Anne Lévy ist für die eine oder andere Überraschung gut. Aber das vielleicht Verwunderlichste ist, wie lange sie beim Staat tätig war. Fast zwanzig Jahre arbeitete sie auf der Verwaltung, erst als Drogenbeauftragte in Bern, dann beim Bundesamt für Gesundheit und zuletzt als Leiterin des Bereichs Gesundheitsschutz in Basel-Stadt.

Dabei ist der gebürtigen Bernerin ein Nine-to-Five-Job zuwider. Als eine von wenigen Frauen in der Region leitet die heutige Direktorin der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) einen Betrieb mit über 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Erklärung mutet ziemlich unfeministisch an, obwohl sie sich als Feministin bezeichnet. «Männer müssen sich genauso durchsetzen und in schwierigen Situationen entscheiden können.

Das müssen alle, die Chefpositionen innehaben.» Sie nimmt vielmehr auch die Frauen in die Pflicht. «Wenn man einen tollen Job will, muss man sich zu 150 Prozent einbringen. Nur dann kann man sich auch bei den Goodies, etwa den Arbeitsgruppen, bei den Projekten und bei den Weiterbildungen einbringen, welche die Arbeit interessant machen.» Teilzeitarbeit sei eine wichtige Errungenschaft und habe geholfen, dass viele Frauen und Männer im Job blieben – so auch bei den UPK. «Dennoch besteht die Gefahr, dass eine 50-Prozent-Stelle nicht gleich attraktiv ist. Zudem dauert es doppelt so lange, Karriere zu machen.

Besorgniserregender Islam-Hass

Letztlich ginge es auch bei den Frauen nicht ohne die Männer. «Wenn ich so viel arbeite, muss die Arbeit zu Hause aufgeteilt werden. Beide Partner müssen genau gleich verantwortlich sein für den Haushalt. Bei den erfolgreichen Männern heisst es, sie bräuchten eine starke Frau im Hintergrund. Aber das ist bei den Frauen genauso.» Ein starker Mann alleine ist natürlich nicht alles, aber vieles. Und da hat sich Lévy schon früh entschieden. Als sie siebzehn Jahre alt war, zogen ihre Eltern nach Basel, sie musste als jüngste der drei Schwestern noch mit ans Rheinknie. Obwohl der Teenager aus seinem Umfeld rausgerissen wurde, bekundete sie keine Anlaufprobleme. Im Gegenteil: Noch vor der Matur lernte sie ihren heutigen Ehepartner, einen Medizinstudenten und späteren Augenarzt kennen.

Auf ihre Religion angesprochen bezeichnet sich Frau Lévy salopp als Drei-Tage-Jüdin. Ähnlich vielen Christen feiert sie nur die höchsten Feiertage. In diesem Fall sind es Neujahr, Jom Kippur und Pessach. Sie selber nennt sich nicht religiös, gehört aber der jüdischen Gemeinde an und setzt sich dabei bemerkenswerterweise auch für die Rechte der Moslems ein. Antisemitismus, sagt Lévy, habe sie natürlich auch schon erlebt, wie jede Minderheit Vorurteile erlebe. Aber derzeit beschäftige sie das Islam-Bashing. Augenfällig sei die Hetze bei der Abstimmung über das Minarettverbot geworden, welchem die Schweizer 2009 zustimmten. «Es ist reiner Rassismus. Hätte man verbieten lassen, dass man buddhistische Tempel mit ihrer typischen Architektur aufstellt? Nein.»

Die nun aufflammende Debatte um das Burkaverbot befindet sie für besorgniserregend. Dabei könnten die Juden früher oder später durchaus betroffen sein. «Die Erfahrung zeigt, dass sich diese Tendenzen ausbreiten. Wer weiss, vielleicht werden ja irgendwann auch die Kippas verboten?»

Vorbildliches Basel

Oft erlebt man nicht, dass die 47-Jährige aus der Haut fährt. Aber wenn es darum geht, dass Minderheiten in ihren Rechten beschnitten werden, dann kann sie emotional werden. Dazu dürfte gewiss beigetragen haben, wie sie aufgewachsen ist. Ihre mittelständischen Eltern waren zwar nicht politisch aktiv, politisierten aber am Mittagstisch. Bis heute hält Lévy ihren ersten Job nach dem Politologie-Studium für den prägendsten.

Die Kombination von Arbeiten für die öffentliche Gesundheit in einem gesellschaftspolitischen Umfeld habe ihr von Anfang an gefallen. Im Kanton Bern war sie als Drogenbeauftragte unterwegs und erkannte, dass der Staat eine wichtige Rolle einnehmen muss. Nicht nur sei er dazu da, den Abhängigen zu helfen, sondern auch, Leitplanken aufzustellen. «Früher kostete die Flasche Vodka 50 bis 70 Franken, heute bekommt man eine für neun Franken zu jeder Tag- und Nachtzeit – natürlich hat das mehr Alkoholismus zur Folge.» Und mit den Folgen wird Lévy noch heute tagtäglich konfrontiert. Alkohol- oder Drogensucht seien neben Depressionen noch immer der häufigste Grund für einen Aufenthalt in den UPK.

Die Gesetze zu ändern, das wird ihr nicht gelingen. Ihren Ehrgeiz hat die UPK-Direktorin auf das gerichtet, was sich in den «eigenen vier» Wänden abspielt. Verantwortlich fühlt sie sich nicht nur gegenüber den 1300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sondern auch gegenüber den Patientinnen und Patienten. Nahezu jeder Zweite sei in seinem Leben irgendwann mit einer Depression erkannt oder müsse eine Sucht behandeln lassen. «Viele denken, diese Menschen sind das ganze Leben krank.

Aber das stimmt nicht», sagt Lévy. In den meisten Fällen schaffe es die Psychiatrie, einen ganz gesunden Menschen nach Hause zu schicken nach den durchschnittlich 26 Tagen, die eine Therapie in den UPK daure. Meist gefolgt von einer ambulanten Therapie. Dass die Gesellschaft Menschen in dieser Lebenssituation als etwas Normales anschaue, darauf arbeitet Lévy hin. Als sie 2015 zu den UPK gewechselt habe, sei Basel schon vorbildlich gewesen, habe als erste Klinik der Schweiz eine Open-Door-Psychiatrie gehabt. Das heisst, die Patientinnen und Patienten können kommen und gehen, und bleiben deshalb gerne und freiwillig, weil sie selber merken, wie ihnen die Behandlung hilft. Dazu kommt, dass die Therapien ständig verbessert werden.

Hund als Antidepressivum

Doch ortete Lévy auch Verbesserungspotenzial, als sie vor drei Jahren ihren neuen Job annahm. Vor dem Gelände standen Schilder mit der Aufschrift: «Achtung Privatareal.» Lévy liess diese wegräumen. Alle sollten willkommen sein, Stigmata abgebaut werden. Dazu gehörte die Eröffnung einer Walk-in-Ambulanz in der Innenstadt. Auch hier ging es darum, die Hemmschwelle für den Psychiatriebesuch zu senken. Die Willkommenskultur weitete Lévy auch auf die Haustiere aus – wenngleich nicht ganz uneigennützig. Die Regel, wonach Hunde auf dem Campus und in den Büros verboten sind, hob sie quasi als erste Amtshandlung auf.

Seither begleitet sie «Nöfä», ihr Wasserhund, zur Arbeit und zwingt den Sportmuffel zum Mittagsspaziergang. «Ein Hund ist das beste Antidepressivum», sagt sie. Das gelte nicht nur für die Patienten – sondern auch für sie selbst. Der positive Effekt von Haustieren auf die Gesundheit und das Arbeitsklima sei bewiesen, sagt sie. Deswegen hat sie bereits den nächsten Schritt zur Öffnung der Psychiatrie durchgesetzt: Die erste Privatpatientin durfte ihren Hund mitnehmen, als sie sich in den UPK behandeln liess.