem Wochentag ab. Die Eltern kommen mit ihren Kleinkindern meist wegen Kopfverletzungen, weil sie sich anschlagen. Oder auch Verbrühungen, sagt Schweizer. Die Älteren brechen sich beim Sport Beine, Füsse oder Finger. Mit den kalten Temperaturen nehmen zudem die Anzahl Infekte, also Grippe und Schnupfen, zu. Ebenfalls Einfluss auf die Anzahl der kleinen Patienten hat der Donnerstagnachmittag. Dann nämlich haben die Kinderärzte ihre Praxis geschlossen. Mit 60 bis 120 Notfällen kann Vreni Schweizer einen ungefähren Durchschnittswert pro Tag nennen. 2014 wurden im UKBB insgesamt 33 500 Kinder und Jugendliche behandelt.

Durch ihre 40 Jahre Erfahrung in der Pflege des UKBB kann Schweizer Entwicklungen in verschiedenen Bereichen feststellen. Neben dem Umzug 2011 von der Römerstrasse in den Neubau an der Spitalstrasse und der besseren medizinischen Versorgung sei nicht zu übersehen, dass die Anzahl Patienten steige. Wurden vor 30 Jahren an den Wochenenden etwa fünf Kinder behandelt, kommen heute bis zu 150, führt sie aus. Die Leute hätten damals halt nicht wegen jeder Verletzung das UKBB aufgesucht: «Die Gesellschaft und somit die Eltern stehen unter Druck. Sie müssen am nächsten Tag wieder arbeiten gehen und ihr Kind in die Kita bringen. Das Kind muss also schnell wieder gesund werden.»

Hohe Erwartungen der Eltern

Für den Job auf dem Notfall ist nicht nur medizinische Fähigkeit gefragt, sondern auch Einfühlungsvermögen. «Was bei der ersten Triage passiert, ist die halbe Miete», erklärt der Dinosaurier der Station, wie sich Vreni Schweizer selber nennt. Man müsse die Eltern beruhigen, ihnen erklären, warum sie warten müssen. Manchmal komme es sogar auch zu Situationen, in denen die Sicherheitsleute um Hilfe gebeten werden müssen. «Möglicherweise ist der Name ‹Notfall› der falsche. Die Leute kommen hier rein mit der Erwartung, dass ihnen und ihrem Kind sofort geholfen wird», erklärt die Stationsleiterin.

Einfühlungsvermögen braucht es je nach dem auch nach der Behandlung eines kleinen Patienten. Dann nämlich, wenn das Kind verstorben ist. Dafür wurde ein Care-Team aus freiwilligen Pflegern zusammengestellt. Schweizer selber ist Mitglied in der Kinderschutzgruppe, innerhalb derer Verdachtsfälle auf Misshandlung besprochen werden. Ungefähr 100 Fälle pro Jahr gibt es, was jedoch längst nicht heisst, dass sich diese bestätigen. «Meistens handelt es sich um Vernachlässigung und die Eltern brauchen Unterstützung.»

Schwere Schicksale lassen Vreni Schweizer nicht kalt, aber «ich habe 16 Jahre auf der Intensivstation gearbeitet und kann deswegen damit umgehen». Was sie jedoch beschäftigt, sind die steigende Anzahl junger Flüchtlinge, die sie im UKBB trifft. Erst vor einigen Tagen sei ein 14-jähriger Junge aus Eritrea mit einem Betreuer gekommen, erinnert sie sich.

Es sind nicht nur die Örtlichkeit und die Anzahl Patienten, die sich in Schweizers 40 Jahren verändert haben. Sie kann eine klare Entwicklung in Sachen Krankheitsbildern erkennen. Dank besserer Therapien gibt es heute weniger schwere Asthmatiker. Zudem können gewisse Krankheiten zu Hause besser betreut werden und die Kinderspitex kümmert sich um chronische Erkrankungen.

Oberärzte springen ein

Es ist immer noch ruhig auf der Station. Aber das kann sich schlagartig ändern, wie Schweizer betont. Ist der Ansturm gross, dürfen die Pfleger und Ärzte auf der Notfallstation ab 17 Uhr die Zimmer der Neurologischen Abteilung benutzen.
Warum Schweizer das Kinderspital nie verlassen hat, ist einfach erklärt: «Mir gefällt es im UKBB, weil ich gerne mit Kindern arbeite.» Viele andere Möglichkeiten gibt es in Basel denn auch nicht. Und wenn die kleine Noémie ihren Fridolin bald wieder einpacken und gesund nach Hause gehen kann, ist es ihr grösstes Glück.

*Name geändert