Wohnungsverwahrlosung
Sie ist für Messie-Wohnungen in Basel zuständig – «Einmal aufräumen reicht nicht»

In Basel leben immer mehr Messies. Ein Gespräch über die Hintergründe.

Leif Simonsen
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Bild einer Messie-Wohnung. Häufig sind die Betroffenen alkohol- oder drogensüchtig.

Bild einer Messie-Wohnung. Häufig sind die Betroffenen alkohol- oder drogensüchtig.

Wikipedia Creative Commons/ZVG

Umgangssprachlich ist von Messies die Rede. Menschen, die nichts wegwerfen können und beinahe im eigenen Müll ertrinken. Die Zahl der Wohnungsverwahrlosungen hat in Basel-Stadt zwischen 2013 und 2016 von 35 auf 61 zugenommen. Am Donnerstag fand in Basel erstmals ein Symposium mit Experten aus dem deutschsprachigen Raum statt. Der bz stand Ursula Lafos Red und Antwort. Als «Fachverantwortliche Wohnungswesen» ist sie für die Messie-Wohnungen im Stadtkanton zuständig.

Frau Lafos, Sie haben in ihrem Leben viele Messies angetroffen. Wann schreiten Sie ein?

Ursula Lafos: Sobald wir von Drittpersonen eine Meldung bekommen. Das können Angehörige sein, Nachbarn, die sich durch den Gestank belästigt fühlen, Behörden wie die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde oder das Veterinäramt – wenn beispielsweise der Verdacht besteht, dass Haustiere nicht richtig gehalten werden. Unser Einschreiten ist dann gesetzlich legitimiert, wenn sich Dritte gestört fühlen. Dann melden wir uns drei, vier Wochen im Voraus bei den Betroffenen an. Damit geben wir den Menschen die Chance, das Gröbste in Ordnung zu bringen. Unser Einschreiten ist insbesondere dann nötig, wenn die Gesundheit von Menschen gefährdet ist.

Was für Menschen treffen Sie an?

Es ist eine sehr unterschiedliche Klientel. Altersmässig ist sie zwischen 30 und 80 Jahren aufwärts. Ein grosser Teil ist sogenannt multimorbid und leidet unter mehreren, auch psychischen Krankheiten oder im fortgeschrittenen Alter an Demenz. Drogen und Alkoholmissbrauch sind häufig ein Thema. Aber es gibt auch solche, die nach aussen hin ein ganz normales Leben führen. Sie gehen einer geregelten Arbeit nach und tragen saubere Kleider, auch wenn man sich nicht vorstellen kann, wie das angesichts der Zustände zuhause machbar ist. Und um ihre Verwahrlosung zu verheimlichen, laden sie einfach keine Menschen zu sich ein.

Was sehen Sie, wenn Sie zu den Betroffenen nach Hause gehen?

Es sind oft schlimme Bilder. Wir sehen Wohnungen, die bis unters Dach voll sind mit Müll und solche, die in katastrophalem hygienischem Zustand sind. Wo beispielsweise die Abläufe verstopft und mit Fäkalien verschmutzt sind. Einmal standen wir vor einem Wohnblock, bei dem die Betroffene im ersten Stock wohnte. Der Gestank drang bis vor die Haustüre im Erdgeschoss. Als wir die Türe öffneten, flogen uns die Mücken entgegen. Ich musste einen Mundschutz und Überschuhe anziehen, ehe ich die Wohnung betrat. Hier fand ich eine messie-mässig aufgefüllte Wohnung mit sämtlichen Habseligkeiten sowie einem Mitbewohner vor, der im Rollstuhl sass. Er musste sich den Weg durch den Müll bahnen, während die Mitbewohnerin tagsüber arbeitete. Es war schwierig sich vorzustellen, wie er überhaupt überleben konnte. Mitten im Müll war ein Hase. Der war allerdings sehr gut gepflegt und genährt. Das Tier mussten wir fremdplatzieren. Die beiden Bewohner sind in den Universitären Psychiatrischen Kliniken zur Behandlung.

Was wird alles gehortet?

Verschiedenstes. Ich hatte eine Begegnung mit einem Mann, der insgesamt 20 Tonnen Papier in seinem Haus angesammelt hatte. Die ganze Treppe bog sich unter der Papierlast. Eine Frau hatte ihre ganze Wohnung voll mit neonfarbenen Püppchen. Der Boden präsentierte sich als grosses Gemälde. Ich erinnere mich auch an jemanden, der sein Zimmer als Kleidersilo benutzte. Bis auf 1,20 Meter geschichtet lagen seine Kleider. Wieder ein anderer sammelte Videokassetten. Diese stapelten sich im ganzen Haus. Nur eine kleine, 60 Zentimeter grosse Nische hatte er sich ausgespart. Das war sein Schlafort.

Leiden die Betroffenen? Oder sind sie sich ihrer Situation nicht bewusst?

Es gibt beides. Es gibt Leute, die sind sich über ihre Situation gar nicht im Klaren. Entweder, weil sie über die Jahre in dieses Muster reingerutscht sind und das Gefühl haben, sie lebten in einer normalen Welt. Und dann gibt es diejenigen, die sich bewusst von ihrem Müll abgrenzen und in einer Parallelwelt leben. Sie finden sogar, dass der Abfall in ihrer Wohnung stinkt. Aber sie sind der Meinung, er gehöre nicht zu ihnen.

Wie reagieren die Betroffenen auf Ihr Eindringen in die Privatsphäre?

Viele sind darüber nicht erfreut. Ich erinnere mich an eine Frau, die den Termin mehrmals zu schieben versuchte. Natürlich wollte sie nicht, dass wir zu ihr in die Wohnung kommen. Sehr oft ist auch keine Einsicht da, dass man durch die Verwahrlosung andere stören oder sich selbst beeinträchtigen könnte. Wir hören zudem oft, dass die Betroffenen «morgen» aufräumen werden. Nur in einem Fall haben wir eine chaotische Wohnung einer älteren Frau angetroffen, die ohne grösseren Aufwand mithilfe einer anderen Person die Situation in den Griff bekam.

Das heisst: Mit einmal richtig aufräumen ist es nicht getan?

Nein, es ist ein langer Weg. Meist ist die Wohnungsverwahrlosung verbunden mit komplexen Krankheiten. Und dann fehlt vielen die Einsicht, dass es ärztliche oder psychiatrische Hilfe braucht.

Sind Sie, so die Vermutung, hauptsächlich in den ärmeren Quartieren wie Kleinhüningen oder Klybeck, tätig?

Nein, das Messietum hat nichts mit Arm oder Reich zu tun. Wir hatten auch schon Fälle in Riehen und Basel, wo wirklich keine Armut im Spiel war. Auch hat die Wohnungsverwahrlosung nichts mit dem Bildungshintergrund zu tun.

Worauf ist denn die Zunahme an Verwahrlosungen zurückzuführen?

Der Anstieg der Fälle dürfte zum grössten Teil mit der Bevölkerungsentwicklung, der Zunahme des betagten Bevölkerungsanteils sowie der Einpersonenhaushalte im höheren Alterssegment zusammenhängen.