Sie hat viel zu tun: WC putzen, 64 Geranien-Kistchen giessen, Tische decken, Salate zubereiten. Seit Mitte Mai schliesst Bianca Koechlin jeden Morgen um 9 Uhr die grüne Türe zum Rhybadhysli Santihans auf. Denn kaum finden die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen ihren Weg durch die Wolken, wird ihr Hysli zu einem beliebten Treffpunkt für passionierte Rheinschwimmer. Oder für die, die sich gerne einfach am Rhein sonnen und selber gemachtes Birchermüesli à la Koechlin geniessen möchten.

Es ist ihr neunter Sommer, in dem sie die kleine Badi unter der Johanniterbrücke führt. Jede Saison übe sie von Neuem ihren Traumjob aus, sagt sie überzeugt. «Der Kontakt mit den Leuten bedeutet mir viel, die Arbeit am Rhein und überhaupt das ganze Umfeld gefallen mir.» Letzteres hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert – was sie freut, wie sie betont. «Früher hatte das Rhybadhysli den Ruf, überaltert zu sein.» Seit ein paar Jahren sei es bei den Jungen der Run. Neben dem alten Charme ist ein Grund für den Boom der Umbau vor drei Jahren. Damals wurden an den Geländern rundum Gitter angebracht. «Jetzt kommen auch Familien mit kleinen Kindern zu mir. Vorher ging das natürlich nicht.»

Die Eisbären dürfen immer rein

Aber die treuen Seelen, die seit Jahrzehnten im Rhybadhysli ein und aus gehen, möchte Koechlin keinesfalls missen. Diese nämlich haben dafür gesorgt, dass sie ihren Job habe, erklärt die 57-Jährige. In den 70er Jahren wollte die Stadt das Rhybadhysli Santihans abreissen. Grund: Kein Bedarf mehr – denn die Gartenbäder Joggeli und Bachgraben kamen auf. «Dabei ist es doch etwas ganz anderes, im Rhein zu schwimmen als in dieser Chlorpfütze. Im Rhein schwimmt man nie im selben Wasser.» Um das Überleben des Hysli zu sichern, gründeten dessen Gäste einen Verein. «Es ist absurd. Heute meldet sich der Denkmalschutz, sobald man hier etwas ändern möchte.» Das Badhysli bei der Pfalz fiel der damaligen Einstellung der Stadt zum Opfer.

Schon kurz nach 9 Uhr betreten die ersten Santihans-Besucher die Holzbretter des Rhybadhysli. Ursula Steiner war schon im Wasser. Sie gehört zur Sorte der «Eisbären». Koechlin erklärt: «Die Eisbären gehen 365 Tage im Jahr im Rhein schwimmen und haben einen Schlüssel zum Hysli.» Zwischen 10 und 15 Basler gehören zu dieser Spezies. Die heute 72-jährige Steiner springt seit 22 Jahren ins kühle Nass – egal, ob Hochwasser oder Regenfall. «Nur wenns blitzt und donnert habe ich Angst.»

Überwindung brauche es manchmal schon, aber: «Man soll ja was machen, um gesund zu sein. Und mir stinkt es, zu einer bestimmten Zeit in ein Fitnessstudio zu gehen.» Damit sie ihrem täglichen Hobby frönen kann, ist sie extra ans Rheinbord gezogen, um näher am Wasser und am Hysli zu sein. Der älteste Rheinschwimmer ist immerhin stolze 88 Jahre alt.

Hysli wird zur privaten Terrasse

Zu Koechlins Stammgästen gehört auch Mario Malzanini. Auch er wohnt gegenüber des Rhybadhysli, setzt allerdings keinen Zeh ins Rheinwasser, sondern kommt fürs Kreuzworträtsellösen rüber. «Ich war Schwimmer und habe an Schweizer Meisterschaften teilgenommen. Nur in den Rhein steigen und mich treiben lassen ist ja langweilig.» Das Hysli übernimmt für ihn und seine Freundin eine andere Funktion: «Wir haben keine Terrasse. Manchmal kochen wir zu Hause zu Abend und essen das Menu hier.»

Bianca Koechlin führt das Rhybadhysli Santihans mit Leib und Seele. Sie kann sich keinen anderen Job vorstellen. Aber: «Ich habe keinen Arbeitsvertrag. Jedes Mal Ende Saison überlege ich mir von Neuem, ob für mich die Arbeit noch stimmt.» Einen Stundenlohn müsse sie sich nicht ausrechnen, «da könnte ich auch in die Freien Strasse singen gehen.» Letztes Jahr hat Koechlin mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören. Sie musste den Laden zum ersten Mal alleine führen, weil ihr Vater, der von Anfang an jedes Jahr mitgeholfen hatte, verstorben war.

Das Breite-Hysli ist versnobt

Koechlins Rhybadhysli ist nicht das einzige in Basel. Sein Pendant steht rheinaufwärts bei der Breite. Das Publikum dort sei «versnobt», erklärt Malzanini, während er eifrig sein Rätsel löst. Koechlin, die aus dem Gastgewerbe kommt, fügt an, sie könne sich nicht vorstellen, ihren Job dort auszuüben. Zwischen diesen beiden Lokalen gebe es einen Unterschied: «Bei der Breite handelt es sich um ein Restaurant, bei dem man baden kann.» Sie aber führe ein Badhysli, wo man sich verpflegen kann.

Die «Kioskverkäuferin» ist vom Hysli aus noch nie in den Rhein gestiegen, denn sie trennt Privates mit der Arbeit. Ihre ersten Schwimmzüge jedoch hat sie in ihm vor 50 Jahren als Breite-Anwohnerin getan.