Es kann durchaus sein, dass ihre Bürokollegin morgen einen etwas verstörten Eindruck hinterlassen wird. Der Grund dafür könnte sein, dass sie am Vorabend das neungängige Menu der beiden Wiener Köche Marcel Jouja und Felix Vidensky in der Carambolage zu sich genommen hat. Die beiden «High-End-Köche», wie sie sich selber bezeichnen, haben sich nämlich auf Menus mit legalen, psychoaktiven Nahrungsmittel spezialisiert.

«Opium im Volk» nennen sie ihr Kochseminar, das sie seit gut einem Jahr in Wien und mehrfach auch schon in Basel aufführen. «Die gängigsten Lebensmittel beinhalten, richtig dosiert und zubereitet, allerlei Stimmungsmacher. So findet man Amphetamine in Wurst und Glühwein, Antidepressiva im Safran, Stimmungsmacher wie Beta-Carboline im Ketchup. Und selbst der harmlos scheinende Salat hat Sesquiterpene in sich und wurde früher getrocknet als Opiumersatz gehandelt», zitiert Vidensky aus dem Buch des deutschen Lebensmittelchemikers Udo Pollmer.

Safran aus Anatolien

Dieses Buch ist ein Standardwerk über natürliche Drogen in Lebensmitteln und dient den beiden Köchen als Grundlage. «Aber das Wissen um die Substanzen ist nur der Anfang –, man muss auch wissen, wo man die guten Lebensmittel herbekommt und wie man sie zubereitet», sagt Jouja. «Als wir das erste Mal mit Zimt experimentiert haben, hat sich keine Wirkung eingestellt, weil wir nicht den echten Zimt verwendet haben, sondern ein standardisiertes Produkt aus dem Supermarkt.» Seither besorgen sie sich diesen direkt aus Indien, sammeln die Wacholderbeeren in den Pyrenäen selbst und lassen sich Safran aus Anatolien zuschicken.

(Quelle: Youtube/VJii Productions AG)

Video-Reportage von einer früheren «Opium im Volk»-Ausgabe im Basler Rheinhafen.

Schmerzmittel zum Apéro

Ihr Menu für 110 Franken inklusive Wein-Begleitung eröffnen sie traditionell mit einem beruhigenden Salat mit einer Sauce aus zwölf Chicorée-Strünken. Die darin enthaltenen Bitter-Stoffe Lactucin und Lactupikrin sind laut einer Studie von 2006 doppelt so wirksam sind wie das Schmerzmittel Ibuprofen. Sie haben dem Salat auch den Übernamen «Deutsches Opium» eingebracht.

Nach einer Rauchpause – diese sei wichtig, weil gewisse Inhaltsstoffe der Zigarette die Wirkung verstärken – geht es mit drei oder vier aufputschenden Gängen weiter. Dazu gehört ein mit sechs Gramm Safran (im Wert von rund 180 Franken) gewürzter Wein, dessen Bestandteile dem Antidepressivum Prozac entsprechen. Danach wird Gemüse mit einer grünen Sauce aus mindestens einem Kilogramm Petersilie aufgetischt. «Wichtig dabei ist, dass der Peterli mit einem Mixer mit goldenen Klingen zerkleinert wird, damit die molekularen Bestandteile nicht zerstört werden», sagt Jouja.

Halluzinogenes Ketchup

Als Abschluss wird ein Safran-Risotto mit selbst gemachtem Ketchup gereicht. Während der Safran «gewisse Substanzen nachlegen soll», wie Vidensky erklärt, hat das Ketchup aus Tomaten, Lorbeer, Wacholder und Whisky eine halluzinogene Wirkung. «Dieser Effekt entsteht beim stundenlangen Einkochen. Dafür ist insbesondere die braune Kruste verantwortlich, die sich während des Kochens bildet», so Jouja.

Die beiden Vorstellungen in der Carambolage von heute Abend und vom Sonntag sind bereits ausverkauft. Im Frühling kommen die beiden Wiener erneut nach Basel. Genauere Informationen publizieren sie jeweils auf ihrer Facebook-Seite, auf der es auch einige Rezeptvorschläge gibt.