Basel, April 2014. Wir sassen im Strassencafé des Küchlin, teilten uns einen Flammenkuchen und fröstelten. Bevor Thusanthy Sinniah zu ihrer Geschichte ansetzte über ihr kurzes Kindheitsparadies, über Krieg, Flucht und Neuanfang, nahm sie eine Serviette und zeichnete etwas in Form einer Träne darauf. «Das ist Sri Lanka», sagte sie. «Und ich komme aus Jaffna, das ist ganz oben im Norden, da»: Sie drückte mit dem Kugelschreiber ein Kreuz in die Spitze der Träne. Dahin, wo das Land in Richtung Südindien hin ausfranst. Es war unsere erste Begegnung. Thusanthy spielte damals am Theater Basel in «Biedermann und die Brandstifter» im Ausländerchor. Ich hatte sie getroffen, um in der bz ein Portrait über sie zu schreiben.

Jetzt bin ich mittendrin in dieser Servietten-Zeichnung, auf dem Weg ins eingezeichnete Gebiet, mit Thusanthy, die ich seit unserer ersten Begegnung Dusha nenne – wir wurden damals Freundinnen. Es kommt mir etwas unwirklich vor. Natürlich hätte ich das damals nicht im Traum geahnt.

Träumen ist gerade etwas schwierig. Wir sind in einem Zug, der rüttelt, als ob wir über Steine führen. Der Gang in den Speisewagen: eine Gleichgewichtsübung. Es sei der beste Zug Sri Lankas, sagt Dusha, der 05.45 Zug ab Colombo nach Jaffna - alle anderen rüttelten viel stärker und seien unpünktlich.

Nach 40'000 Toten

Sechs Stunden später sind wir im Norden Sri Lankas. Bis im Frühjahr 2009 tobte hier der Bürgerkrieg zwischen der singhalesischen Regierung und der tamilischen Minderheit. In den vergangenen Monaten wurden gemäss UNO-Experten nochmals 40 000 Tamilen umgebracht. Der Zug fährt langsam in Jaffna ein. Dushas trocken vorgebrachte Kommentare kontrastieren mit der Schönheit der Landschaft. «Bei dieser Meereslagune wurden Tausende von Menschen getötet und Schulmädchen vergewaltigt.» Später, bei einer Autofahrt durch Jaffna, geht es so weiter: Wir sehen Ruinen in saftig-grünem Gewucher. «Hier war das Haus meiner Tante, es wurde zerbombt; hier war eine Schule, sie wurde zerbombt; hier war ein Spital, es wurde zerbombt», sagt Dusha. «Hier bin ich aufgewachsen bis der Krieg begann; lass uns lieber nicht durch den Garten laufen, er könnte noch vermint sein.» Und: «Diese Läden sehen aus wie damals, es gab überhaupt keine Entwicklung. Hier konnten wir während des Kriegs nie durch, dieses Gebiet war von der Armee blockiert.» Weiter: «Dieses Quartier war vor 1990 voller Menschen, voller Leben. Jetzt ist es tot. Die meisten Überlebenden wohnen im Ausland.»

Dusha ist eine dieser Überlebenden. Nach fast 20 Jahren in England und in der Schweiz ist sie in ihre Heimat zurückgekehrt. Sie arbeitet als Projektleiterin für eine japanische NGO namens Parcic. Das Projekt «Sari Connection» unterstützt Frauen in den vom Krieg am härtesten betroffenen Gebieten an der Ostküste. Die NGO gibt den Frauen Nähmaschinen, Nähkurse und Stoffe – eingesammelte getragene Saris. Die Frauen nähen aus den edlen, bunten Stoffen Blusen, Hosen, Strandkleider, Necessaires. Die NGO erstattet ihnen bis zu 50 Prozent des Verkaufspreises. Für die Frauen ein wichtiger Nebenverdienst. Ausserdem gibt es ihnen eine Aufgabe und Selbstwertgefühl.

Drei Tage nach unserer Ankunft in Jaffna besuchen wir zwei der Dörfer, in denen Frauen für das Projekt arbeiten. Hier an der Ostküste, in der Region Mullaitivu, flammte der Krieg immer wieder auf. Fast alle Frauen hier haben Familienmitglieder verloren. Klein und dünn schauen die meisten aus, viele hatten während des Kriegs nicht genug zu essen. Aber am meisten bedauern sie alle, dass sie keine gute Ausbildung hatten. «Ich habe die meiste Zeit im Bunker verbracht statt in der Schule», sagt eine junge Frau. Dusha übersetzt für mich, die Frauen sprechen nur Tamilisch. Eine erzählt, dass sie im Krieg ihre beiden Kinder verloren habe, acht- und vierjährig. Dusha dreht sich weg und muss kurz als Übersetzerin pausieren. Später wird sie sagen: «Jedes Mal, wenn ich hier bin, muss ich weinen. Ich wusste gar nicht, dass mich dieser Krieg immer noch so trifft, dass mich das alles so mitnimmt. Bevor ich nach Sri Lanka zurückgekommen bin.» Die Arbeit für dieses Projekt sei erfüllend.

Zuhause im Kannenfeldpark

Aber zu Hause fühlt Dusha sich in ihrer Heimat nicht. «Zuhause fühlte ich mich, als ich im Kannenfeldpark joggen war», sagt sie. Das war vor einigen Wochen. Für die NGO reiste sie in die Schweiz und nach Deutschland, um hier Vertriebspartner zu finden. Nun verkaufen auch hiesige Läden die Produkte der Frauen aus Mullaitivu. In Basel etwa sind sie in den Läden 1fach-Basel und SchreibBar erhältlich.

Das Haus, in dem Dusha ihre frühste Kindheit verbrachte, ist zerstört. Das Haus, in dem ihre Mutter mit der Familie ihrer jüngeren Schwester wohnt, vermag sie am ersten Tag kaum zu finden. Mutter und Schwester essen mit der Hand, Dusha mit der Gabel. Die Schwester trägt einen Sari, Dusha Hose und T-Shirt. Und das ist nur das Äusserliche. Dusha hat eine andere Einstellung zu Vielem. «Sie schauen mich an wie eine Ausserirdische», sagt sie, «sogar meine eigene Familie. Ich habe eine andere Persönlichkeit entwickelt.»

Eher besonders für eine Tamilin ist, dass Dusha auch den Austausch mit Singhalesen nicht scheut. Und sie ist bereit, Fehler der eigenen Seite einzugestehen. Sie kritisiert etwa, dass die Tamil Tigers gegen Kriegsende Kinder als Soldaten eingesetzt hätten. Sie greift ein, als eine Tamilin die Singhalesen ganz allgemein als Monster beschreibt. Sie sei gegen das grassierende Schwarz-Weiss-Denken, das behindere die Aufarbeitung der Geschehnisse.

Wenn das Hilfsprojekt im nächsten Frühjahr abgeschlossen ist, hofft Dusha, wieder zurück in die Schweiz zu kommen. Sie vermisse ihre Freunde, den Käse, die Schokolade – und den Kannenfeldpark. Sie hofft, dass dann ihr ursprünglicher Wunsch wahr wird: ein guter Job in der Schweiz. Und bis dahin sollen die Frauen von Mullaitivu ihre Waren selbstständig vertreiben können. Das ist das Ziel.