Die Finanzkontrolle des Kantons Basel-Stadt hat die Honorarbezüge der Regierungsräte untersucht und am Mittwoch ihren Bericht vorgelegt. Darin rügt sie weniger die Regierungsräte, als den Zentralen Personaldienst (ZPD) des Kantons Basel Stadt. Damit muss eine Abteilung im Finanzdepartement die Prügel einstecken für eine Affäre, die politisch viel heisser gegessen wird als die Frankenbeträge, um die es geht, es rechtfertigen würden. Wer oder was ist dieser ZPD?

Was soll sich hinter drei amtlichen Buchstaben schon verbergen: Ein Amt halt, graue Männer hinter grauen Schreibtischen, Papier, Akten, Zahlen. Alles falsch. Im zweiten Stock des Volkshausgebäudes steht Andrea Wiedemann, Leiterin des Zentralen Personaldienstes, hinter einem Pult und fragt: «Was möchten Sie wissen?» Kein grauer Mann, sondern eine lebendige Frau mit (zugegebenermassen grauen) kurzen Haaren, einer rassigen Brille und einem offenen Blick. 

Frau Wiedemann, die meisten Vorwürfe hat die Finanzkontrolle an die Adresse der ZPD gerichtet. Wie gehen Sie damit um?

Andrea Wiedemann: Wir müssen das jetzt auf die sachliche Ebene nehmen und in einzelne Sachverhalte aufteilen.

Was heisst das?

Der ZPD und die Fiko sind in einigen Ermessensfragen zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Das muss man so stehen lassen. Wenn wir den Auftrag haben, die Honorare abzurechnen, dann muss ich im Rahmen meines Ermessensspielraums auch Entscheidungen fällen – mit dem Risiko, dass jemand anders einzelne Aspekte anders beurteilt. Die Fiko will den Ermessensspielraum jetzt einschränken. Man bringt ihn aber nicht weg. Auch wenn der ZPD die Honorarkonten für die Regierungsräte betreut, gibt es einen Ermessensspielraum. Selbst dann wird es Fragen geben, die man so oder anders beurteilen kann.

Unterscheidet sich die Fiko vielleicht darin vom ZPD, dass die Fiko tendenziell böswillige Motive annimmt, während der ZPD eher gutgläubig ist?

Andrea Wiedemann steht auf, holt sich ein neues Mäppchen und zeigt ein weiteres Dokument. Es ist ein Papier über «Multirationales Management» von HSG-Professor Kuno Schedler. Wiedemann erklärt, es gebe wohl einfach unterschiedliche Realitäten. «Unterschiedliche Schlüsse müssen nicht falsch sein, sie beruhen möglicherweise einfach auf verschiedenen Realitäten.» Mit anderen Worten: Wenn ein Polizist ein Messer sieht, das am Boden liegt, dann löst das bei ihm ein anderes Bild aus, als wenn ein Koch ein Messer am Boden liegen sieht. Wiedemann versteht sich deshalb als Übersetzerin zwischen verschiedenen Welten: «Wir dürfen nicht politisch sein, aber wir arbeiten in einem politischen Umfeld. Wir sind Übersetzer, wie Kuno Schedler sagt.»

Und die Fehler? Wiedemann schüttelt den Kopf. Es habe Fehler gegeben, vor allem vor ihrer Zeit. Es mache keinen Sinn, darauf herumzureiten oder gar die Schuld in die Vergangenheit zu schieben. Wichtig ist ihr etwas anderes: «Die Vorkommnisse dürfen nicht dazu führen, dass meine Mitarbeiter vor lauter Angst, Fehler zu machen, gelähmt werden. Das würde dann erst recht zu Fehlern führen.» Wichtig sei, dass man dazu stehe, wenn man Fehler mache und daraus lerne. «Also bitte nicht zweimal denselben Fehler machen.»

Und was sagt Andrea Wiedemann zu den Kommentaren, die man jetzt auf der Strasse hört, dass die beim Kanton ja ein unglaubliches Buff haben, wenn sie nicht einmal ein paar Honorare korrekt abrechnen können? Wiedemann zuckt mit den Schultern: «Wir arbeiten im Schaufenster.» Die Qualität der Arbeit in der kantonalen Verwaltung sei gut vergleichbar mit der Qualität der Arbeit in der Privatwirtschaft. «Aber bei uns dringt alles nach aussen.» Das sei ja grundsätzlich auch gut, weil es um Steuergelder gehe. «Es geht um das Wohl der Bürger, deshalb ist Transparenz wichtig. Es fragt sich nur, wie die Transparenz genutzt wird.»

Das Schaufenster, das Andrea Wiedemann leitet, ist gross: Der Kanton Basel-Stadt hat insgesamt 10282 Mitarbeiter, verteilt auf etwa 7700 Vollzeitstellen. Das sind ohne Spitäler und ohne BVB und IWB gerechnet die Mitarbeiter der sieben Departemente und der Gerichte. Der ZPD erbringt darüber hinaus für BVB und IWB und für die Spitäler Felix Platter und UPK gewisse Dienstleistungen. Der ZPD selbst ist im Finanzdepartement angesiedelt und hat 73 Mitarbeiter, die in sechs Abteilungen organisiert sind. Was machen all die Leute in einer Personalabteilung?

Die Abteilung Recht kümmert sich zum Beispiel um die Rechtssetzung im Kanton, also um die Entwicklung von Gesetzen und Verordnungen im Bereich Personalwesen. So hat die Abteilung laut Wiedemann die Whistleblower-Verordnung entwickelt. Die Abteilung Personal- und Organisationsentwicklung kümmert sich um die Weiterbildung im Kanton. «Wir bilden über 20 Lehrberufe aus und haben 300 Lernende im Kanton», erzählt Wiedemann. Da ist auch eine Stelle für Chancengleichheit angesiedelt – im Kanton arbeiten Menschen aus über 50 verschiedenen Nationen.

Die Abteilung Vergütungsmanagement kümmert sich um die Einreihung der Kantonsmitarbeiter in die Lohnklassen und passt die Stellenbeschreibungen an. Das Care Management kümmert sich um Mitarbeiter, die ausfallen bei Krankheit oder Unfall. Ziel ist es dabei, die Mitarbeiter möglichst rasch wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren. Das HR-Dienstleistungscenter schliesslich besorgt die Lohnverarbeitung für den gesamten Kanton. Diese Abteilung produziert pro Jahr 204 000 Lohnabrechnungen mit allen Sozialabzügen und -abrechnungen.

Frau Wiedemann, was ändert sich jetzt nach dem Fiko-Bericht?

Wir verbessern das interne Kontrollsystem und werden das Sechsaugenprinzip einführen. Zwei dieser Augen werden immer meine sein.

Und der Spielraum?

Spielraum bleibt immer. Deshalb wird es immer Entscheidungen geben, über die man diskutieren kann. Aber schauen Sie mal, über wie viel Geld wir diskutieren. Klar, jeder Rappen zählt. Aber wenn man die Zahlen in Relation zu allen Honorarbewegungen stellt, dann sind die Differenzen doch sehr klein.

Zahlen kann man immerhin berechnen. Was bleibt Ermessen?

Im Personalmanagement ist sehr viel Ermessen. Natürlich nicht, wenn es um die Höhe von Spesen geht. Aber zum Beispiel eine Anstellung, der Entscheid für eine bestimmte Person, das ist am Schluss immer Ermessen. Aber mit den unterschiedlichen Betrachtungsweisen habe ich keine Mühe. Es ist die Frage, wie man mit Spielraum umgeht und was passiert, wenn Interpretationen unterschiedlich sind. Handlungsspielraum ist ja genau das, was einen Job interessant macht. Ich sage mir: Lieber eine falsche Entscheidung, als gar keine. Nicht entscheiden ist immer falsch.