Seelsorge

Sie ist die Gottesfrau im Basler Sündenpfuhl

Anne Burgmer arbeitet als Seelsorgerin im Tabubereich (SiTa).

Anne Burgmer arbeitet als Seelsorgerin im Tabubereich (SiTa).

Seit 100 Tagen sorgt Anne Burgmer für die Personen im Milieu. Wie die katholische Theologin Beruf und Berufung zusammenbringt.

Einmal klingeln heisst Frau. Zweimal klingeln heisst Trans. Bei anderen steht «Alle Frauen» über der Türglocke. So läuft das in manchen Basler Etablissements. «Es ist ein Unterschied, ob ich die Klingeln anschaue und sage ’Oh wie schrecklich, wie wird mit den Menschen umgegangen’ oder ob ich denke ’Das ist eine pragmatische Lösung für ein Problem’. Es geht um die wertfreie Beobachtung.» Dies ist die Haltung, die Anne Burgmer jeden Tag braucht.
Die Theologin arbeitet als Seelsorgerin im Milieu. Angestellt von der katholischen Kirche in einem 40 Prozent-Pensum. 100 Tage ist sie inzwischen im Amt. Kirche und Sexgewerbe, das passt auf den ersten Blick nicht. Burgmer aber sagt: «Ich habe im Studium mit Randständigen gearbeitet und kam in Kontakt mit Prostituierten.»

Ihr Einsatz für die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen sieht sie als Berufung. Schon mit 13 Jahren ging sie ins Altersheim zum Sonntagsdienst. Der Mensch steht für sie im Vordergrund. Weder Geschlecht, noch Konfession, noch Profession. Vorurteile habe sie nicht. Sie selbst scheint Vorurteile an ihre Person widerlegen zu wollen. Anne Burgmer ist keine typische Theologin. Sie trägt Jeansjacke, dicke Ringe und ein Tattoo auf dem Unterarm. Nur ein Kreuz um den Hals verrät ihren Glaubenshintergrund. Es ist kein filigranes Goldkreuz, sondern dick, silbern, mit kurzen Armen.

Eine streitbare Figur

Berührungsängste darf man in diesem Job nicht haben. Denn es ist gut möglich, dass eine Frau nur im String bekleidet die Tür öffnet. Und um überhaupt Eingang in diese Welt zu finden, muss man die Spielregeln akzeptieren. Zum Beispiel: wenn ein Freier kommt, ein Gespräch unterbrechen. «Das bedeutet auch, dass ich in einem Zimmer warten muss und so im Radio einmal ’Knockin on Heaven’s Door’ höre, bevor ich wieder rauskommen kann.» Tür an Tür mit Menschen, die nicht den sonntäglich gepredigten Weg gehen – für Burgmer ist ihr Beruf und ihre Berufung kein Widerspruch. Zwar organisiert sie auch Gottesdienste für Prostituierte in der Clarakirche, doch im Alltag von Burgmer scheint die Religion eine untergeordnete Rolle zu spielen. «Es ist wichtig, dass die Kirche einen Perspektivwechsel vornimmt und die Realität des einzelnen Menschen anschaut, nicht pauschal verurteilt.» Diese Haltung macht sie kirchenintern zur streitbaren Figur.

Wichtiger sei sowieso, dass sie den Menschen auf Augenhöhe begegne, ganz allgemein das Gespräch suche und ihren Sorgen zuhöre. Manchmal betet sie auch mit Prostituierten. Dafür ist Burgmer, geschickt durch die Missio des Bischofs, nicht nur in der Toleranzzone zwischen Weber- und Ochsengasse unterwegs, sondern auch in Salons, Mietzimmern und Kontaktbars. Diese sind über die ganze Stadt verteilt: «Es gibt wohl kaum ein Quartier in Basel ohne Sexgewerbe», sagt Burgmer.

«Überrascht hat mich wenig», sagt sie. Vielleicht etwas: «Die Betreiber reagieren offen auf unsere Arbeit.» Mit uns meint Burgmer nicht nur ihren eigenen Dienst, sondern auch die zahlreichen anderen Organisationen, die sich um das Wohl von Menschen im Sexgewerbe kümmern, wie beispielsweise das Büro Aliena, mit dem Burgmer die Räumlichkeiten teilt.
Anfänglich waren dort Sprechstunden geplant. Das funktionierte aber schlecht, weshalb Burgmer kurzerhand mehr rausging, mehr Zeit auf der Strasse verbrachte. Überhaupt ist sie praktisch veranlagt. Die grösste Herausforderung? «Die Sprache. Ich verstehe Spanisch, spreche es aber nicht.» Deutsch, Englisch und Französisch beherrscht sie.

Bald auch in Baselland?

Mehr denn je brauche es Menschennähe im Umfeld der käuflichen Liebe. «Die Konkurrenz ist gross und die Frauen müssen ihre Miete zahlen können.» , sagt Burgmer. Um bis zu 15 Frauen kümmert sie sich an einem – ja was eigentlich? Nachmittag? Abend? Morgen? «Das ist unterschiedlich, klare Schichtzeiten gibt es in diesem Gewerbe nicht.» Gerne hätte sie auch ein ähnliches Angebot in Baselland. Bislang reicht die Zeit nicht, auch den Landkanton abzudecken.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1