Sie deuten Leichtigkeit an, die klassischen Kleider der 1920er Jahre. Die Säume sind nach oben gerutscht, die Schnitte sind einfacher geworden. Sie stehen exemplarisch für die neugewonnene Lebensfreude und Freiheit der Nachkriegszeit. Doch so leicht die Kleider auch waren, so heikel und empfindlich sind sie auch. Das typische Kleid der 1920er besteht aus feinstem Seidenstoff und ist besetzt mit hunderten oder tausenden von Glasperlen, die millimetergenau aufgenäht sind.

Einige solcher Kleider sind momentan und noch bis August im Museum der Musik im Basler Lohnhof im Rahmen der Sonderausstellung «Mode und Musik der Zwanzigerjahre» zu sehen. Insgesamt hat das Historische Museum Basel fast 7000 Textilien in seinem Depot, 99,9 Prozent davon sind dauerhaft dort gelagert, Ausstellungen wie jene im Lohnhof sind die Ausnahme.

Enorm empfindlich und rissig

Denn bis die Kleider so präsentiert werden können, braucht es sehr viel Zeit und Arbeit, die investiert werden müssen. Zuständig dafür ist Gesa Bernges. Die Diplomrestauratorin für Textil und Fasern betreut im Depot und in den Ausstellungen des Historischen Museums Basel alle Textilien, präpariert, flickt und verschönert diese. Für eine Frau, die in einem 60 Prozent-Pensum arbeitet, eine intensive Aufgabe.

Was beim Betreten der kleinen Sonderausstellung sofort auffällt, ist das stark gedimmte Licht. «Licht ist etwas vom Schädlichsten für Textilien.» Denn Licht, eine elektromagnetische Strahlung, setzt in den Kleidern chemische Prozesse in Gang, die zum Zerfall führen. «Je älter also ein Kleidungsstück ist, desto mehr Licht hat es schon abbekommen und desto brüchiger und empfindlicher ist es», so Bernges. Doch bis die Kleider überhaupt in die Vitrine kommen, braucht es noch viel mehr. «Oftmals müssen Reparaturen und Veränderungen rückgängig gemacht werden, weil diese den Kleidern mehr schaden als nützen. Sie verformen das Kleid und tun dem Gewebe nicht gut. Also muss ich sie in den Originalzustand rückführen.»

Das ist aber oft nicht einfach, weil die Kleider von damals nicht wie jene von heute den gängigen Standardgrössen entsprechen, sondern auf die jeweilige Kundin handgeschneidert wurden. «Die fallen so stark aus dem Raster, dass auch die modernen Schaufensterpuppen sich nicht eignen, um die Kleider darauf auszustellen.» So muss für jedes Exponat eine eigene Figurine – so nennen Textilrestauratorinnen die Schaufensterpuppen – angefertigt werden.

Original wird mit Kopie geschützt

«Das ist der aufwendigste Teil meiner Vorbereitungen auf eine Ausstellung hin», sagt Bernges. Denn die Figurine hat die Funktion, dem Kleid seine authentische Form zu geben und es gleichzeitig zu unterstützen. Diese Unterstützung muss so stark sein, dass das Kleid sein Eigengewicht, das bis zu einem halben Kilogramm betragen kann, nicht selbst tragen muss. Hinzu kommt, dass die Figurine nicht aus irgendeinem Material bestehen kann, da die Oberfläche monatelang mit den empfindlichen Kleidern in Berührung ist. Die Figurinen, die Bernges benützt, bestehen aus Styropor. «Das ist sehr praktisch, denn ist die Figurine zu breit für ein Kleid, kann ich problemlos wegschnitzen, was überflüssig ist. Wenn die Form angepasst ist, kann sie dann mit einem Polyester-Stoff überzogen werden.» An diesem können auch Polster angebracht werden, wenn die Figurine an gewissen Stellen zu schlank sein sollte. Am Ende folgt noch die letzte Schicht: Ein Überzug aus Baumwollstoff, der sich sowohl gut mit den Stoffen des Kleides verträgt als auch farblich neutral ist. Während dieses Prozesses wird das Kleid immer wieder anprobiert, sodass die Figurine am Ende auch tatsächlich mit den genauen Massen des Exponates übereinstimmt.

Wenn ein Kleid dafür zu empfindlich und nicht reissicher ist, muss Bernges eine genaue Kopie davon anfertigen. «Das ist dann eine Art Dummy, mit dem man das Original schützen kann.» Denn der Schutz dieser wertvollen Kleider – oder auch der ausgestellten Schuhe und Hüte – steht im Fokus der Restauratorin. Die Schuhe und Hüte werden genauso wie die Kleider unterstützt. In den Schuhen sind passgenaue Einlagen, die die nach langer Lagerung aufgetauchten Verformungen ausbesseren sollen, die Hüte ihrerseits liegen auf einer Art zurecht geschnitztem Kopf. «Ein Thema, das bei den Kleidern immer wieder aufkommt, ist das Waschen, weil es ein sehr starker Eingriff in das Material und eine mechanische Belastung für jede Faser und jeden Faden ist.» Deshalb gilt: Gewaschen wird nur im Notfall. Trifft dieser ein, dann wird bei der Nassreinigung, wie Waschen im Fachjargon bezeichnet wird, nur mit Mitteln ohne Zusatzstoffe, handwarm und liegend gewaschen. «Anders geht es nicht, weil die Kleider in nassem Zustand noch reissempfindlicher sind.»

Lavendelduft gegen Motten

Reissempfindlich sind auch jene Kleider, die gar nicht mehr auf eine Figurine gesetzt werden können, sondern nur noch liegend auf einer Platte präsentiert werden können. «Bei diesen Stücken ist das Risiko zu gross, weil sie ihr Eigengewicht nicht mehr auffangen können.» So werden die Kleider auf eine Platte gespannt, die mit Polyestervlies überzogen ist. Mit diesem verhakt sich die Rückseite der Kleider, was das Verrutschen verunmöglicht.

«An einigen Stellen sind die Kleider noch mit kleinen Magneten fixiert, da diese schonender sind, als wenn die Kleider festgenäht werden müssen.» Ist dies alles gesichert, dann können die Kleider in die Vitrine, in der sich ein Lavendelduft breitmacht, der die Motten vertreiben soll. «Ich bin aber trotzdem jede Woche hier und suche mit der Taschenlampe nach kleinen Tierchen», erklärt Bernges. Auch das Depot, das so dunkel und kühl wie möglich sein muss, begeht sie wöchentlich und sucht nach den kleinen tierischen Störenfrieden. Und in diesem Depot, liegend in Archivkartons, eingepackt in Seidenpapier, verschwinden diese so lange und aufwendig präparierten Kleider im August wieder, nachdem sie immerhin für fünf Monate ihre – pflegeintensive – Schönheit zeigen durften.