«Die Gesellschaft hat mich kaputtgemacht.» Lilian lebt seit November 2013 offiziell auf der Strasse. In die Notschlafstelle geht sie nicht. Oft kommt sie bei Freunden unter. Sie hat eine lange Vorgeschichte mit psychischen Problemen. 2000 ein Burnout, etliche Depressionen. Als Kind wurde sie oft misshandelt, ihre streng katholischen Eltern benutzten sie als Spitzel für kriminelle Machenschaften. Als Belohnung versprachen sie ihr Schmuck oder Süssigkeiten, die sie nie bekam. Von ihrer Mutter bekam sie gesagt, dass sie nichts wert sei.

Alle Schrecklichkeiten, die ihr angetan wurden, geschahen im Namen Gottes. Später gründete sie selbst eine Familie. Der Menschenhass, den sie in den Jahren entwickelt hatte, war ein grosses Problem. Gegenüber ihren beiden Söhnen blockte sie total ab. Ihr Mann wusste nicht, wie er mit seiner Frau umgehen sollte. Auch die Behinderung ihres einen Sohnes verursachte Stress. Wie Lilian heute sagt, war das System schuld: «Unsere Gesellschaft sieht vor, dass sich andere Leute um die Kinder kümmern. Auch für die Beziehung bleibt keine Zeit.»

Nach der Scheidung von ihrem Mann begann sie eine Ausbildung als Bus-Chauffeuse. Sie musste Schulden abbezahlen und ihr Leben finanzieren. Der Job war jedoch eine reine Tortur für sie. Die dauerhafte Stresssituation, kein Freiraum, nicht einmal eine Pause, um auf die Toilette zu gehen. «Ich fühlte mich wie eine Marionette.» 2012 kündete sie. Um einen neuen Sinn im Leben zu finden. Seither lebt sie auf der Gasse. Schon Jahre vor der Kündigung, begann sie an sich zu arbeiten. Um ihrer Familie vergeben zu können und so auch selbst loszulassen. Sie besuchte eine biblische Schulung.

Dort fand sie ihren ganz eigenen Therapeuten, Jesus Christus. Die Quelle ihres Schmerzes, der Glaube, wurde also zur Quelle für Hoffnung und Versöhnung. Heute hat sie ihren Hass auf die Menschen besiegt. «Ich verabscheute alle Menschen. So auch Alkoholiker, Junkies oder psychisch Kranke. Jetzt kenne ich ihre Schicksale.» So gut es geht, versucht sie, den Leuten mit ihrem Wissen zu helfen.

Als Autist auf der Strasse

1977 wurde bei Sany Asperger diagnostiziert. Ihm fällt es sehr schwer, die Körpersprache anderer Leute zu lesen und zu interpretieren. Wenn er mit jemandem spricht, muss er denjenigen immer anschauen, um zu verstehen, was er mit seinem Körper ausdrückt. Schnell ist er überlastet. Wenn man ihn ansieht, ist nichts Ungewöhnliches zu erkennen. Dies wird ihm oft zum Verhängnis. «Die Leute begreifen nicht, dass ich die Behinderung habe.

Viele wissen auch nicht, was Autismus bedeutet.» Als Kleinkind war er 22 Monate im Kinderspital auf der psychiatrischen Abteilung. Während der Zeit hatte er insgesamt vier Stunden Schule. Danach kam er auf eine Schule für Schwererziehbare. Wie er heute sagt, wäre es das Beste gewesen, man hätte ihn auf die Rudolf-Steiner-Schule geschickt. Mit einem Zwinkern gibt er jedoch zu: «Der Schultyp war ich eigentlich nie.» Im Laufental absolvierte er eine Lehre als Kaminfeger.

Nach der Lehre geriet er in einen Schuldenkreislauf. Doch nicht nur finanziell ging es bergab. Eine starke Grippe griff auf sein Herz über, dies beeinträchtigt ihn heute noch. Er hat keine Krankenkasse. Die nötigen gesundheitlichen Vorkehrungen kann er sich nicht leisten. Um den Schuldenkreislauf zu unterbrechen, ging Sany 2010 nach Rumänien. Nach fast fünf Jahren musste er aus gesundheitlichen Gründen zurück in die Schweiz. Seither hat er keinen festen Wohnsitz. Doch er sagt: «Ich komme immer irgendwo unter.»