Basel
Sie ist die Meisterin der Meisterwerke im Kunstmuseum Basel

Eine einjährige Schliessung, die Eröffnung des Erweiterungsbaus, ein neuer Direktor – im Kunstmuseum steht einiges an. Mittendrin in den Ereignissen: Kuratorin Nina Zimmer.

Miriam Glass
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Sie arbeitet gern im Hintergrund, scheut aber den öffentlichen Auftritt nicht: Kuratorin Nina Zimmer. Kenneth Nars

Sie arbeitet gern im Hintergrund, scheut aber den öffentlichen Auftritt nicht: Kuratorin Nina Zimmer. Kenneth Nars

In der Mitte der Skulptur «Big Spider» hätte der Fotograf Nina Zimmer gern platziert für seine Porträtaufnahme. Aber da macht die 40-Jährige nicht mit. «Das geht nicht. So verkommt die Kunst zur reinen Dekoration», protestiert sie.

Ein Stückchen des Werks von Alexander Calder, das im Hof des Kunstmuseums steht, darf dann doch aufs Bild. Nina Zimmer weiss, wie sie sich durchsetzt – aber auch, wann Kompromisse angesagt sind. Neben ihren Fähigkeiten als Kunsthistorikerin, die ihr von allen Seiten bescheinigt werden, dürfte es dieses Gespür für den richtigen Ton sein, das Nina Zimmer dahin gebracht hat, wo sie heute ist.

Van Gogh, Renoir, Warhol, Picasso – wenn die berühmten Namen fallen im Kunstmuseum Basel, dann ist Nina Zimmer nicht weit. In den letzten Jahren war die Kuratorin an den meisten grossen, öffentlichkeitswirksamen Ausstellungen beteiligt.

Museumsdirektor Bernhard Mendes Bürgi vertraut ihr die wichtigen Projekte an. «Sie steht im Kunstmuseum in der ersten Reihe, drängt sich aber nicht in den Vordergrund», heisst es aus Zimmers Arbeitsumfeld. Kritik möchte niemand äussern.

Zuletzt verstärkte die geborene Münchnerin gemeinsam mit Co-Kuratorin Anita Haldemann fürs Museum die Verbindungen in die Basler Gesellschaft, indem sie Basler Picasso-Sammler dazu brachte, ihre Werke für die aktuelle Ausstellung zur Verfügung zu stellen.

Vorschläge von allen Seiten

Eine Kontaktpflege, die nicht nur dem Publikum zugutekommt, sondern auch dem Museum, das für seinen Erweiterungsbau auf Basler Geld und Goodwill angewiesen ist.

Der Erweiterungsbau, der 2016 eröffnet werden soll, ist allerdings nicht das Thema, auf das Nina Zimmer im Moment am meisten angesprochen wird.

Im Vordergrund steht die einjährige, sanierungsbedingte Schliessung des Kunstmuseums ab 2015. Die Ankündigung liess die Wogen hochgehen.

Das Kunstmuseum wird seither über die Medien von allen Seiten mit Vorschlägen eingedeckt, wie während der Schliessung mit der Sammlung zu verfahren sei.

Während Museumsdirektor Bürgi in den Ferien weilt, gibt Nina Zimmer gegenüber der Presse Statements ab, ohne Genaueres über die Projekte zu verraten, die sie für die Zeit der Schliessung entwickelt.

Lieber weist sie lapidar darauf hin, dass andere Museen weit länger zumachen, und führt en passant das Beispiel des Königlichen Museums für Schöne Künste in Antwerpen an, das wegen Bauarbeiten für über sieben Jahre schliesst.

Ein geschickt gewähltes Beispiel ist das, weil es auch zu einem erfreulicheren Thema passt, das im Kunstmuseum Basel ansteht: die nächste grosse, von Nina Zimmer kuratierte Ausstellung zu James Ensor.

Die wichtigsten Werke dieses belgischen Künstlers aus dem 19. Jahrhundert gehören dem Antwerpener Museum – und kommen während dessen Schliessung nach Basel. Ensor ist bekannt als «Maler der Masken», der Karneval spielt in seinem Werk eine wichtige Rolle.

«Das alles macht die Arbeit spannender als je zuvor»

Folgerichtig eröffnet die Ausstellung kurz vor der Basler Fasnacht 2014, ein Bezug zur Stadt ist geschaffen.

Nina Zimmer versteht es nach sieben Jahren in Basel, die Eigenheiten der Stadt aufzunehmen. Anders als Direktor Bürgi, der für Medien nicht ohne weiteres zu sprechen ist, gibt sich Zimmer zugänglich.

«Ich arbeite gerne hinter, aber auch gerne vor den Kulissen», sagt sie. «Eine Institution wie das Kunstmuseum kann sich nur legitimieren, wenn sie durchlässig ist.»

Für politische Fragen ist sie nicht zuständig, doch mit ihren Auftritten als Kuratorin gegen aussen spielt Zimmer eine Rolle für die Wahrnehmung des Museums in der Stadt.

Ihr Job in Basel sei «eine der attraktivsten Stellen der Welt», schwärmte Zimmer 2009 gegenüber der «Basler Zeitung», während die Van-Gogh-Schau lief, die über eine halbe Million Besucher anlockte.

Wie denkt Zimmer heute über ihre Stelle? Im Bereich Bildung und Vermittlung, den sie leitet, ist gespart worden, die inhaltliche Arbeit tritt hinter den Diskussionen um die Schliessung zurück. Doch Zimmer bleibt dabei: «Das alles macht die Arbeit spannender als je zuvor.»

Der Bereich Bildung und Vermittlung sei mit zwei neuen Koordinatorinnen entwickelt worden, die konzeptionelle Arbeit am Erweiterungsbau biete interessante Möglichkeiten. Weiterziehen an ein anderes Museum, das sei zurzeit kein Thema, sagt Zimmer.

Zuvor arbeitete sie unter anderem an der Kunsthalle in Hamburg und im Guggenheim Museum New York sowie als Gastprofessorin in Chicago und Seoul. Sie leitete allerdings nie einen grösseren Betrieb.

«Noch sehr lange» wolle sie in Basel bleiben. Sie dürfte also noch da sein, wenn Bernhard Mendes Bürgi im Sommer 2016 in Pension geht.

Planung für 2016 bereits im Gang

Ist der Direktorenposten eine Option für Nina Zimmer? Darauf gibt es von ihr nur eine kurze Antwort:

«Darüber denke ich im Moment nicht nach. Das ist alles noch sehr weit weg.» Ganz so weit weg aber ist das Jahr 2016 doch nicht mehr – wenn Nina Zimmer über ihre aktuelle Arbeit spricht, rückt es sogar ganz in die Nähe.

Während die Picasso-Ausstellung in ihre letzte Woche geht, ist die Kuratorin mit dem Kopf längst woanders. Um zu verdeutlichen, wie lang ihr Planungshorizont ist, sagt sie: «Es ist, als würde ich gleichzeitig Frühstück, Mittag- und Abendessen kochen.»

Das heisst, sie köchelt verschiedene Projekte; während sie die Ausstellung fürs 2014 plant, ist sie auch an Vorarbeiten für 2015 und 2016.

Ihre professionelle Verschlossenheit bei Fragen zur Schliessung und zu ihren Zukunftsplänen macht Nina Zimmer im Gespräch rasch wett.

Von ihrer Grossmutter erzählt sie, die einen Bauernhof an der ostpreussisch-litauischen Grenze hatte, im Krieg fliehen musste und sich die Arbeit ihrer Enkelin im Museum furchtbar anstrengend vorstellte, «weil es so viele Quadratmeter sind zum Putzen».

Die Anekdote macht klar, wie wenig sich manche Leute unter der Bezeichnung «Kuratorin» vorstellen können. Nina Zimmer aber wird nicht müde, ihre Arbeit zu erläutern.

Eine der wichtigsten Herausforderungen sei es, Ausstellungen zu machen, die sowohl Kenner befriedigen als auch Menschen, die zum ersten Mal mit dem Werk eines Künstlers in Kontakt kommen.

Nina Zimmer greift sich einen Ordner mit Bildern von James Ensor, blättert und erklärt. Ihre Begeisterung steckt an. Nina Zimmer weiss, wie sie ihre Themen durchsetzt – und zu welchen sie schweigt.

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